Urban Cargo liefert an Unternehmen mit elektronischen Fahrzeugen

Roland Prejawa auf einem Cargo Bike von Urban Cargo ©Urban Cargo

Warum wir keine Stadt brauchen, die blitzblank ist

Urban Cargo Geschäftsführer Roland Prejawa spricht mit uns über die Verkehrspolitik in Berlin, wie man die Gentrifizierung stoppen kann und warum wir kein blitzblankes Berlin brauchen.

Was müsste sich in Berlin dringend verändern?

Die Fahrradinfrastruktur muss komplett neu durchdacht werden.


Und hier gibt es zwei Dinge:

Zum einen haben wir einen sehr hohen Verkehrsanteil an Autos, die unser Straßenbild dominieren. In unserer Denkweise ist es fest verankert, dass die Straße den Autos gehört. Dadurch verdrängen wir den Radverkehr, der für viele Leute, gerade jetzt im Sommer, viel attraktiver wäre als mit dem Auto zu fahren. Deswegen müssen wir den Bau und Ausbau von Radwegen für den urbanen Verkehr beschleunigen. Unsere Kinder sollen ja auch mit dem Fahrrad fahren. Und gerade für unsere Kinder brauchen wir geschützten Raum.

Eine weitere wage Idee von mir ist es, den Verkehr wetterabhängig zu gestalten. Bei 20 Grad und Sonnenschein könnte man zum Beispiel bestimmte Autostreifen für Autos sperren und diese für Fahrräder zugänglich machen.

Vor kurzem wurde ja auch das neue Berliner Fahrradgesetz vom Senat verabschiedet. Es ist ein zäher Prozess, aber es wird sich etwas verändern. Vor 25 Jahren war es in Paris zum Beispiel nicht möglich, Fahrrad zu fahren. Niemand kannte Fahrräder. Und heute hat Paris die Stadt Berlin um Längen überholt, was die Fahrradattraktivität anbelangt.

Woran liegt das? Wird Berlin, bezogen auf die Verkehrssituation, immer hinter anderen Städten bleiben oder kann Berlin aufholen?

Ich habe das Gefühl, dass die Umsetzung von bestimmten Ideen vom Senat und dem Bezirksamt ziemlich stark aufgehalten wird.


Das Problem ist, dass kein vernünftiges Angebot existiert, um mit dem Fahrrad zu fahren. Es ist nicht genügend sicherer Platz für Fahrradfahrer vorhanden und dementsprechend fahren wenige Menschen mit dem Fahrrad.

Du warst verkehrspolitischer Sprecher im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Jetzt hast du einen Lieferdienst mit Elektroautos. Wie passen Politik und Wirtschaft zusammen?

Ich komme aus der Wirtschaft. 1983 habe ich die Firma Gullivers Reisen gegründet. Dort war ich bis 2006 in der Geschäftsleitung und verantwortlich für das Marketing und den internationalen Linienverkehr. Ich habe Strecken wie Oslo-Neapel oder Riga-Lissabon aufgebaut.

2006 bin ich mit dem großen Ziel, etwas verändern zu wollen, in die Politik eingestiegen.

Ich wollte den langsamen Staatsapparat in Berlin beschleunigen. Vor allem in Hinblick auf die Verkehrssituation.


Aber letztendlich ist das ein sehr langsames Mahlen von Mühlen.

Ich habe neben der Politik immer privatwirtschaftlich gearbeitet und so war es für mich logisch, etwas eigenes Betriebswirtschaftliches zu machen, nachdem ich mit der Politik aufhörte. Etwas, was mir Spaß macht.

Konntest du etwas verändern in deiner Zeit als verkehrspolitischer Sprecher?

Ehrlich gesagt, nur marginal. Hier und da habe ich mal eine Kreuzung fahrradfreundlicher gestaltet oder einen Bauprozess beschleunigt. Im wirtschaftlichen Bereich konnte ich ab und zu etwas vereinfachen. Aber auf die Bezirks- und Landespolitik konnte ich nicht wirklich einwirken.

Am Ende ist man einfach nur froh, dass sich etwas verändert.

Die Cargo Bikes von Urban Cargo in der Cicerostraße

Die Cargo Bikes von Urban Cargo ©Urban Cargo

Was ist euer Ansatz? Was ist Urban Cargo?

Mit Urban Cargo liefern wir Waren mit elektrischen Fahrzeugen zu den Endverbrauchern.

Zum Beispiel machen wir die komplette Auslieferung von Amazon Prime Now und verschiedenen Caterern. Die Bikes sind Lastenfahrräder und kleine elektrische Scooter mit einer großen Box vorne dran. Die Firma habe ich 2016 gegründet.

Was wir uns wünschen, sind mehr Leicht- und Elektrofahrzeuge. Und, was Oslo vorgemacht hat, dass diese auf der Busspur fahren dürfen und vielleicht auch in der Innenstadt kostenfrei parken können.

Und was macht euch besonders?

Es gibt große Firmen, die den ganzen Kurierdienstbereich mit sogenannten Lastenrädern oder Cargo Bikes machen. Aber die machen noch nicht alles elektrisch unterstützt. Wir sind CO2 neutral und da sind wir die ersten in Berlin, die das konsequent umsetzen. Und da müssen wir noch Pionierarbeit leisten, denn unsere Infrastruktur ist noch auf fossile Brennstoffe ausgelegt. Man findet überall eine Tankstelle, aber bis eine Ladestation für Elektrofahrzeuge gebaut wird, dauert es zwei Jahre.

Wir sind Vorreiter, um zu zeigen, wie viel schneller und sauberer es ist, in der Stadt mit elektronischen Fahrzeugen auszuliefern.

Wie lange lädt denn so ein Cargo Bike und wie hoch ist Reichweite?

Die Batterietechnik steckt leider noch in den Kinderschuhen. Aber ein Cargo Bike kommt ca. 40km weit. Wir haben Wechselakkus bei uns drin und wenn ein Fahrer zwei Touren gefahren ist, tauscht er die Akkus aus und lädt den anderen wieder für zwei Stunden auf.

Wir haben mit einem Elektroauto einen Cadillac für Wandelism aus Bad Saarow abgeholt. Das Problem ist leider die Reichweite. Wir haben ein Elektroauto, das knapp 230km schafft. Bad Saarow ist 90km entfernt. Das bedeutet, dass man das Auto vorher acht Stunden aufladen muss, dann wird alles genau geplant und man darf keinen Kilometer weiter fahren als geplant. Die Reichweite ist leider noch der große Killer in der Lieferbranche. In der Stadt sind 200km Reichweite kein Problem, aber wenn man ein bisschen weiter fahren will, braucht man etwas mehr.

Was denkst du, wie sich die Stadt neben Fahrrädern oder Cargobikes verändern wird?

Ich denke, dass der ÖPNV nicht mehr mit großen Bussen durch die Gegend fahren wird, sondern mit Kleinbussen für 6 bis 7 Personen.

Der Personennahverkehr wird sich viel mehr individualisieren.


Am Ende kann man dann die Fahrzeuge per App zu sich rufen, setzt sich rein und wird zu seinem Ziel gefahren.

Ist der Anteil an privaten PKWs noch sehr hoch in Berlin?

Der Anteil an Fahrzeugen pro 1000 Personen ist in Berlin nur halb so groß, wie in Frankfurt oder München. Trotzdem ist er immer noch zu hoch. In Mitte gibt es schon Fahrradstraßen, auch wenn da leider immer noch Autos fahren dürfen.

Und da muss man meiner Meinung nach strenger ran gehen, wenn man die CO2-Belastung in Berlin senken möchte. Die blaue Plakette müsste kommen, damit die alten Dieselfahrzeuge verschwinden. Das klingt jetzt natürlich ein bisschen radikal und ich weiß natürlich, dass es Gewerbebetriebe gibt, die nicht plötzlich ihre Fahrzeuge ändern können. Aber auch da kann man Übergangsfristen schaffen.

Warum sieht sich alles so lange hin?

Es gibt zu viele Interessen, die berücksichtigt werden müssen. Und zu wenig politischer Mut, Ideen umzusetzen.


Es hat zum Beispiel acht Jahre gedauert, bis die Leipziger Straße mit Tempo 30 ausgeschildert wurde, um die CO2 Belastung zu reduzieren.

Außerdem merkt man heute noch die Nachwirkungen der Förderungspolitik, was die Automobilität anbelangt. Die Autos und der Diesel werden maßlos gefördert. Zudem würden viele Arbeitsplätze in der Automobilindustrie wegfallen, wenn wir komplett auf Elektromobilität umsteigen würden. Denn Elektrofahrzeuge sind einfacher in der Herstellung.

Warum warst du so stark bei Wandelism engagiert?

Ich fand es geil. Da ich im Lichtpark schon ähnliche Sachen gemacht habe, fand ich es sehr geil. Und da sind schon Orte im Gespräch, wohin man Wandelism verlagern kann.

Es ist schmerzhaft, den Prozess der Gentrifizierung in der Stadt zu sehen.

Man muss ganz klar sagen, die Stadt darf nicht denen gehören, die sich die Stadt kaufen. Die Leute, die in der Stadt leben, machen die Stadt aus und nicht die Menschen, denen sie gehört.


Und was können wir für Berlin machen?

Wir müssen in Berlin bezahlbaren Wohnraum schaffen. Dazu müssen die senatseigenen Wohnungsbaubetriebe, wesentlich stärker in die Pflicht genommen werden. Und denen muss klar gemacht werden, dass man preisgünstigen Wohnraum schafft, um die soziale Mischung zu erhalten.

Ich finde gut, dass man mit Wandelism darauf aufmerksam macht. Denn das größte Problem der Künstler ist eigentlich, billigen Wohnraum zu finden, in dem sie leben können. Bei allen Förderungen und Subventionen, die es angeblich für Künstler gibt, ist es immer noch das Einfachste, ihnen billigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Denn dann fangen kreative Menschen auch wieder an, sich hier anzusiedeln.

Aber wenn wir Wohnungen schaffen, bauen wir wieder. Und wenn wir bauen, gentrifizieren wir langfristig wieder. Es muss irgendeine Zwischenmöglichkeit geben.

Wie angesprochen, können die landeseigenen Baufirmen preisgünstigen Wohnraum schaffen, um den Markt zu entspannen. Zehn Prozent an Neubauwohnungen müssen zu einer günstigeren Miete zur Verfügung gestellt werden, damit eine soziale Mischung entsteht. Und dann muss man behutsamer darüber nachdenken, ob jedes Haus, das in den 50iger Jahren entstanden ist, wirklich so schlecht ist, dass man es abreißen muss.

Wie sieht denn deine Stadt der Zukunft aus?

Meine Traumstadt der Zukunft kann viele kreative Menschen beherbergen und hat viele Nischen für Kunst. Das macht eine Stadt aus. Wir brauchen keine Stadt, die blitzblank ist. Denn durch Künstler werden interessante Stadtteile geschaffen.


Roland Prejawa über die Verkehrspolitik in Berlin

Roland Prejawa von Urban Cargo ©Urban Cargo

Prenzlauer Berg ist ein von Künstlern geschaffener Bezirk und vor 20 Jahren zum Beispiel unheimlich beliebt geworden. Dann kamen immer mehr Menschen und haben sich Wohnungen gekauft. Und inzwischen ist es komplett gentrifiziert. Hier leben nur noch Leute, die es sich leisten können. Aber die Kunst wandert dann ab. Und das kann es nicht gewesen sein, denn dann wird die Stadt langweilig.

Berlin ist für seine Kunst und Kultur sehr bekannt und das muss einfach bestehen bleiben, auch wenn es einigen Leuten nicht gefällt.


Was hast du eigentlich noch so vor Urban Cargo gemacht?

Wie anfangs erwähnt, habe ich 2006 die Firma Gullivers Reisen verlassen. Dann hatte ich für zwei Jahre ein afrikanisches Restaurant im Rahmen von pro Afrika. Danach übernahm ich für ein Jahr im Club Tresor die kaufmännische Geschäftsleitung. Von 2010 bis 2014 hatte ich dann den Lichtpark an der Michael-Kirch- Straße, einen OpenAir Club. Danach war ich Leiter eines Stadtteilladens einer Abgeordneten.

Verkehrspolitischer Sprecher im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf war ich zwischen 2006 und 2016. Und 2011 bis 2016 hab ich den Wirtschaftsordnung- und Verkehrsausschuss geleitet.

Und dann war ich noch von 1992 bis 2000 im Vorstand des Vereinsmuseums der verbotenen Kunst. 1991 haben wir mit dem Verein einen ehemaligen Grenzwachturm im Schlesischen Busch in Kreuzberg vor Abrissversuchen gerettet, bis er dann im November 1992 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Bis 2000 haben wir diesen Wachturm als Museum betrieben.

Lieber Roland, vielen Dank für das Interview!

 

Hier geht es zu Urban Cargo.

Weitere spannende Artikel neben Urban Cargo:

Wo der Bus fühlt, dass der Gully voll ist, Was passiert, wenn Kreative revoltieren – WandelismGeht rein und investiert die Kohle, Platz für Freiheit und Chaos – Holzmarkt, Kreativität und Kommerz – Das ist Berlin, Berlin is in THE HAUS

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.