Anne Bengard in The Haus

Anne Bengard im Interview mit AusserGewöhnlich Berlin in The Haus ©AusserGewöhnlich Berlin

Berlin hat mich härter gemacht – Anne Bengard in The Haus

Anne Bengard spricht im Interview mit uns über das andere Berlin, Menschlichkeit und warum sie Angst hat, dass ihr die Zähne ausfallen.

Anne Bengard, was sind für Dich Werte, die Berlin ausmachen?

Die Berliner Schnauze. Direkt aber ehrlich. Alles schließt sich auch wieder der Freiheit an. Egal, was du machst und wie du dich kleidest, hier bist du aufgehoben. Ich laufe ziemlich bunt herum, aber in Berlin werde ich viel weniger angesprochen als zum Beispiel in London. In London rufen mir Leute hinterher und pfeifen und in Berlin wird man generell in Ruhe gelassen. Was schön ist, weil man nicht anders ist, um aufzufallen. Man kleidet sich so, weil man sich wohlfühlt.

In Berlin fährt einer komplett in Latex gekleidet mit dem Fahrrad zum Supermarkt und das interessiert keine Sau.


In Deinen Bildern erkennt man schnell, dass Du ein Faible für Augen und Münder hast. Warum?

Augen sind für mich der erste Anziehungspunkt in einem menschlichen Gesicht. Münder finde ich interessant, weil das Innere vom Mund aussieht wie eine offene Wunde. Die Ausdrücke können sehr bedrohlich wirken, wie Zähne fletschen. In Gesichtsausdrücken, speziell von Augen und Mündern, kann man viel ablesen. Und deshalb ist es für mich interessant damit zu spielen und zu experimentieren. Man kann Bilder erzeugen, die schon beim ersten Blick des Betrachters eine Wirkung erzielen.

Warum interessieren Dich Emotionen von Menschen so besonders Anne Bengard?

Ich fordere Menschen gerne heraus. Viele fühlen sich auf den ersten Blick von meinen Bildern bedroht oder abgeschreckt, auch wenn sie es nicht merken und die Bilder harmlose Dinge, wie Mode Accessoires, zeigen. Das finde ich spannend. Ich bemühe mich auch darum, dass die Gesichter nicht gequält oder unterwürfig wirken. Ich will nicht vermitteln, dass die porträtierte Person Schmerzen hat oder leidet. Es sind immer ganz neutrale Blicke.

Wenn wir beim Thema Augen sind, was würdest Du sagen: Ist Berlin das Auge des Tigers, der Nabel der Welt oder etwas ganz Anderes?

Ich glaube, Berlin ist etwas ganz Anderes. Vielleicht der Nabel seiner eigenen Welt oder von Deutschland. Berlin ist schon immer ein sehr interessanter Ort, auch geschichtlich, ein Anlaufpunkt für Abgegrenzte, für Außenseiter. Die Stadt hat sich dadurch attraktiv gemacht, dass Berlin gewisse Freiheiten bietet. Daher sind immer die Abgeschobenen, die Leute, die einfach anders sind, nach Berlin gekommen und das macht es zu einem Nabel.

Alexander Wolf hat Pandion und Xi-Design zusammengeführt. So ist The Haus entstanden. In The Haus trifft jemand wie Du, mit blauen Haaren, auf Businesspeople im Anzug. Wie ist es mit Leuten aus der Wirtschaft zusammenzuarbeiten, die komplett anders sind?

Sind sie eigentlich gar nicht. Wir sind alle Menschen. Unser Blut hat dieselbe Farbe. Ich fühle mich nicht anders, weil es ja nur das Äußere ist, was uns unterscheidet. Man kann sich gut unterhalten und austauschen und ich finde es immer interessant mit Leuten zusammen zu arbeiten, die etwas ganz Anderes machen. Dadurch kann man viel lernen und das bereichert.

Anne Bengard, Künstlerin in The Haus

Anne Bengard, Künstlerin in The Haus ©AusserGewöhnlich Berlin

Wie ist es möglich, dass 165 individuelle Künstler in The Haus so gut zusammenarbeiten?

Weil wir alle unterschiedlich sind und doch unsere Ähnlichkeiten haben. Alle kamen mit einer sehr offenen Attitüde in The Haus, wollten voneinander wissen und lernen und letztendlich waren wir doch alle Freiwillige hier. Es wurde keiner bezahlt, das ist schon mal eine gute Grundlage dafür, dass alle gut kooperieren. Niemand versucht jemanden zu übertreffen, weil The Haus als Gesamtbild wirken muss.

In einem Deiner Interviews sagtest Du, dass man überall auf der Welt jemanden kennenlernt, der jemanden kennt. Denkst Du, es ist wichtig, als Künstler ein Netzwerk zu haben, um sich zu vermarkten?

Meiner Erfahrung nach sind Kontakte extrem wichtig.

Dein Talent bringt dir nichts, wenn deine Kunst nicht rausgebracht wird und du keine Leute kennst, die sie weitervermitteln. Es gibt Menschen, die sich gut vermarken können und das ist eine Kunst an sich, finde ich.

Die Kunst des Netzwerkens. Es gibt gut funktionierende und schlecht funktionierende Netzwerke. Was ist wichtig, damit ein Netzwerk gut funktioniert?

Für mich zählt die Menschlichkeit. Ich habe keine Lust, mit unsympathischen Menschen zusammen zu arbeiten, die nur auf Geld aus sind und andere Leute ausbeuten.


Es bringt nichts, wenn du ständig auf der Hut sein musst, dass dir nichts Schlechtes angetan wird, sobald du nicht mehr nützlich bist.

Deshalb finde ich es auch toll, mit Freunden zusammenzuarbeiten, wo ein gutes Vertrauensverhältnis besteht. Da muss man aber professionell sein. Man muss auf Verträge achten und Strukturen einhalten, damit es funktioniert. Zu freundlich sein ist da nicht gut und auch nicht, nur auf Vertrauensbasis zu arbeiten, denn man weiß nie, wie der andere switchen kann. Wenn sich alle an ein System halten, dann ist das sicherer und angenehmer. Ehrlichkeit ist auch ganz wichtig.

An dem Tag an dem The Haus zerstört wird…?

…bin ich arbeiten. Ich glaube ich habe da einen Job und werde mir gar nicht so viele Gedanken machen können. Andererseits freue ich mich darauf, weil ich in meinen Raum all meine Albträume und Ängste gesteckt habe, die eigentlich überflüssig sind. Das war ein persönliches Symbol, in das ich ganz viel Feeling und Emotionen reingesteckt habe, weil ich will, dass es weg ist. Und wenn das Haus zerstört wird, dann werden diese Ängste hoffentlich auch zerstört.

Anne Bengard, erzähl doch noch etwas zu den Albträumen, das interessiert mich jetzt.

In dem Raum geht es um Geld und Zähne. Mein häufigster Albtraum ist, dass mir die Zähne ausfallen oder, dass sie kaputtgehen. Das ist immer was mit Zähnen. Ich glaube, das kommt daher, dass ich voll die Zahneitelkeit habe. Mir ist das voll wichtig, dass meine Zähne gesund bleiben und gut aussehen. Aber das soll wohl auch in Zusammenhang mit Angst vor dem Altwerden und Eitelkeit stehen und ich habe gelesen, dass Zahnausfall in Träumen mit finanziellen Sorgen zu tun hat. Und die hat man oft als Künstler. Man weiß nie, wann man das nächste Einkommen hat und da The Haus ein ehemaliges Bankgebäude ist, fand ich es irgendwie passend, meine Albträume genau hier zu verarbeiten.

Geld und Zähne, eine überflüssige Sorge, weil man Geld immer verdienen kann. Wenn alles scheiße ist, dann geh ich eben putzen, dafür bin ich mir auch nicht zu schade.


Die meisten Leute haben auch ein gutes Netzwerk, bestehend aus Familie und Freunden. Irgendwie wird dir immer geholfen. Viele Ängste sind nur im Kopf der Leute und die müssen sie irgendwie überwinden. Meine Art und Weise ist es, etwas Schönes draus zu machen und das auf diese Art und Weise herauszufordern und zu hinterfragen. Man muss sich damit beschäftigen und irgendwann sind sie weg.

Wenn man kämpft, wird man nie untergehen.

Genau. Jedenfalls nicht in unserer Gesellschaft.

Anne Bengard ist fasziniert von Asien

Anne Bengard hat ihren Raum in der dritten Etage in The Haus ©AusserGewöhnlich Berlin

Wie viel Zeit investierst Du in Deine Kunst Anne Bengard?

Sehr sehr viel. Ich denke ständig daran. Mein Kopf geht nie aus. Ich würde sagen, wenn ich nicht schlafe, dann 95% der Zeit. Entweder male ich, oder ich recherchiere und mache mir Gedanken, was ich als nächstes tun kann. Eigentlich die ganze Zeit.

Du kommst ursprünglich aus Leipzig und hast in England studiert. Was zieht Dich nach Berlin?

Ich bin in Berlin aufgewachsen. Die Stadt hat mich sehr geprägt. Ich fand Berlin immer toll und es war ein Schock, als ich als Kind in eine kleine Küstenstadt in England gezogen bin. Das war ein echt schöner Ort mit viel Natur und Strand. Berlin hingegen ist Großstadt und multi kulti. Plötzlich war ich die einzige Ausländerin in der Schule. Da habe ich mich immer fehl am Platz gefühlt. Berlin war mein spirituelles zu Hause, bis ich nach London gezogen bin. London ist mega teuer und man arbeitet ständig. Irgendwann nach 7 Jahren London, dachte ich, jetzt ist ein guter Zeitpunkt auszutesten, ob Berlin immer noch mein spirituelles zu Hause ist und dann bin ich hierhergezogen.

Ist Berlin noch Dein spirituelles zu Hause?

Nein. Ich glaube, ich habe mich jetzt so weit entwickelt, dass mich auch andere Städte und Länder interessieren. Ich finde Asien zum Beispiel total spannend, bin ein bisschen durch Japan gereist, durch Thailand und ich glaube ich kann mich über all zu Hause fühlen. Es kommt auf die Leute an. Ich bin nicht mehr an einen Ort gebunden.

Sind die Berliner anders als Leute in anderen Städten?

Ja, das sind sie. Ich hatte voll den Kulturschock, als ich nach drei Monaten Asien zurückgekommen bin. Berlin war in meiner Erinnerung von den Gebäuden her viel bunter und rougher im Gegensatz zu Japan, wo alles pastellfarben ist. Ich habe mich aber schnell wieder eingelebt und die Stadt, die Natur und die Berliner Direktheit lieben gelernt. Dass die Leute so offen sind, war ein Schock für mich, weil ich mit der englischen Art aufgewachsen bin, wo alle immer höflich sind.

Hier in Berlin herrscht die berühmte Berliner Schnauze. Direkt aber ehrlich. In England ist es oft so, dass die Leute so nett sind, dass man rumrätseln muss, was sie damit eigentlich meinen.


Daher ist mir die Berliner Schnauze so sympathisch geworden. Ich habe dadurch gelernt, selbst ein bisschen härter zu werden.

Wie kamst Du in die Kunstszene Anne Bengard? Warst Du schon immer unkonventionell, oder hast du irgendwann gemerkt, dass Du anders bist?

In der Grundschule in England hatte ich eine CD von Captain Jack. Ich stehe darauf, ich feier das. Auf dem Cover der CD war ein Manga-Mädchen in Militäruniform und ganz knappem Rock. Ich fand das Motiv cool und habe es abgemalt. Dann haben sich alle auf dem Spielplatz der Schule um mich herum gestellt und haben aufgeregt gefragt, was ich da male. Die Lehrer waren total entsetzt, weil auf dem Bild ein bisschen Höschen zu sehen war. Für mich war das kein großes Ding. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. In der Situation habe ich zum ersten Mal gespürt, dass die Menschen in England, besonders in den Kleinstädten, konservativer und zurückhaltender sind als ich.

Wenn jemand Berlin mit Deinen Augen sehen möchte, welche Orte würdest Du empfehlen?

Ich finde die alte Abhörstation auf dem Teufelsberg total toll, weil es spannend ist, dass die Amerikaner dort früher Russland ausspioniert haben. Die Abhörstation ist in der Mitte von Grunewald auf einem künstlichen Berg, der auf den Resten vom Zweiten Weltkrieg gebaut wurde. Darunter sind Ruinen und Schutt und Asche. Und dann dieses hammer Ding oben drauf, was jetzt voller Graffiti ist. Man hat dort einen tollen Blick über Berlin.

Über Anne Bengard:

Hier finden Sie weitere Informationen zu Anne Bengard.

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