Gabriele Thöne, die Vorstandschefin von Urania

Gabriele Töhne, Vorstandsvorsitzende der Urania Berlin e.V. ©AusserGewöhnlich Berlin

Berlin ist der Nordstern der freien Welt – Urania

In Zeiten der Digitalisierung spricht die AusserGewöhnliche Berlinerin Gabriele Thöne, Urania Berlin e.V., über Veränderung und die eineindeutige Uneindeutigkeit.

Die Urania wurde im Jahr 1888 von den Astronomen Wilhelm Foerster, einem Schüler von Alexander von Humboldt, und Wilhelm Meyer gegründet. Die Urania war damals das erste Science-Center der Welt. Wie positioniert sich die Urania in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung?

Der Impuls zur Gründung ging von Alexander von Humboldt aus. Er wollte das Wissen seiner Zeit aus den Mauern klassisch elitärer Bildungsstätten hinaus auf die Straße bringen, ganz im Sinne der Aufklärung. Darauf beruht die „Vision Urania“: wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Laienpublikum nahezubringen.

Die Urania sitzt an der Urania 17

Sitz des Kultur- und Bildungsvereins Urania ©AusserGewöhnlich Berlin

Heutzutage werden wir in rasant steigendem Maße mit immer komplexeren Sachverhalten konfrontiert. Jeder ist inzwischen auf nahezu jedem Gebiet ein Laie. Durch die Digitalisierung erhält er eine weltumspannende Fülle an Daten und Informationen, die es einzuordnen und zu bewerten gilt. So ist in der heutigen Zeit die Urania Berlin wichtiger denn je, denn sie versucht allgemeinverständlich, aber auf hohem Niveau „Licht und Sichtachsen“ zur Orientierung zu geben.

Was können Berliner in der Urania lernen?

Alles auf Anfang: Das Wort „lernen“ stammt von „leisten“, und das wiederum bedeutet: einer Spur nachgehen. Wer das tut, ist grundsätzlich neugierig, will wissen, was am Ende dieser Spur steht, und erhofft sich davon mehr Chancen als Gefahren.

Gabriele Thöne und Alexander Wolf

Gabriele Thöne im Interview mit Alexander Wolf ©AusserGewöhnlich Berlin

Die Urania hilft, im übertragenen Sinne, Spuren zu erkennen und ihnen zu folgen.

Es geht darum, hinter die Kulissen zu schauen und dabei fremde Wege zu eigenen zu machen. „Lernen“ ist in der Urania ein angstfreier, freiwilliger und mit einem Zuwachs an Erkenntnis verbundener Akt des Erlebens. Gebiete der Naturwissenschaften, der Technik, der Politik, der Gesellschaft, der Wirtschaft oder der Kunst und Kultur werden abgedeckt. Nobelpreisträger und ausgewiesene Kenner ihres Gebietes führen dabei ein in das Wissen unserer Zeit.

Urania-Mit-Gründer Wilhelm Meyer hatte die Vision eines „Wissenschaftlichen Theaters“ für das Volk. Wie könnte ein modernes Science-Theater in der Zukunft aussehen? Wie vermittelt die Urania neues Wissen in Zukunft? 

Unsere Welt ist inzwischen zu komplex, um sie in einem Theaterstück oder durch eine Laterna magica vorzuführen.


Heutzutage kennen die Menschen gerade auch durch Internet und soziale Medien zahlreiche wichtige Mosaiksteine. Deshalb ist es wichtiger denn je, ihnen zu helfen, sich aus diesen vielen ungeordneten Einzelteilen ein Bild zu machen. Das kann im Vortrag durch einen Wissenschaftler geschehen, in einer Podiumsdiskussion oder beispielsweise tatsächlich durch ein learning by doing, wie es beispielsweise beim Robotikwettbewerb RobuCup alljährlich geschieht.

Gabriele Thöne und die Urania

Gabriele Thöne von der Urania ©AusserGewöhnlich Berlin

Einer Frage können wir nicht ausweichen: Was ist Wissenschaft?

Gesichert lässt sich sagen: Die Erde ist keine Scheibe. Aber was ist sie sonst? Vieles lässt sich heute in der Welt interdisziplinärer Suche nicht mehr eineindeutig beantworten. Wir brauchen mehr als eine Sicht der Dinge. Eine ganz wichtige Bedeutung kommt deshalb dem gesellschaftlichen Dialog zu. Wie Alexander von Humboldt bereits wusste: „Ideen können nur nützen, wenn sie in vielen Köpfen lebendig werden.“ Werner von Siemens, Erfinder und Industrieller, unterstützte seinerzeit die Gründung der Urania.

Gabriele Thöne vond er Urania im Bikini Berlin

Gabriele Thöne über die Frage: Was ist Wissenschaft? ©AusserGewöhnlich Berlin

Gibt es in Berlin noch Unternehmen, die sich für die Vermittlung von Wissenschaft an die breite Bevölkerung aktiv engagieren? Wenn nein, warum wäre es wichtig?

Ja, es gibt Unternehmen, für die die Vermittlung von Wissenschaft an die breite Bevölkerung ein hoher Wert ist. Da muss man sich nur auf unserer Website die Sponsoren und Förderer ansehen. Natürlich sind es immer noch zu wenig Unternehmen, die sich bisher für eine solche Förderung entschieden haben. Eine gebildete Gesellschaft ist die Wurzel allen Wohlstandes, heute und in Zukunft.

Deshalb ist der Rückfluss eines solchen unternehmerischen Engagements ungeheuer hoch und nachhaltig. Und das sowohl für die Allgemeinheit als auch für den Sponsor selbst. Dies gilt gerade auch auf dem Gebiet der Förderung lebenslangen und interkulturellen Lernens.

Gabriele Thöne über die Urania

Eine gebildete Gesellschaft ist die Wurzel allen Wohlstandes ©AusserGewöhnlich Berlin

Was ist Ihre Funktion in der Urania und Ihre Motivation, die Urania zu unterstützen?

Die Urania Berlin ist ein gemeinnütziger Verein, und ich bin die Vorstandsvorsitzende. Der Vorstand besteht derzeit aus sechs Mitgliedern. Alexander Wolf gehört jetzt auch dazu, was mich sehr freut! Der Vorstand hat die satzungsgemäße Aufgabe, zusammen mit der Geschäftsführung die Urania zu leiten.

Die Bedeutung und zugleich die Freude an Erkenntnis und Diskurs ziehen sich wie ein roter Faden durch mein gesamtes Leben. Hierdurch war es mir erst möglich, meiner Neugierde nachzugehen und aktiv am Leben und an gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben. Mein größter Wunsch ist folglich, dabei zu helfen, dass dies vielen, vielen anderen Menschen ebenfalls möglich ist und bleiben wird. Attraktivität und Zukunftsfähigkeit der Urania sind mir deshalb im Tiefsten ein Herzensanliegen.

Gabriele Thöne fördert den Diskurs in der Gesellschaft

Gabriele Thöne über die Zukunftsfähigkeit der Urania ©AusserGewöhnlich Berlin

Die Urania wurde im Jahr 1953 ein Verein. In den folgenden Jahrzehnten wurde das wissenschaftliche Angebot durch Lesungen berühmter Literaten wie Heinrich Böll, Max Frisch und Günter Grass erweitert. Welche Werte vertritt die Urania im 21. Jahrhundert? 

Auch heute ist der Urania die Literatur sehr wichtig, zum Beispiel repräsentiert durch Herta Müller. Zahlreiche Bühnenveranstaltungen, das größte Programmkino Berlins sowie die Möglichkeit, sie als Eventlocation mitten in Berlin zu mieten, sind etwas Besonderes.

Globalisierung und Digitalisierung implizieren Veränderungen. Ist die Urania mit diesen Themen vertraut, kann die Urania überhaupt Veränderung? Welche gesellschaftliche Verantwortung trägt die Urania, und unterstützt sie Unternehmen und die Gesellschaft in dieser Phase der Veränderung?

Die Urania ist eine lernende Organisation, d.h., die Frage nach Veränderungen ist Teil ihres Wesens.

Urania und Bildungsverantwortung

Urania trägt gesellschaftliche Verantwortung ©AusserGewöhnlich Berlin

Aufgabe der Urania ist es, die Menschen auf dem Weg zur Veränderung und damit zur Zukunft mitzunehmen. Sie schaut nicht weg bei der Entkoppelung der Allgemeinheit von einer kleinen hoch spezialisierten Wissensgesellschaft. Wer sich so etwas auf die Fahne schreibt, der trägt gesellschaftliche Verantwortung. Er muss die neuralgischen Punkte aus der Fülle der Themen aufspüren und thematisch aufbereiten. Wie sehr das gelingt, verdeutlicht ein Blick in das aktuelle Programm.

Bei der Gründung der Urania war Berlin eine der modernsten Metropolen der Welt und beeinflusste die Zukunft. Wie ist Ihrer Meinung nach der Ist-Zustand Berlins? Wie wird sich Berlin in den nächsten Jahren entwickeln?

Berlin ist der Nordstern der freien Welt.


Gabriele Thöne über die Strahlkraft Berlins

Gabriele Thöne über die Zukunft Berlins ©AusserGewöhnlich Berlin

Das vergessen wir oft und verheddern uns in kleinen Grabenkämpfen und Provinzpossen. Klar, wir sind nicht der Nabel der Welt, zumal die Welt sich durch die Globalisierung selbst von solchen „Zentrismen“ abnabelt. Aber wir müssen der Zukunft ein Zuhause geben: Diversität und angstfreies Denken machen die Strahlkraft Berlins aus. Das sollte wieder deutlich werden. Das ist mein Wunsch, verwirklichen kann er sich aber nur in der Stärke der Gemeinschaft. AusserGewöhnlich Berlin ist dabei ein ganz wichtiger Pfeiler.

Sitz der Urania e.V.

Die Geister von Albert Einstein und Marie Curie schweben in der Urania ©AusserGewöhnlich Berlin

Dieses Interview ist erstmals im eMagazin von AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 07/2017 erschienen.
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