Ulrich Weigand der Direktor der Urania Berlin

Ulrich Weigand, Direktor der Urania Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Wikipedia wurde eigentlich 1888 in Berlin erfunden

Vor 130 Jahren und damit lange vor der Gründung Wikipedias 2001, wurde in Berlin die weltweit erste Enzyklopädie zum Anfassen gegründet. Die Urania Berlin bekommt frischen Wind mit dem neuen Direktor Ulrich Weigand.

Was ist denn die Urania Berlin?

Für mich ist die Urania Berlin eine Wissensplattform. Wir bieten die Möglichkeit, Wissenschaftler kennenzulernen, die Wissen vermitteln, zeigen woran sie arbeiten und wohin die Zukunft geht. Man kann direkt Fragen stellen, neue Erkenntnisse gewinnen und Menschen kennenlernen, die sich für dieselben Themen interessieren. Ich glaube genau diese echte Vernetzung brauchen wir in Zeiten der Digitalisierung viel mehr.

Aber die Urania ist auch ein Ort, wo ich mich als Bürger dieser Stadt vernetzen und gemeinsam mit anderen die Stadt verändern kann.

23 Jahre lange wurde die Urania Berlin von Herrn Dr. Ulrich Bleyer geführt. Nun haben Sie übernommen. Was ist Ihre Herausforderung bei der Urania?

„Die Herausforderung ist: Das Haus in die Zukunft führen. Wir müssen uns dem gesellschaftlichen Wandel anpassen.“


Und was jüngere Generationen jetzt interessiert ist, wie wir die Gesellschaft gestalten können. Es gibt heute einen anderen Anspruch, auch durch das multikulturelle internationale Berlin.

Ulrich Weigand in der Urania Berlin

Seit Anfang April ist Ulrich Weigand der neue Direktor der Urania Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Im Moment ist die Urania-Zielgruppe durchschnittlich ca. 60 Jahre alt. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie die jüngere Generation ansprechen?

Der erste Schritt ist, das was da ist, zu stärken und mehr hervor zu heben.

Außerdem möchte ich neue Formate einführen. Der klassische Vortrag mit Frontalbespielung hat durchaus noch seine Berechtigung. Denn wir haben hier Philosophen, Mathematiker und andere interessante Experten, die hoch anschaulich ihre spezifischen Themen erklären. Das Markenzeichen der Urania Berlin, großartigen Persönlichkeiten zu begegnen, möchte ich also unbedingt beibehalten.

Darüber hinaus gibt es aber viele neue Dialogformate wie TED-Konferenzen und Science-Slams, wo sich jüngere Menschen angesprochen fühlen. Die möchte ich in die Urania Berlin holen. Und es sollen auch Menschen aus jüngeren Generation dabei sein. Es gibt eine Menge Nachwuchswissenschaftler in Berlin, aber auch viele Kulturgrößen.
Wir haben ganz viele kulturelle und wissenschaftliche Einflüsse in der Stadt. Es gibt Sozialforscher, Theatermacher und Gestalter aus allen Bereichen.

„Die Welt ist in Bewegung und so möchte ich Gestalter aus allmöglichen Bereichen mit ihren Netzwerken einladen.“


Wissenschaftler die Vorträge in der Urania Berlin gehalten haben

Galerie in der Urania Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Haben Sie auch vor, in Zukunft digitaler zu werden?

Absolut. Der digitale Wandel ist die Herausforderung Nummer Eins und soll auch zum Thema der Urania Berlin werden.

Dazu müssen wir zuerst beschreiben, was in der Arbeitswelt, im Alltag und in der Mobilität der Stadt passiert. Und dann müssen wir uns darüber verständigen, was für Veränderungen anstehen.

Die Politik versucht ganz grob zu reagieren. Aber die Politik hat im Grunde noch kein Rezept, wie wir mit der Digitalisierung umgehen. All diese Fragestellungen sind im Moment noch überhaupt nicht beantwortet.

„In den nächsten Jahren werden viele Arbeitsplätze wegfallen und für diese Menschen müssen neue Aufgaben gefunden werden.“


Ich glaube, dass die Urania da einen ganz wichtigen Beitrag leisten kann.

Ich sehe die Urania Berlin als einen ganz unabhängigen Ort. Diese Freiheit möchte ich nutzen, um auch mal Themen aufzugreifen, die der Politik nicht so recht sind. Zum Beispiel möchten wir Fragen beantworten, die die Politik nicht beantwortet.

Viele Menschen sind mit den Prozessen der Berliner Politik unzufrieden. Ich glaube, dass es nicht ausreicht, nur Wutbürger zu sein oder zu demonstrieren. Wir als Bürger müssen lernen, wie wir uns aktiv in die Gesellschaft einbringen können. Wie das aussehen könnte, darüber wollen wir diskutieren.

Eingangsschild der Urania Berlin

Die Urania Berlin befindet direkt an der Kreuzung von Kleiststraße und An der Urania ©AusserGewöhnlich Berlin

Warum sollte man in die Urania kommen, wenn man sich aus dem Internet alles Wissen ziehen kann?

Das Internet kann auch eine Überforderung sein.
Man weiß teilweise nicht, welche Seiten wirklich seriös sind. Und dann legt man all seine Daten im Internet offen. Alles, wonach wir suchen, worüber wir in sozialen Netzwerken sprechen, wie persönliche Vorlieben und Interessen angeben, alles, was die Persönlichkeit ausmacht, ist messbar. Und darüber müssen wir diskutieren. Wollen wir das wirklich?

Das Wissen gibt es in der Urania Berlin zentriert von seriösen Wissensträgern, ohne Angst um persönliche Daten haben zu müssen.

Dazu will die Urania einen Ort schaffen, wo sich Menschen einbringen können, Wissen austauschen und sich organisieren. Und wir wollen Wissen kombinieren und nahe an die Menschen bringen. Zum Beispiel ist eine Idee von uns, mit dem Thema Citizen-Science zu beginnen. Warum nicht mal den Chef von Wikipedia einladen?

„Mir ist es sehr wichtig, echte Veränderungen auszulösen.“


Büchersammlung in der Urania Berlin

Auch Bücher gibt es in der Urania Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Was denken Sie, wohin muss sich Berlin verändern? Was braucht die Stadt, was braucht die Gesellschaft?

Ich denke, Berlin braucht erstmal mehr bürgerliches Engagement.

Dann müssen wir offene Fragen klären: Wie wollen wir die schwindenden Freiräume in Berlin nutzen und wer entscheidet darüber? Wie können wir kulturelle Räume für die Kreativen sichern?

Die verschiedenen Gruppen der Stadt sollten sich verständigen, welche Themen ihnen wichtig sind.

„Denn es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was die Menschen bewegt und dem, was die Politik bewirkt.“


Diese muss verringert werden. Ich möchte Menschen in der Stadt vernetzen und helfen, Barrieren zu überwinden.

Der Eingangsbereich der Urania Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Was denken Sie: Bereichern Touristen und Neuberliner unsere Stadt oder geht die Seele Berlins durch Zugezogene verloren?

Berlin hat immer vom Zuzug gelebt, was viele Menschen, die hier leben und sich davon gestört fühlen, schnell vergessen. Wir müssen diesen Menschen helfen, hier wirklich anzukommen und dürfen das nicht nur der Politik überlassen. Die Neuberliner bringen neue Ideen in die Stadt und von denen müssen wir schöpfen.

Die Urania Berlin ist im Westen der Stadt angesiedelt. Wollen Sie auch einen Hub im Osten oder in Mitte öffnen?

Ja, wir sollten mehr in die Stadt einwirken, Satelliten bilden und auch aus der Urania Berlin herausgehen.

Wir müssen aber erstmal in die Stadt gehen und gucken, wo die interessanten Räume und Akteure sind. Mehr Vernetzung ist die Devise in den nächsten Monaten.

Einer der Eingänge der Urania Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Mit wem wollen Sie denn zuerst ein Netzwerk bauen?
Na, am liebsten gleich hier, in Schöneberg:

Die Urania ist für manche ein Fremdkörper im Kiez und gar nicht so vernetzt.

Direkt angrenzend an uns ist ein Wohngebäude für Geflüchtete, auf der anderen Seite ist hier der Schöneberger Schwulen- und Lesbenkiez. Und dann gibt es die gutbürgerlichen Schöneberger Kieze. Im Moment ist die Vernetzung nur mit Teilen der Gruppen vorhanden.

An dieser Stelle möchte ich anfangen. Es gibt im Sommer zwei Monate Saisonpause. Warum da nicht beispielsweise einfach mal ein Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche anbieten? Vernetzung ist sehr wichtig!

Mehr zur Urania Berlin und das aktuelle Programm finden Sie hier.

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