Christopher Jahns über das, was uns begeistert

Christopher Jahns über das, was uns begeistert ©AusserGewöhnlich Berlin

Prof. Dr. Christopher Jahns über was uns begeistert

Prof. Dr. Christopher Jahns über das, was uns begeistert. Und warum man dafür jede Woche 400 km fährt.

Neulich traf ich einen Menschen, der sich für Berliner Füße begeistert. Nicht was Sie jetzt vielleicht denken. Und auch nicht, was die meisten von uns dabei konnotieren: Füße? Waschen, in Socken stecken, möglichst chice Schuhe drüber – Thema erledigt. Eine halbe Stunde atemlosen Vortrags über das Fundament des aufrechten Gangs stellten mein Weltbild, pardon Kalauer, vom Kopf auf die Füße. Mein Arzt hatte mir für meine dauergereizte Achillessehne Einlagen verschrieben.

Also suchte ich den Orthopädie-Meister auf, um die 50, von unauffälliger Statur, im Keller des Orthopäden sitzend.

Ich bekam keine Einlagen. Ich bekam eine Lektion.

Der Meister gibt den Menschen keine Pronationsstützen – er gibt ihnen wieder festen Boden unter den Füßen. Er wechselt keine Einlegesohlen, sondern den ganzen Menschen aus: Stimmt es unten, stimmt es auch wieder oben. Das alles erklärte er mir mit einer Begeisterung, die den meisten Vorstandsmitgliedern mit zweistelligem Millionengehalt fremd sein dürfte.

Seine Begeisterung trägt weit:

Einmal die Woche fährt er die 400 km von Nienburg (bei Hannover) nach Berlin hin und retours, um sich der menschlichen Fundierung anzunehmen. Nicht weil er müsste, sondern weil er hier nach eigenem Bekunden die idealen Voraussetzungen für seinen Traum gefunden hat: Nur hier kann er ganzheitlich im Team mit Orthopäde und Physiotherapeut den Menschen wieder ins Lot bringen. Wenn er so erzählt, während ich wie alle seiner Vorlesungsgäste auf dem orthopädischen Catwalk auf und ab schreite und mich begutachten lasse, wirkt allein schon sein Enthusiasmus haltungskorrektiv im doppelten Sinne: Das ist das, was uns begeistert. Wünschen wir uns nicht alle so einen Orthopädie-Meiser in unserer Nähe? Das vielleicht nicht, aber: Wünschen wir uns nicht alle einen so begeisternden Job? Glück gehabt?

Weil er seinen Traumjob ergattert hat? Das wage ich zu bezweifeln.

Ich vermute: Nicht der Job macht die Begeisterung, sondern die Begeisterung den Job.

Der gute Meister macht aus einer Fußstellung ein Manifest der Standfestigkeit, aus einem Fußabdruck das Charakterbild des menschlichen Ganges, aus einem krummen Zeh ein Schicksalszeugnis. Wie kann man bloß so begeistert sein? Für einen Job? Für so einen Job? Und das seit Jahrzehnten und in der vierten Generation? Ich denke mir: Er hat nicht seinen Traumjob, er hat seine Begeisterung gefunden. Henne oder Ei? Henne.

Er hat seine Begeisterung nicht für einen Job und nicht für einen imaginären Traumjob gefunden, sondern für seinen Job.

Das ist doch mal eine Coping Strategy:

Träum nicht von dem, was dich begeistern könnte, sondern begeistere dich für das, was du tust.

Das ist aber arg pragmatisch? Und wird von der Wissenschaft bestätigt.

Wie Studien zum Affective Forecasting (u.a. Gilbert/Wilson) zeigen, liegen wir geradezu grauenhaft falsch in unseren weitgehend triebhaften Spekulationen auf das, was uns begeistern können müsste: „Beim nächsten Mann wird alles anders!“ – und dann ist es doch wieder dieselbe Beziehungskiste, nur diesmal in Grün. „Ein Lottogewinn – und ich habe ausgesorgt!“ – leider fangen danach die (verlustangstbedingten Geld)Sorgen erst an.

Wenn ich seit der Begegnung mit dem Orthopädie-Meister ein Kind sehe, das sich vor Begeisterung über eine komisch aussehende Wolke am Himmel nicht mehr einkriegt, reagiere ich nicht mehr mit der amüsierten Arroganz des Erwachsenen, sondern eher mit zen-inspiriertem Neid: Das müsste man (immer noch, endlich mal wieder) können! Im Alltäglichen das Außergewöhnliche suchen, finden und sich dafür begeistern.

Was ist schließlich alltäglicher als Füße? Wenn der Meister das kann, können wir es dann nicht wenigstens mal versuchen? Ich sage nicht, dass es leicht ist. Aber selbst wenn es schwer wäre (was es nicht ist): Wäre es nicht die Begeisterung wert?

Wenn wir Menschen begegnen, die geradezu atemberaubenden Enthusiasmus versprühen, können wir sicher sein: Die begeistert nicht, was sie tun, sondern wie sie es tun.

Eben: was uns begeistert. Egal was. Egal wo. Das ist das ganze Geheimnis.

Oder wie Stephen Stills 1970 sang – die Tag Line hat er von Billy Preston geborgt: „If you can’t be with the one you love, love the one you’re with.“

Das wünsche ich Euch.

Euer Christopher Jahns

Neulich traf ich einen Menschen, der sich für Berliner Füße begeistert. Nicht was Sie jetzt vielleicht denken. Und auch nicht, was die meisten von uns dabei konnotieren: Füße? Waschen, in Socken stecken, möglichst chice Schuhe drüber – Thema erledigt. Eine halbe Stunde atemlosen Vortrags über das Fundament des aufrechten Gangs stellten mein Weltbild, pardon Kalauer, vom Kopf auf die Füße. Mein Arzt hatte mir für meine dauergereizte Achillessehne Einlagen verschrieben.

Also suchte ich den Orthopädie-Meister auf, um die 50, von unauffälliger Statur, im Keller des Orthopäden sitzend.

Ich bekam keine Einlagen. Ich bekam eine Lektion.

Der Meister gibt den Menschen keine Pronationsstützen – er gibt ihnen wieder festen Boden unter den Füßen. Er wechselt keine Einlegesohlen, sondern den ganzen Menschen aus: Stimmt es unten, stimmt es auch wieder oben. Das alles erklärte er mir mit einer Begeisterung, die den meisten Vorstandsmitgliedern mit zweistelligem Millionengehalt fremd sein dürfte.

Seine Begeisterung trägt weit:

Einmal die Woche fährt er die 400 km von Nienburg (bei Hannover) nach Berlin hin und retours, um sich der menschlichen Fundierung anzunehmen. Nicht weil er müsste, sondern weil er hier nach eigenem Bekunden die idealen Voraussetzungen für seinen Traum gefunden hat: Nur hier kann er ganzheitlich im Team mit Orthopäde und Physiotherapeut den Menschen wieder ins Lot bringen. Wenn er so erzählt, während ich wie alle seiner Vorlesungsgäste auf dem orthopädischen Catwalk auf und ab schreite und mich begutachten lasse, wirkt allein schon sein Enthusiasmus haltungskorrektiv im doppelten Sinne: Das ist das, was uns begeistert. Wünschen wir uns nicht alle so einen Orthopädie-Meiser in unserer Nähe? Das vielleicht nicht, aber: Wünschen wir uns nicht alle einen so begeisternden Job? Glück gehabt?

Weil er seinen Traumjob ergattert hat? Das wage ich zu bezweifeln.

Ich vermute: Nicht der Job macht die Begeisterung, sondern die Begeisterung den Job.

Der gute Meister macht aus einer Fußstellung ein Manifest der Standfestigkeit, aus einem Fußabdruck das Charakterbild des menschlichen Ganges, aus einem krummen Zeh ein Schicksalszeugnis. Wie kann man bloß so begeistert sein? Für einen Job? Für so einen Job? Und das seit Jahrzehnten und in der vierten Generation? Ich denke mir: Er hat nicht seinen Traumjob, er hat seine Begeisterung gefunden. Henne oder Ei? Henne.

Er hat seine Begeisterung nicht für einen Job und nicht für einen imaginären Traumjob gefunden, sondern für seinen Job.

Das ist doch mal eine Coping Strategy:

Träum nicht von dem, was dich begeistern könnte, sondern begeistere dich für das, was du tust.

Das ist aber arg pragmatisch? Und wird von der Wissenschaft bestätigt.

Wie Studien zum Affective Forecasting (u.a. Gilbert/Wilson) zeigen, liegen wir geradezu grauenhaft falsch in unseren weitgehend triebhaften Spekulationen auf das, was uns begeistern können müsste: „Beim nächsten Mann wird alles anders!“ – und dann ist es doch wieder dieselbe Beziehungskiste, nur diesmal in Grün. „Ein Lottogewinn – und ich habe ausgesorgt!“ – leider fangen danach die (verlustangstbedingten Geld)Sorgen erst an.

Wenn ich seit der Begegnung mit dem Orthopädie-Meister ein Kind sehe, das sich vor Begeisterung über eine komisch aussehende Wolke am Himmel nicht mehr einkriegt, reagiere ich nicht mehr mit der amüsierten Arroganz des Erwachsenen, sondern eher mit zen-inspiriertem Neid: Das müsste man (immer noch, endlich mal wieder) können! Im Alltäglichen das Außergewöhnliche suchen, finden und sich dafür begeistern.

Was ist schließlich alltäglicher als Füße? Wenn der Meister das kann, können wir es dann nicht wenigstens mal versuchen? Ich sage nicht, dass es leicht ist. Aber selbst wenn es schwer wäre (was es nicht ist): Wäre es nicht die Begeisterung wert?

Wenn wir Menschen begegnen, die geradezu atemberaubenden Enthusiasmus versprühen, können wir sicher sein: Die begeistert nicht, was sie tun, sondern wie sie es tun.

Eben: was uns begeistert. Egal was. Egal wo. Das ist das ganze Geheimnis.

Oder wie Stephen Stills 1970 sang – die Tag Line hat er von Billy Preston geborgt: „If you can’t be with the one you love, love the one you’re with.“

Das wünsche ich Euch.

Euer Christopher Jahns

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