Tim Thaler im Interview

Tim Thaler: Gründer und Vorstandsvorsitzender bei BLN FM ©AusserGewöhnlich Berlin

Hüllenlose Netzwerke – Tim Thaler

Warum Networking einer Pferdekoppel gleicht und was Gießkannen mit der Zukunft Berlins zu tun haben, erzählt uns der AusserGewöhnliche Tim Thaler von BLN FM.

Unternehmer treten unzähligen Netzwerken bei, um Profit zu erzielen, aber so funktioniert Business nicht. Gegenseite Unterstützung und Werte wie Vertrauen sind der Grundstein der erfolgreichsten Netzwerke in Berlin.

Warum Networking einer Pferdekoppel gleicht und was Gießkannen mit der Zukunft Berlins zu tun haben, erzählt uns der AusserGewöhnliche Tim Thaler von BLN FM.

In Berlin gibt es unendlich viele Netzwerke. Heißt das, dass Berliner besonders gut vernetzt sind, oder dass hier viel Durcheinander und Überschneidung herrscht?
„Viel“ bedeutet nicht automatisch auch „gut“.
So bedeutet „in einem Netzwerk“ zu sein ja nicht auch zwangsläufig „gut vernetzt“ zu sein. Viele so genannte Netzwerke sind eher eine Ansammlung von Menschen mit oftmals unerfüllten Erwartungen. Viele Menschen treten einem Netzwerk bei, um möglichst schnell irgendeine Art von Profit daraus zu generieren. Diese Menschen nehmen alles mit, was ihnen auf den ersten Blick sinnvoll oder verheißungsvoll erscheint. Das führt dazu, dass sie nach einiger Zeit Mitglied in sehr vielen Netzwerken sind, aber ein allgemeines Frustrationsmoment erleben, da sich nur wenige ihrer Erwartungen erfüllen.

 

Was ist an Berliner Netzwerken besonders gut, was besonders schlecht?

Besonders gut finde ich, dass man sich ausprobieren kann.

Der Berliner Publizist Alexander Koenitz sagte einmal „Berlin ist das Schaufenster Deutschlands. Jeder kann an der Deko mitbasteln. Nur die Kosten für die Materialien übernehmen die anderen Länder.“ Da ist, meiner Meinung nach, viel Wahres dran. Menschen haben viele Möglichkeiten einem Netzwerk beizutreten oder auch mal eben schnell selbst eins zu gründen, zu schauen wie es läuft und wenn’s nicht klappt, probiert man sich eben woanders aus.
Nicht so gut finde ich jedoch oftmals die Absenz von einer Netzwerk-Kultur. Es klingt elitär, wenn ich ein „Werteverständnis“ fordere, aber meines Erachtens ist ein Code of conduct innerhalb einer Organisation etwas, dass nach innen Sicherheit und nach außen eine klare Definition bietet. Ich mag den Vergleich mit einer Pferdekoppel. Sie muss so groß sein, dass die Pferde sich nie eingesperrt fühlen. Gleichzeitig muss sie aber Schutz vor den gefräßigen Löwen bieten. Übertragen auf ein Netzwerk würde das bedeuten, dass die Mitglieder sich innerhalb klarer Grenzen frei entfalten können und von außen klar ersichtlich ist bis wohin dieses Netzwerk reicht und für wen es genau gedacht ist.

 

Fernsehturm, Berlin, Kultur
Berliner Fernsehtum ©AusserGewöhnlich Berlin

 

Du bist einer der am besten vernetzten Menschen Berlins. Was sind die drei Dinge, die man tun muss, um ein guter Netzwerker zu werden / zu sein?
1.) Zeit investieren. VIEL Zeit! Kontakte wollen gepflegt werden.
2.) Offline denken. Egal welche Plattform (linkedin, xing, facebook), jede ist lediglich ein „Reminder-Tool“ um bei Kontakten in Erinnerung zu bleiben. Starke Netzwerke entstehen durch persönliche Beziehungen.
3.) Seine Gesprächskultur komplett überdenken. Im Vordergrund steht immer das Gegenüber. Der andere Mensch soll sich wohlfühlen. Definiert man das zum Grundstein seines Kommunikationsprozesses, resultieren daraus alle weiteren Handlungen.

Was muss in Berlin passieren, damit die Wirtschaftsleistung wächst, ohne die bunte (Sub-) Kulturszene zu verdrängen?

Dieses Thema ist enorm vielschichtig.

Meiner Meinung nach, braucht es mehr Strukturförderung. Derzeit investiert Berlin viel Geld in Einzelförderung von Künstlern und Kreativen allgemein. Daraus resultieren viele, kurzfristige Projekte jedoch eine kaum messbare Langzeitwirkung. Hinzu kommt, dass es keine unabhängige Kontrollinstanz gibt, die überprüft welche nachhaltigen Effekte diese Förderung auslöst. So findet Förderung oftmals nach dem „Gießkannenprinzip“ statt.

Des Weiteren bilden sich auch immer wieder und seit langer Zeit Strukturen, in denen Menschen nicht wegen ihres Schaffens / ihrer Ideen, sondern wegen ihrer persönlichen Bindung zu den gebenden Instanzen ausgewählt und bevorzugt werden.

Ab und an arbeiten Förderinstanzen gegeneinander obgleich ein Miteinander deutlich fruchtbarer wäre. Diese Konkurrenz ist oft künstlich erzeugt, da staatliche Mittel aus einem „Topf“ an mehrere Institutionen verteilt werden. Dadurch entsteht Neid und Missgunst.
Auf Seiten der Wirtschaftsunternehmen braucht es vermittelnde Stellen, die sowohl die Sprache „Wirtschaft“ als auch „Kunst“ sprechen und in beide Richtungen dolmetschen können. Diesen Stellen muss von beiden Seiten Vertrauen und Akzeptanz entgegengebracht werden. In der Vergangenheit gab es solche Bemühungen schon mal, jedoch wurden die dort geschaffenen Positionen beispielsweise vom Senat finanziert und stießen dadurch bei einigen Kulturinstitutionen von Vorneherein auf Ablehnung. Hier sollte ein neuer, kommunikativer Ansatz erdacht werden um langfristig eine für alle Seiten tragbare Lösung zu erarbeiten.

Du hast Dozenturen an unterschiedlichen Hochschulen in mehreren Städten Deutschlands und somit direkten Kontakt zu zahlreichen Studierenden: Wie schaffen wir es, dass junge Talenteschneller in Kontakt mit den Entscheidungsträgern in Berlin kommen?

Lehre endet oftmals mit dem Ertönen des Pausengongs und das sowohl bei den Belehrten als auch bei den Lehrenden.

Die Belehrten haben Angst vor Zurückweisung und vor der für sie unsicher empfundenen Zukunft.
Allein aus diesen beiden Erkenntnissen lässt sich ein Lösungsansatz erdenken: Lehrer sollten sich nicht nur als Fach- sondern auch als Lebenslehrer verstehen. Sie sollten den ihnen anvertrauten Menschen als Ratgeber / als Leitfiguren / als Orientierungshilfen zur Seite stehen. Sie sollten nicht darauf warten, dass ihre Schüler danach fragen, sondern mit diesem Hilfeangebot in Vorleistung gehen. Lehrer sollten ihre Schüler nach deren Ängsten befragen und diese nicht einfach so weg reden. Durch aktive Kommunikation auch weit über den Lehrinhalt hinaus, durch interdisziplinäres Denken und Handeln, durch die Vermittlung eigener Erfahrungen und durch einen ständigen Abgleich miteinander wird den Schülern die Angst vor der Welt da draußen genommen. So bestärkte Schüler sollten von ihren Lehrern schon früh in deren Netzwerke integriert werden (sofern vorhanden).

Ein Teil meiner Kollegen sehen in ihren Schülern die zukünftigen Konkurrenten.Ich sehe in ihnen meine späteren Visitenkarten.

 

Über Tim Thaler:

Bjoern Krass (aka Tim Thaler) ist Gründer und Vorstandsvorsitzender bei BLN.FM sowie Gründer und Teilhaber von Thaler & Rehor – Stimmbildung und Sprecherausbildung. Seit 2012 arbeitet er als freier Autor beim Deutschlandradio und seit 2013 als Lehrbeauftragter für Journalismus, Marketing und Stimmbildung an der School of Audio Engineering in Berlin, Hamburg und Köln. An der Hochschule für Populäre Künste ist er seit 2014 als Lehrbeauftragter für Journalismus und Stimmbildung beschäftigt. Seit 2015 nimmt Tim Thaler außerdem einen Lehrauftrag für CrossMedia und Stimmbildung an der Business and Information Technology School wahr. Zusätzlich ist er als Berater für Social Media-Kampagnen, Mediale Präsenz und SEO sowie als Stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Berlin Music Commission tätig. Für die Akademie der Deutschen Medien berät Tim Thaler Firmen wie den FC Bayern München, Lindt & Sprüngli oder die Techniker Krankenkasse. Tim Thaler ist seit 2016 ist ebenfalls für Funkhaus Europa als freier Autor tätig.

 

Dieser Artikel wurde erstmals im eMagazin von AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 11/2016 veröffentlicht.

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