Dr. Ralf Hartmann und die Zitadelle Spandau, Skulptur

Dr. Ralf F. Hartmann (Kulturamts- und Ausstellungsleiter von Spandau) im Interview mit AusserGewöhnlich Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Vergrabene Köpfe im Tiergarten entdeckt

Das wusstest Du bestimmt noch nicht! Spandaus Kulturamts- und Ausstellungsleiter Dr. Ralf F. Hartmann über vergrabene Berliner und ein Stück Berliner Geschichte...

Wo sind wir hier?

Wir sind im Museum der Zitadelle Spandau, dem Proviantmagazin, das Berlin und seine Denkmäler enthüllt. Es ist eine Sammlung von politischen Denkmälern, die mal im Berliner Stadtraum aufgestellt waren und meist aus politischen Gründen wieder abgebaut worden sind.

Proviantmagazin Zitadelle Spandau

Das Proviantmagazin auf der Zitadelle Spandau ©AusserGewöhnlich Berlin

Von welchen politischen Gründen sprechen wir? Erzählen Sie uns eine Geschichte!

Bis 1945 konnte man beispielsweise die Siegesallee im Tiergarten sehen. Danach waren die Marmorskulpturen aus der Stadt verschwunden. Aber zuerst zu den Skulpturen:

Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise

Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise auf der Zitadelle Spandau. ©AusserGewöhnlich Berlin

Kaiser Wilhelm II. beauftragte 27 Bildhauer, eine Genealogie des Hauses Hohenzollern in Marmor zu meißeln. Das war um 1900.

Und diese Skulpturen von brandenburgisch-preußischen Herrschern standen bis 1945 im Tiergarten.

König Friedrich Wilhelm III. in der Zitadelle Spandau im Proviantmagazin

König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) Rudolf Siemering, enthüllt 22. Dezember 1900 ©AusserGewöhnlich Berlin

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Alliierten beschlossen, dass alle preußischen Denkmäler aus dem Stadtraum entfernt werden mussten, weil man nicht mehr das alte Preußen als Symbol in der Stadt haben wollte. Auch das Denkmal von Friedrich dem Großen unter den Linden musste verschwinden. Alle wurden abgebaut.

Die Marmorskulpturen wurden im Park des Schlosses Bellevue vergraben.

Und wie kommen die Skulpturen in die Zitadelle Spandau?

In den 1970er Jahren hat man den Park des Schlosses Bellevue wieder als Gartendenkmal hergerichtet.

Die Gärtner sind in dem Zuge immer mit dem Pflug über die Betonköpfe gegangen und mussten sie aus der Erde nehmen.


Graf Hieronymus von Schlick

Graf Hieronymus von Schlick (gest. 1612) - Norbert Pfretzschner enthüllt 26. Oktober 1900 ©AusserGewöhnlich Berlin

Die Skulpturen wurden ausgelagert. Einige waren schon in der Zitadelle Spandau, andere wurden im Lapidarium am Landwehrkanal eingelagert. Das Gebäude wurde aber vom Land Berlin verkauft. Und als das Land Berlin dieses Gebäude verkauft hatte, war die große Frage: Wohin mit den Denkmälern?

Alle Denkmäler wurden hier auf die Zitadelle Spandau gebracht. Sie standen draußen im Außenraum und witterten vor sich hin. Meine Vorgängerin hat dann vor 8 Jahren die Idee gefasst, ein Museum für die Skulpturen bauen zu lassen.

Kennt man einige der Figuren?

Das sind alles brandenburgische Landgrafen, Kurfürsten und Könige, die jetzt in der Zitadelle Spandau gezeigt werden.

Zum Beispiel Friedrich I., der erste König von Preußen, der sich quasi 1701 in Königsberg selbst gekrönt hat. Oder Albrecht der Bär, Begründer der Mark Brandenburg.

Graf Rochus zu Lyra (1525-1596)

Graf Rochus zu Lynar (1525-1596) Martin Wolf enthüllt 18. Dezember 1901 ©AusserGewöhnlich Berlin

Was ist die Geschichte hinter dem Gebäude?

Dieses alte Gebäude, das sogenannte Proviantmagazin aus dem 16. Jahrhundert, wurde von zwei italienischen Baumeistern gebaut. Das sind der Baumeister Chiaramella und der Graf Rochus zu Lynar.

Das Gebäude  stammt aus der Erbauungszeit der Zitadelle. Die Nationalsozialisten hatten es aber entkernt, weil auf dem gesamten Gelände im Zweiten Weltkrieg die sogenannten Heeres-Gasschutz-Laboratorien drin waren.

Es wurde mit Kriegsgasen experimentiert. Mit Sarin, mit Zyklon B, also mit den Giftgasen, die von den Nazis eingesetzt worden sind.


Die Nazis haben in fast allen Gebäuden der Zitadelle Spandau Stahlbetondecken einbauen lassen, weil sie Angst vor Bombenangriffen hatten.

Die Zitadelle Spandau von außen

Die Zitadelle Spandau ©AusserGewöhnlich Berlin

Aber das war das große Glück der Zitadelle.

Die Alliierten wussten, dass hier diese Labore waren und deswegen wurde die Zitadelle Spandau nie bombardiert.

Man hatte Angst, dass alles vorbei sei, wenn das Ding mit den ganzen Giftgasen hochgeht.

Die riesigen Räume wurden viele Jahre als Magazin genutzt. Dann wollte man das Museum neu herrichten. Es gab einen Architekturwettbewerb.

Staab Architekten haben den Zuschlag bekommen. Sie sind für eine sehr puristische, reduzierte und zeitgenössische Architektur bekannt. Staab Architekten haben das Museum umgebaut und die Präsentation gemeinsam mit einer wissenschaftlichen Kommission entwickelt.

Und was ist das Besondere an dem Museum?

Das Museum ist barrierefrei eingerichtet und an den Medienstationen kann man sich über andere Denkmalprojekte, zum Beispiel auch aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, informieren.

In Erinnerung an Werner Meister und Friedrich Meister

Gedenktafel im Museum "Enthüllt!" auf der Zitadelle Spandau ©AusserGewöhnlich Berlin

Das bekannteste oder wichtigste aus dieser Zeit ist eigentlich das sogenannte Revolutionsdenkmal von Mies van der Rohe, der auch die Neue Nationalgalerie gebaut hat. Also ein internationaler Architekt der Moderne. Hier gibt es das auch als Tastmodell für blinde Menschen. So können sich blinde Menschen eine Vorstellung machen, wie das Denkmal ausgesehen hat. Es gibt einen extra Audioguide für Blinde und sehbehinderte Menschen.

Gibt es in Spandau noch mehr Kultur? Spandau wird ja bekanntlich eher unterschätzt.

Es gibt sehr viel Kultur in Spandau.

Wir haben in der Altstadt das gotische Haus, das älteste Bürgerhaus Berlins. Hier auf der Zitadelle steht auch das älteste Gebäude Berlins, der Juliusturm.

Es gibt allein 5 historische Museen und zwei Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst auf der Zitadelle, sowie drei kommunale Galerien, ein Museum und ein großes Kulturhaus in der Altstadt.


Vielen Dank für das Interview.

Denkmal für die gefallenen Eisenbahner im Proviantmagazin

Denkmal für die gefallenen Eisenbahner - Emil Cauer - enthüllt 16. November 1928 ©AusserGewöhnlich Berlin

Mahnmals für die Opfer des Faschismus

Glasquader und Erinnerungstafel des Mahnmals für die Opfer des Faschismus und Militarismus in der Neuen Wache ©AusserGewöhnlich Berlin

Denkmal - Grenzposten - Hans Eickworth 1968

Denkmal - Grenzposten - Hans Eickworth 1968 ©AusserGewöhnlich Berlin

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