Das Tegel Projekt in Berlin TXL

Tegel Projekt GmbH: Geschäftsführer Dr. Philipp Bouteiller ©AusserGewöhnlich Berlin

Eine Republik in Berlin – Tegel Projekt

Wie es dazu kam und was das alles zu bedeuten hat, erklärt uns Dr. Philipp Bouteiller, Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH, im Interview.

Wann und wie ist die Idee entstanden, in Tegel eine eigene Zukunftsstadt zu entwickeln? Und was hat es mit dem Tegel Projekt auf sich?

Die Entscheidung, die Flughäfen Tegel und Tempelhof zu schließen, ist in den 90er Jahren gefallen. Das hing mit der Erkenntnis zusammen, dass wir einen neuen Flughafen brauchen. Und das Ergebnis der komplexen planungsrechtlichen Abstimmungen war: Ja, Berlin bekommt einen großen, neuen Flughafen, aber nur unter der Bedingung, dass die beiden kleinen Flughäfen mitten in der Stadt geschlossen werden, um die Bevölkerung zu entlasten, um den Lärm, die Umweltbelastung und natürlich auch das Gefährdungspotenzial aus der Stadt heraus zu bekommen. So ist dieses Konzept für den Single-Airport BER entstanden.

Dann wurde 2008 Tempelhof geschlossen. Auf einmal hatte man diese riesige Fläche im Zentrum der Stadt – und man hatte sich vorher nicht so wirklich überlegt, was man eigentlich damit machen sollte. Dann hat man angefangen mit dem Partizipationsprozess und all den Planungen, die dann schließlich mit dem Volksentscheid endeten, der im Kern besagt: ´Macht bitte gar nichts mit dem Gelände, sondern lasst es, wie es ist!´ Natürlich müssen wir uns heute fragen, ob das immer noch ein richtiger Entschluss ist, in einer Zeit, in der wir einen wahnsinnigen Mietendruck haben, in der die Stadt wächst. Wir erwarten ja, dass die Stadt von derzeit 3,6 Millionen auf mindestens 4 Millionen Einwohner wachsen wird. Und wir müssen uns überlegen, wie wir mit diesem Wachstum in der Stadt umgehen und welches die Orte für dieses Wachstum sein sollen.

Aber nochmal zurück zu den Flughäfen: 2008 hat man zu spät begonnen, sich darüber Gedanken zu machen, was man mit dem Flughafengelände in Tempelhof machen sollte, hat daraus gelernt und deswegen schon 2008 begonnen, auch über Tegel zu reden – weil man ja annahm, dass Tegel 2011/2012 schließen würde.
Der Senat hat dann etwas richtig gemacht: Er ist an die Stadtgesellschaft herangetreten und hat gefragt:

´Was wollen wir mit diesem Gelände machen, wenn der Flughafen schließt?´ Große Standortkonferenzen wurden durchgeführt und die ganzen Interessenverbände der Stadt eingeladen, die Gewerkschaften, die Wirtschaftsvertreter, die IHK, die Verwaltungen und die Umwelt- und Naturschutzverbände, und so weiter. Alle waren in irgendeiner Form an diesem Prozess beteiligt. Das wurde dann in ein Werkstattverfahren überführt, alles noch ergebnisoffen. Man hat nicht gesagt `Das sind unsere Pläne, die stellen wir euch jetzt als mal vor`, sondern hat die Stadt gefragt: `Was machen wir mit dem Gelände in Tegel?`

Das Ganze führte zu dem Ergebnis, dass das Gelände des Flughafens Tegel ein Areal für die Zukunft der Stadt werden soll. Dort sollen Zukunftsindustrien erprobt und entwickelt werden, wir wollen dort Hochschulen haben und neue Wachstums- und auch Reindustrialisierungspotenziale heben.
Im nächsten Schritt hat man dann gesagt, ´wenn wir uns mit Zukunftstechnologien befassen, was soll das eigentlich konkret sein?´ Eine Unternehmensberatung hat das untersucht und dann festgestellt, dass der Bereich der urbanen Technologien ein riesiger Wachstumsmarkt ist, und dass Berlin von diesem Wachstum wirtschaftlich erheblich profitieren kann.

Daraus ist dann das Konzept der Urban Tech Republic entstanden.
Für die, die uns noch nicht kennen: Wir sind eine Landesgesellschaft, gehören also dem Land Berlin, sind aber als GmbH organisiert.

Das Tegelprojekt, Flughafen Berlin Tegel

Bald beginnt der Bau des Technologieparks ©AusserGewöhnlich Berlin

Wie heißt die GmbH, Herr Bouteiller?

Die heißt Tegel Projekt GmbH. Die Gesellschaft wurde Ende 2011 gegründet, ist 2012 operativ geworden und hat inzwischen 25 Mitarbeiter.

Ich selbst habe im April 2012 die Geschäftsführung der Tegel Projekt GmbH übernommen, noch in der Erwartung, dass im Juni 2012 der neue Flughafen aufmachen würde und wir dann im September das Gelände übernehmen könnten.

Das war im April.

Ich hab´ also meinen gut bezahlten Job aufgegeben, dachte ´für Gott und Vaterland…´ und dann kam im Mai 2012 die Vollbremsung. Zunächst hieß es ´Ende des Jahres´ eröffnet er, dann hieß es ´2013 macht der BER auf´… der Rest ist Geschichte. Nun hoffen wir mal, dass er irgendwann 2018 eröffnet wird. Wir rechnen jedenfalls damit, dass wir in der zweiten Hälfte 2018 das Gelände übernehmen und durchstarten können. Darauf sind wir planerisch vorbereitet und unsere Budgets sind auch entsprechend eingestellt.

Wir haben hier zwei Großprojekte in Arbeit: Das eine Projekt hat etwas über 2,2 km², oder 221 Hektar. Das ist das Projekt Urban Tech Republic. Das andere Projekt ist das Schumacher Quartier mit etwa 50 Hektar. In der Urban Tech Republic geht es um das, was ich gerade beschrieben habe, also Zukunftstechnologien zu erforschen, zu entwickeln, zu pilotieren, zu kommerzialisieren und dann auch zu produzieren.

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Der Berlin Code ist die Berlin-Anleitung.
Der Berlin Code

Wie funktioniert Berlin? Was ist typisch Berlin? Wie ticken die Berliner?

Der Berlin Code beschreibt Berlin und die Berliner Lebenseinstellung.

Hier erfährst Du die Grundwerte der Stadt in 11 Geboten.

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Sie müssen mir bitte ein paar Beispiele geben, Herr Bouteiller.

Gerne. Im Zentrum stehen sechs Themen, die wir uns aus dem großen Feld der urbanen Technologien herausgesucht haben: Das erste ist die Mobilität der Zukunft. Alle reden über Elektromobilität und autonomes Fahren. Und das wollen wir auch unbedingt. Das zweite sind die Energiefragen der Zukunft. Das dritte sind die Themen der Kreislaufwirtschaft, der Wasseraufbereitung. Und dann haben wir zwei Themen, die sich durch alles hindurchziehen. Das ist zum einen die Materialforschung.

Wenn ich neue Batterien entwickeln möchte, muss ich dafür neue Zellchemie entwickeln. Wenn ich Wasser aufbereiten möchte, brauche ich neue Membrantechnologien etc. Es gibt also viele neue Werkstoffe, die ihrerseits zu Innovationen führen und so auch umweltfreundlichere und effizientere Technologien ermöglichen. Und das zweite Thema ist natürlich die IT, ohne die heute nichts mehr denkbar ist. Materialforschung und IT sind die Themen, die alles durchschneiden, in alle Bereiche hineingreifen.

Was heißt das konkret?

Die ersten Elektroautos kennen wir inzwischen und jeder ist inzwischen auch mal Tesla gefahren. Aber wie geht es eigentlich weiter, wenn die Fahrzeuge dann autonom werden, wenn neue Antriebstechnologien dazu kommen, also insbesondere was die Energiespeicherung betrifft? Wie viel Energie können wir auf unserem Areal selber produzieren? Wie versorgen wir das Areal überhaupt mit Energie?

Können wir vielleicht den Windstrom, der in Brandenburg produziert wird, auf dem Gelände irgendwie nutzen, speichern und zu anderen Zeiten weiterverwenden? Wie können wir es schaffen, dass wir die Prozessabwärme von Industrie und Gewerbe nutzen, um damit z.B. wieder die Gebäude zu heizen? Dafür haben wir Systeme entwickelt. Das heißt, wir werden von Anfang an ein hocheffizientes, energiesparsames, aber auch energieproduzierendes Gelände werden. Wir werden mit oberflächennaher Geothermie arbeiten, Solaranlagen auf Dächern und Fassaden etc. Das ist ja heute schon fast Standard, aber das Zusammenspiel in dieser Größenordnung, das hat es bisher noch nicht gegeben, und da werden wir ein paar wirklich neue Konzepte umsetzen.

Sie müssen mir bitte ein paar Beispiele geben, Herr Bouteiller.

Gerne. Im Zentrum stehen sechs Themen, die wir uns aus dem großen Feld der urbanen Technologien herausgesucht haben: Das erste ist die Mobilität der Zukunft. Alle reden über Elektromobilität und autonomes Fahren. Und das wollen wir auch unbedingt. Das zweite sind die Energiefragen der Zukunft. Das dritte sind die Themen der Kreislaufwirtschaft, der Wasseraufbereitung. Und dann haben wir zwei Themen, die sich durch alles hindurchziehen. Das ist zum einen die Materialforschung.

Wenn ich neue Batterien entwickeln möchte, muss ich dafür neue Zellchemie entwickeln. Wenn ich Wasser aufbereiten möchte, brauche ich neue Membrantechnologien etc. Es gibt also viele neue Werkstoffe, die ihrerseits zu Innovationen führen und so auch umweltfreundlichere und effizientere Technologien ermöglichen. Und das zweite Thema ist natürlich die IT, ohne die heute nichts mehr denkbar ist. Materialforschung und IT sind die Themen, die alles durchschneiden, in alle Bereiche hineingreifen.

Was heißt das konkret?

Die ersten Elektroautos kennen wir inzwischen und jeder ist inzwischen auch mal Tesla gefahren. Aber wie geht es eigentlich weiter, wenn die Fahrzeuge dann autonom werden, wenn neue Antriebstechnologien dazu kommen, also insbesondere was die Energiespeicherung betrifft? Wie viel Energie können wir auf unserem Areal selber produzieren? Wie versorgen wir das Areal überhaupt mit Energie?

Können wir vielleicht den Windstrom, der in Brandenburg produziert wird, auf dem Gelände irgendwie nutzen, speichern und zu anderen Zeiten weiterverwenden? Wie können wir es schaffen, dass wir die Prozessabwärme von Industrie und Gewerbe nutzen, um damit z.B. wieder die Gebäude zu heizen? Dafür haben wir Systeme entwickelt. Das heißt, wir werden von Anfang an ein hocheffizientes, energiesparsames, aber auch energieproduzierendes Gelände werden. Wir werden mit oberflächennaher Geothermie arbeiten, Solaranlagen auf Dächern und Fassaden etc. Das ist ja heute schon fast Standard, aber das Zusammenspiel in dieser Größenordnung, das hat es bisher noch nicht gegeben, und da werden wir ein paar wirklich neue Konzepte umsetzen.

Der BER und Berlin

Tegel Projekt: Wann wird der BER endlich fertig? ©AusserGewöhnlich Berlin

So etwas wie das Tegel Projekt hat es noch nie gegeben in Deutschland oder auf der Welt?

Es gibt weltweit und in Deutschland Forschungsparks. Es gibt natürlich hochmoderne und effiziente Gewerbe- und Industrieparks, aber so etwas wie die Urban Tech Republic, das, was wir hier machen, in dieser kompakten Form, das habe ich bisher noch nirgendwo auf der Weltgesehen.

Ich bin verwirrt… Was bietet das Gelände denn nun? Forschung, Entwicklung oder Produktion?

Das ist ja das Besondere: Wir haben im Zentrum die Forschung, den Campus. Dort gibt es auch Gründerzentren. Darum herum befindet sich das ´Gewerbeband´, dort werden viele Startups sein. Das heißt, Forschungsideen werden ausgegründet, dann wachsen sie und können in dem Gewerbegürtel kleinere Produktionen aufbauen. Und wenn das Startup richtig gut fliegt, dann können sie in das angrenzende ´Industrieband´ ziehen. Das sind 80 Hektar Industriegebiet, mitten in der Stadt. Das wird dann das größte zusammenhängende Industriegebiet in dieser Form in Berlin. Dort können sie dann zur Massenproduktion übergehen. Das heißt, im Bereich der Zukunftstechnologien, der urbanen Technologien, wird Berlin alles auf einem Grundstück haben: von der Ideengenerierung bis zur Massenfertigung. Und so etwas habe ich, wie gesagt, weltweit noch nicht gesehen.
Es ist ein Glücksfall für die Stadt, was die Politik mit dem Profil der Zukunftstechnologien damals beschlossen hat!, Wir kommen jetzt an einem Punkt an, wo diese Technologien zu einem ernsthaften Wirtschaftsfaktor werden und massiv zum Wachstum der Stadt beitragen können. Und diese Potentiale zu heben, darum geht es. Das heißt: Wir tun Gutes, indem wir die Umwelt entlasten, tolle Produkte entwickeln – und auch noch Geld damit verdienen. Besser kann es doch nicht sein?
Und sparen Geld.
Weil alles effizienter wird. Wir verdienen Geld, weil wir hier Lösungen produzieren und in die Welt verkaufen. Und dadurch werden wir zugleich in Berlin ein Vorbild für andere Städte. Eine Win-Win-Situation, In jeder Beziehung.

Gibt es schon internationale Reaktionen auf das Tegel Projekt?

Inzwischen haben wir viele Anfragen von anderen Städten, die sich für das Konzept interessieren. Alle großen Städte auf der Welt wachsen. Und die, die noch innerstädtische Flughäfen haben, meinen, dieser Platz sei viel zu wertvoll für die Fliegerei. Deswegen werden nach und nach die ganzen innerstädtischen Flughäfen geschlossen und außerhalb der Städte gut angebundene, hochmoderne Flughäfen gebaut.

Berlin Tegel und die Zukunft

2011 erhielt die landeseigene Tegel Projekt GmbH den Auftrag zur Entwicklung des Standorts Tegel ©AusserGewöhnlich Berlin

Das bedeutet ein geschlossener Flughafen Tegel bringt mehr als ein laufender?

Ja, das ist eine viel zu wertvolle Fläche für Berlin.

Als nur nach Mallorca zu fliegen, beispielsweise.

Ja, absolut richtig. Das kann man ja auch vom neuen Flughafen.

Also entstehen durch das Tegel Projekt neue Arbeitsplätze, das ist ja schön.

Aber sagten Sie vorhin nicht, dass wir in Zeiten steigender Mieten und Wohnungsnot eher Wohnungen bauen müssten?

Die Urban Tech Republic ist ja nur das eine Projekt. Das zweite Projekt habe ich schon genannt: das Schumacher Quartier, mit dem wir uns seit 2014 befassen. Auf einer Fläche von 48 Hektar planen wir die Entwicklung von 5.000 Wohneinheiten für 10.000 Menschen. Nun könnte man sagen: ´Hilfe, da sollen ja 30-50% öffentlich geförderte Wohnungen sein und dann wird das wieder so ein Neubaughetto!´ Aber genau das soll es nicht werden. Das Schumacher Quartier ist ein Modellprojekt, bei dem Vieles anders gemacht wird, als sonst. Als erstes denken wir über Mobilität ganz anders nach. Im Inneren des Quartiers soll es kaum Autos geben.

Dann haben wir große Grünanlagen geplant, einen großen Park im Zentrum und um diesen Park herum gliedert sich das ganze Stadtgebiet. Dann haben wir von Anfang an viel soziale Infrastruktur mitgeplant, also Schulen und Kitas usw. Und wir werden hier auch Gewerbe haben, kleingewerbliche Unternehmen. Es soll ein buntes und wuseliges Quartier werden, sozial gemischt. Das heißt, man wird Wohneigentum haben, es wird Mietwohnungen geben und die städtischen Wohnungsbaugesellschaften werden hier neben Baugruppen, Genossenschaften und Kooperativen aktiv. Wir erwarten ein ziemlich buntes Gewusel, wie in einem richtigen Berliner Kiez.

Berlin in klein

Tegel Projekt: Bald entsteht ein kleines Berlin in Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Hört sich ja toll an, aber die Realität sieht dann meist doch wieder aus, wie ein typisches Neubaugebiet….

Wir von dem Tegel Projekt haben von vorn herein gesagt, dass wir auf jeden Fall große monolithische Strukturen vermeiden, die dann von zwei oder drei großen Gesellschaften beherrscht werden.

Im Gegenteil: Es wird kleinteilig, es soll bunt sein und wir wollen die Berliner Mischung haben. Eben das, was wir alle so lieben. Und nun gibt es dafür auch ein neues planungsrechtliches Instrument.

Das sogenannte urbane Gebiet ist gerade im Dezember als Bundesgesetz verabschiedet worden. … Ich fange mal anders an. Das, was wir an Rom so lieben, und an Teilen von Berlin, sind die sehr dicht bebauten, bunten, gemischten Quartiere mit einer hohen Dichte. In diesen alten, gewachsenen Strukturen fühlen wir uns am wohlsten. Prenzlauer Berg, usw. Solche Quartiere dürften wir heute gar nicht mehr bauen! Das Planungsrecht und das Baurecht erlauben uns bislang nicht, so etwas zu bauen, weil die Abstandsflächen nicht stimmen und die Lärmbelastung zu hoch ist.

Das hat man inzwischen erkannt und deswegen das Konzept des ´urbanen Gebiets´ entwickelt, das wieder eine höhere Dichte und höhere Lärmkontingente erlaubt, und damit eine stärkere Nutzungsmischung. Die Dichte alleine macht es nicht, aber mit der Nutzungsmischung und der baulichen Vielfalt kommen wir wieder an die Vorzüge der alten gewachsenen Quartiere heran.

Dann haben wir natürlich noch viele energetische und verkehrliche Überlegungen angestellt. Es soll ja ein ökologisches und soziales Modellquartier werden. Das steht auch so im Koalitionsvertrag. Das ist eine sehr, sehr spannende Aufgabe.

Wir machen jetzt zum Beispiel eine Reihe von ´SQ-Labs´, den Schumacher-Quartier-Laboratorien, wo wir mit nationalen und internationalen Experten zusammenarbeiten. Das sind insgesamt fünf Workshops. Und da schauen wir uns die Mobilität der Zukunft an, die soziale Mischung, die klimaneutrale Stadt und lernen, was es in der Welt schon an guten Beispielen gibt: was ist modellhaft, was können wir für uns daraus lernen und wie wollen wir es bei uns machen?

Am Ende dieses Prozesses gehen wir wieder an die Öffentlichkeit und erklären, was dabei herausgekommen ist, was wir gelernt haben und wie es hier aussehen könnte. Das ist noch keine Architektur, sondern immer noch Stadtplanung. Aber dann, im nächsten Schritt, wird das ganze lebendig. Und richtig los geht es dann in der zweiten Hälfte 2018!
Das sind die zwei großen Projekte. Die Urban Tech Republic und das Schumacher Quartier. Und dann haben wir noch viel Landschaftspark – also nochmal 200 Hektar grüne Fläche, wo alles Mögliche denkbar ist.

Urban Tech Republic

Das Tegel Projekt und 'The Urban Tech Republic' ©AusserGewöhnlich Berlin

Herr Bouteiller, wie ist es eigentlich zu der Republic gekommen?

Das war 2012. Da haben wir uns überlegt: ´Mensch, wir haben noch keinen Namen für das Ding´.

Und das Ding’ braucht einen Namen.

Und das Ding braucht einen Namen! Wir haben einen Wettbewerb gemacht, an dem viele Agenturen aus Berlin, Hamburg und sonst wo teilgenommen haben. Da kamen die absurdesten Vorschläge. Mein liebster Absurd-Vorschlag war HORST. Das war das „Home of Responsible and Social Technologies“. Die Steigerung davon wäre wohl ‚Voll-HORST’ gewesen. Es gab also wirklich komische Vorschläge. Andere hatten ‚Smart City’ im Namen, wobei ich immer sagte, dass ich das nicht sehe, denn Smart City ist ein Trend, der geht auch wieder vorbei und es beschreibt nicht, was wir wirklich wollen.

Im Kern unseres großen Projektes stehen die Stadttechnologien, die Urbanen Technologien. So kam es zu dem ‚Urban Tech’. Und dann haben wir gesagt: ´Aber wenn das nur ein Industriestandort wird – das ist doch langweilig und interessiert niemanden´. Wenn ich über den Alexanderplatz laufe, oder hier über den Ku´damm und jemanden in so ein Technologiedingsda einlade, schauen mich alle nur an und fragen was das denn soll. Es geht aber schließlich um die Menschen. Nur durch die Menschen wird es spannend! Wir haben dann realisiert, dass das Gebiet eine verkehrsmäßig recht isolierte Fläche ist, die wir an alles anbinden müssen.

Warum machen wir nicht aus dieser Abgeschiedenheit, die das Gelände hat, ein Feature? Wir rufen auf diesem zentralen Gelände innerhalb Berlins eine eigene Republik aus! Am Anfang war das eher ein Scherz, aber dann haben wir angefangen, mit diesem Thema zu spielen. Wir brauchen eine Verfassung. Und wir gründen dann eine Regierung! Letztlich geht es dabei lediglich um ein kluges Standortmanagement. Aber die Nutzer sollen mitbestimmen können, was dort passiert. Man könnte also einen Senat wählen, einen Präsidenten … und so kam der Gedanke der ‚Republic’ auf.

Was sind die Werte der Republik? Es gibt bestimmt ein paar Grundprinzipien?

Ja. Die Grundprinzipien lassen sich ganz einfach zusammenfassen. Es geht um Lebensbejahung, eine ganz grundsätzliche Zuversicht, verbunden mit den Berliner Werten von Freiheit und Toleranz. Ja, wir freuen uns auf die Zukunft, es macht Spaß, sie zu gestalten und wir wollen unseren Beitrag dazu leisten. Wir wollen dafür sorgen, dass wir besser mit unseren Ressourcen umgehen, effizienter werden und die Städte so gut organisieren, dass der Verkehr besser läuft, dass die Ver- und Entsorgung besser funktioniert und dass wir mit weniger Aufwand mehr erreichen können. Darum geht es im Kern.

Wir wollen die Stadt besser organisieren. Die perfekte Stadt ist aber eine, in der man die Organisation gar nicht mitbekommt. Eine, die einfach funktioniert und in der man sich auf das Menschsein und auf das Leben konzentrieren kann.

Und da sind wir schon im Kern der Aufgabe. Da gibt es ja die eine Fraktion, die sagt: ´Hilfe, wir haben Klimawandel und alles wird ganz schrecklich, und eigentlich kann man auch keine Kinder mehr in die Welt setzen!´ Und es gibt die andere Fraktion, die sagt: ´Wir haben die Probleme verursacht. Wir können sie auch lösen! Also lasst uns daran arbeiten, sie zu lösen und nicht jammern!´

Dafür suchen wir Gleichgesinnte, die Lust haben, mitzumachen. Und die ihren Gewerbebetrieb oder Industriebetrieb, der sich mit Zukunftstechnologien befasst, dort ansiedeln.

Das Tegelprojekt und die Technologie

Beim Tegel Projekt stehen verschiedene Technologien im Zentrum ©AusserGewöhnlich Berlin

Ist die Urban Tech Republic eine utopische Stadt? Sind Utopien überhaupt umsetzbar?

 

Wir leben in einer weitgehend Utopie-freien Zeit. Die Zeit der großen Utopien ist vorbei.


‚Utopia’, das Werk von Thomas Morus, wurde 1516 veröffentlicht. Damals war es ein Bestseller. Und hier hat ja schon von dem Zustand einer paradiesischen Stadt, eines paradiesischen Gemeinwesens geschrieben. Daher kommt der ursprüngliche Utopiebegriff.

Utopien, auch in der Stadtentwicklung, sind aber immer ein Ausdruck ihrer Zeit. Wir müssen uns nur anschauen, was mit der Idee von Le Corbusier passiert ist: Die funktionale Stadt, in der man Leben, Wohnen, Arbeiten und Einkaufen voneinander getrennt hat. Dort ist die Industrieproduktion, hier findet das Wohnen statt und da drüben das Shoppen.

Das war damals als Gedanke modern, weil man so die Menschen vor dem Moloch der Industrie schützen konnte und außerdem alles der Automobilität unterordnete, die ja der Inbegriff der Modernität war. Das war vielleicht damals kein dummer Gedanke, aber es hat leider dazu geführt, dass das Leben immer ineffizienter wurde, weil für die täglichen Abläufe immer der Weg von A nach B nötig wurde. Ich muss immer größere Strecken zurücklegen, anstatt alles integriert zu machen, so wie es ursprünglich in der Stadt war. Zuvor gab es die Handwerkerbetriebe unten im Hinterhof, den Eckladen, den Markt, diese Mischung, die unsere europäische Stadt immer noch so charmant macht.

Die größten städtebaulichen Sünden sind im letzten Jahrhundert passiert. Im Namen der autogerechten Stadt. Das war Modernität! Das war die große Utopie! Jeder kann sich in seinem eigenen Auto bewegen und wir richten unsere ganzen Städte danach aus. Dieses Utopie-Modell von damals, das leider realisiert wurde, das weicht jetzt zum Glück einem neuen Modell. Es ist noch nicht so richtig formuliert, aber wenn man es formulieren würde, dann ginge es letztlich um die Versöhnung von Natur und Stadt. Wenn ich mich international umsehe, schaue, was Paris und London unternehmen, steht das im Vordergrund.

Alle versuchen wieder zu renaturieren, Grün rein zu holen, die Autos zu verdrängen. Wer käme auf die Idee, die ferngesteuerten Elektroautos im Kinderzimmer mit einem kleinen Verbrenner auszustatten und dann mit diesen Verbrennungsautos durch die Wohnung zu fahren? Die Wohnung ist ein geschlossener Bereich, da möchte ich keine Abgase haben. Aber meine Stadt ist auch ein geschlossener Bereich. Also ist das, was wir bisher machen, völlig absurd. Wenn man mit solchen kleinen Bildern anfängt, merkt man, wie völlig verrückt das ist, was wir tun und dass wir in eine ganz neue Richtung gehen müssen.
Wenn wir über Utopien reden wollen, bevorzuge ich vielleicht das Wort des Zielbildes. Denn es geht genau darum.

Was meinen Sie mit Zielbild, Herr Bouteiller?

Ja, wo will ich mich hinbewegen? Was ist mein Ziel? Was will ich am Ende erreicht haben?
Und die Urban Tech Republic, um darauf zurück zu kommen, entstand aus diesem Prozess. Der Name war am Anfang ja nur ein Arbeitstitel. Zu meiner totalen Verblüffung hat Klaus Wowereit das damals durchgewunken. Ich dachte, spätestens auf der Ebene des Regierenden Bürgermeisters wird es dann scheitern mit dem Namen, weil die wahrscheinlich irgendetwas Technisches, Deskriptives, Seriöses wollen und bitte nichts Englisches drin.

Die Idee, innerhalb Berlins eine Republik auszurufen, hat natürlich etwas sehr Provokantes und natürlich auch etwas Witziges. Es war ja auch durchaus spielerisch gemeint, man kann das Thema gut benutzen und das werden wir auch tun. Wir werden mit dem Thema spielen. Am Ende steht ja nichts Anderes dahinter, als dass die Ansiedler auch partizipieren sollen. Sie sollen sich einbringen und es soll eine gewisse Form von Gemeinsamkeit entstehen, die uns voranbringt.

Das bedeutet, dass unser Wowereit, der wahrscheinlich beliebteste Politiker Berlins, auch ein bisschen Schuld ist an diesem Namen?

Er hat ihn nicht verhindert.

Und kümmert er sich noch ein bisschen um das Tegel Projekt? Sagt er ab und zu Hallo wie geht´s alte Republik/neue Republik?

Nein. Wir treffen uns und ab und zu auf Veranstaltungen und da ist er immer herzlich und nett. Er ist auch nach wie vor sehr wohlgeneigt, das ist völlig klar. Er ist ein wundervoller Mensch, aber er hat keine aktive Rolle mehr.

Berlin als einer der sonnigsten Städte Deutschlands

Berlin ist eine der sonnigsten Großstädte Deutschlands ©AusserGewöhnlich Berlin

Was sind Sie überhaupt für einer? Sind Sie ein Stadtentwickler, sind Sie ein Öko-Typ, jemand, der nur gesund isst? Ich habe gehört, Sie sind eigentlich ein erfolgreicher Unternehmer?

Ich bin ursprünglich ein McKinsey-Berater.

Wow. Sie sind eigentlich einer von den Bösen, von den grauen Menschen?

Ja, ich komme von der dunklen Seite.

Und woher kommt dann das Herz? Was Sie sagen klingt sehr leidenschaftlich?

Das ist ja auch leidenschaftlich gemeint. Das sind Themen die mich seit der Kindheit begleiten. Mein Großvater war in den 70er Jahren einer der ersten, der die großen Umweltthemen hochgehoben hat.

Was hat Ihr Vater getan, Herr Bouteiller?

Er war Tagungsleiter einer Akademie und hat dort Umweltthemen sehr stark behandelt. Und mein Onkel war einer der ersten Grünen-Abgeordneten in Baden-Württemberg. Meine Jahresarbeit in der 10. Klasse behandelte das Waldsterben. Das hat uns ja alles sehr beschäftigt damals. Wir erlebten Tschernobyl, das war alles Teil unserer frühen Sozialisation. Natürlich haben uns Umweltthemen damals sehr begleitet. Ich glaube, dass das in Vielen aus meiner Generation drinsteckt.

Und jetzt kommen wir zum ersten Mal an einen Punkt, wo wir durch die Digitalisierung einerseits und durch die technologischen Fortschritte in der Erzeugung günstiger regenerativer Energie andererseits tatsächlich vor einem kompletten Paradigmenwechsel stehen. Berlin selbst erzeugt als kompaktes Stadtgebiet zwar sehr wenig erneuerbare Energie (wobei wir große Solarpotentiale haben, aber das ist ein anderes Thema). Aber in der Region um Berlin herum, also in Brandenburg, hatten wir 2016 im Jahresdurchschnitt 49,5 % Anteil an erneuerbaren Energien. Im Wesentlichen durch Wind, aber auch durch Photovoltaik. Fast 50% Anteil erneuerbare Energie im Durchschnitt! Tag, Nacht, Winter und Sommer. Unglaublich! An guten Tagen sind wir bei 80 bis 90% erneuerbare Energien.

Aber wir haben hier fast nur Nebel und Regen?

Das ist die italienische Perspektive. War es Napoleon, der sagte, dass Deutschland grauenhaft sei: Neun Monate Winter und drei Monate kein Sommer? Pro Jahr haben wir in Berlin in der Summe aber nur 50 bis 60 Sonnenstunden weniger als München. Wir sind eine der sonnigsten Großstädte Deutschlands. Berlin hat ein saugutes Klima! Kontinental und recht trocken. Aber der Winter hier ist gruselig, da sind wir uns einig…

Ich werde jetzt die gute Nachricht in die Welt streuen. Berlin hat gutes Wetter.

Ja. Statistisch haben wir tatsächlich sehr gutes Wetter.

Tegel Projekt GmbH

Tegel Projekt: Der Flughafen in Berlin Tegel macht Platz für neue Technologien ©AusserGewöhnlich Berlin

Zurück zu Ihnen Herr Bouteiller. Sind Sie eigentlich BWLer?

Nein ich bin kein diplomierter BWLer, aber BWL war Teil meiner Ausbildung! Ich war sogar mal an der FU für BWL immatrikuliert. Aber ich fand dann mein anderes Studium spannender: Ich habe an der der Hochschule der Künste, heute UDK, Gesellschafts-und Wirtschaftskommunikation studiert, bin also ein Diplom-Kommunikationswirt. Danach bin ich nach England gegangen, an die London School of Economics. Dort habe ich zunächst einen Master of Science gemacht und bin dann dort hängen geblieben.

Ich habe anschließend in internationalem Management und in Sozialpsychologie promoviert. 2000 bin ich nach Berlin zurückgekommen. Da habe ich kurz bei einem Startup gearbeitet und bin dann zu McKinsey gegangen. Dort habe ich an zahlreichen Innovationsthemen gearbeitet, im Wesentlichen in den Bereichen Chip-Produktion, Mobilfunk und Telekommunikation, und danach mehrere Startups hochgezogen.

Kann ich fragen, welche?

Ja, natürlich. Das erste war IGA Worldwide. Wir hatten damals einen Ad-Server entwickelt, mit dem man Werbung in Spielen platzieren kann. Damals war ja noch nicht alles online, aber die fingen gerade an. Wir haben uns die Spiele angesehen und haben festgestellt, wenn Du durch die virtuelle Welt des Spieles fährst, mit dem Auto zum Beispiel ein Autorennen machst, kommst du genauso an Häusern, an Litfaßsäulen und an Plakaten vorbei, wie in der echten Welt.

Warum übernehmen wir nicht in der virtuellen Welt diese Werbeflächen? Was den Vorteil hat, dass die Umgebung natürlicher, echter, aktueller und lebendiger wird. Das war aus zwei Gründen interessant. Erstens, weil die Werbeindustrie damals zu Spielen keinen Zugang hatte. Und zweitens, weil die Spieleindustrie bis dahin ausschließlich vom Verkauf der Spiele gelebt hat und keine zusätzlichen Einnahmequellen hatte. Wir waren praktisch der Mittler dazwischen und haben die Technologie erfunden.

Das heißt Sie sind schon daran gewöhnt, mehrere Sachen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, zu verknüpfen? Sie sind ein Querdenker? Sie sind ein Künstler, Herr Bouteiller!

Oh vielen Dank, danke für die Blumen. Das ist sehr nett von Ihnen. Dafür habe ich ja an der Hochschule der Künste studiert (lacht). Aber ja, laterales Denken gehört tatsächlich dazu. Ohne geht es nicht, aber das macht ja Kreativität aus. Kreativität heißt ja nicht unbedingt, dass ich permanent Neues erfinde, sondern auch, dass ich synthetisiere. Das heißt, ich nehme zwei verschiedene Dinge, kombiniere sie in neuer Form und daraus entstehen oft die erfolgreichsten Erfindungen: Dass ich Dinge nehme, die schon da sind, aber sie uminterpretiere oder weitertreibe.

Und dann? Wie ging es dann mit dem querdenkenden Künstlerunternehmer weiter?

Dann habe ich noch zwei weitere Startups mitgegründet und anschließend verschiedene andere bei ihrer Finanzierung begleitet. Ich bin dafür ins Corporate Finance und Investment Banking gegangen. Eines Tages wurde ich dann von einem ehemaligen McKinsey Partner gefragt, ob ich nicht mal wieder die Welt retten wolle. In dem Fall ginge es um die digitale Welt und ob wir nicht die Glasfaserstrategie eines großen Telekommunikationsunternehmens neu erfinden wollten. Und dann haben wir ein Jahr lang zu zweit mit diesem großen Konzern gearbeitet, ein Modellprojekt aufgesetzt und durchverhandelt.

Das hat dazu geführt, dass eine ostdeutsche Stadt, nämlich Chemnitz, inzwischen die am besten FTTH-angeschlossene Stadt Deutschlands ist. Das ist Fiber-to-the-Home (FTTH). Das heißt, die Glasfaserleitung geht bis in die Wohnung rein. Das ermöglicht besonders schnelle Datenverbindungen. Also hat Chemnitz von allen deutschen Städten die besten Internetanbindungen bis in die Wohnungen! Ausgerechnet Chemnitz, weil mein Kollege Boris und ich uns damals in den Kopf gesetzt hatten, ein neues Modell zu entwickeln.

Und danach kam auch schon die Urban Tech Republic mit der Tegel Projekt GmbH.

Als mir das angeboten wurde, da habe ich mir gesagt: Wow! Einmal 5 km² Stadt planen! Da bin ich dabei!

ein urbanes Gebiet in Tegel

Die Tegel Projekt GmbH schafft ein urbanes Gebiet ©AusserGewöhnlich Berlin

Berlin ist inzwischen der Startup-Hotspot Europas. Aber bei allem Wirtschaftswachstum und Glauben an die Internet-Szene: Braucht man so viel Platz? Die Startup-Szene hat doch ausreichend Platz da in Mitte, oder?

Jetzt müssen wir ein bisschen differenzieren. Ich komme ja selber aus der Startup-Szene. In der Startup-Welt gibt es, ich nenne es mal die Web-Szene, also neue Transaktionsmodelle, neue Shoppingportale, Apps usw.

Okay verstehe ich.

Das ist die Web-Welt, und für die braucht man auch keine große technische Ausstattung mehr. Man braucht Programmierer und eine gute Anbindung, das ist klar. Das ist ja heute alles in Mitte angesiedelt, im Wesentlichen. Da, wo auch ich mit meinen Firmen angefangen habe. Um den Hackeschen Markt rum, am Rosenthaler Platz. Das Cibo Matto, das gibt es ja schon lange nicht mehr. Das Pan Asia war unsere Kantine, gibt es auch nicht mehr, da sitzt jetzt SAP drin. Das war unser Ökosystem. Dieses Ökosystem hat sich etabliert. Inzwischen ist es teurer geworden und jetzt diffundieren die Firmen. Es geht rüber nach Kreuzberg, Moabit, in die angrenzenden Bezirke, weil es dort noch günstigere Büroräume gibt.

Aber kommen die alle nach Tegel und zum Tegel Projekt?

Darauf wollte ich gerade hinaus. Das ist alles die Web-Szene. Würde ich jetzt mit unserem Projekt in Tegel sagen, liebe Web-Szene, bitte kommt alle zu uns, dann wäre das schwierig, weil ich versuchen würde, sie aus ihrem natürlichen Biotop zu ziehen. Das ist nicht mein Ziel. Aber was ich bei uns deutlich sehe, ist die Tech-Szene, also all das, was jetzt gerade an neuen Entwicklungen kommt. Nicht nur in der Mobilität, sondern das ganze Internet of Things, die ganzen Wearables, also alles, was eine dingliche Komponente hat, wo es ins Physische reingeht und weg vom rein Virtuellen… Diese ganze Szene, bis hin zu neuen Antriebstechnologien, neuen Energiespeichern und smarten Verteilsystemen.

Das sind alles Themen, die längere Entwicklungszyklen haben. Die haben auch sehr lange Verkaufszyklen, weil sie es mit einer strukturkonservativen Industrie zu tun haben. Die brauchen auch viel mehr Geld. Das ist eine ganz andere Kategorie von Investments und das sind auch andere Leute. Das sind ältere Gründer, die haben oft schon in der Industrie gearbeitet und machen dann Ausgründungen. Die haben vielleicht schon Familien, andere Anforderungen an ihre Umgebung, aber auch an ihre Büroräume. Die brauchen Labs, die brauchen eine richtig physische Umgebung. Für die gibt es in Berlin keine natürliche Heimat.

Was ist denn ein Lab?

Ein Laboratorium. Damit meinen wir die mit viel Technik ausgestatteten Werkstätten, mit den ganzen Laserfräsen, 3D-Druck Geschichten, Sintering, Wet-Labs..

Eigentlich die moderne Industrie?

Ja, natürlich. Das ist es. Und das sind Ausstattungen, die sind sehr teuer. Gerade, wenn es um Präzisionsmessungen usw. geht. Das kann sich ein einzelnes Startup nicht leisten und deswegen wollen wir hier für diese Startups die Infrastruktur schaffen. Die sind eher technisch oder Hardware-orientiert. Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sie das alles vorfinden und sich das auch mit anderen teilen können.

Dazu haben sie dann ihre eigenen Büros, und das in einer Umgebung, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist und die räumlich an eine technische Hochschule angegliedert ist – die Beuth Hochschule mit ihrem Campus TXL. Das heißt, die angewandte Forschung und die Startup-Szene können sich unmittelbar gegenseitig befruchten. Dazu kommen dann noch die großen Industriebetriebe, die ihrerseits wieder an Innovationen interessiert sind. Das heißt, wir kreieren gleichzeitig den Marktzugang. Und dieser Dreiklang aus Forschung, Startups und Industrie, der macht die Urban Tech Republic so interessant. Das merken wir auch in den Gesprächen.

Die Gebäude, die jetzt da sind, also von unserem Flughafen, die bleiben alle?

Nicht alle, aber die Wesentlichen. Das Terminal C von Air Berlin zum Beispiel, die große Halle rechts oben, das ist ein simpler Zweckbau, der abgerissen wird. Dort wird dann Spannenderes passiere. Aber das Hauptgebäude zum Beispiel, das ist großartige Architektur aus den 70er Jahren, und natürlich das Hexagon, das bleibt…

Da werden dann welche Firmen reinkommen?

Da kommen vor allem junge Firmen rein. Das Hauptgebäude wird ein riesiges Startup- und Kongresszentrum. Und das Hexagon, das wird der Urban Tech Campus der Beuth Hochschule. Das wird super. Und dann haben wir noch Terminal D, unser Basislager, da fangen wir mit allem an.

Wenn ich das alles so erklärt bekomme, bin ich auch begeistert. Zuerst war ich auch eine, die sagte, Tegel muss bleiben, aber jetzt haben Sie mich überzeugt.

Das freut mich. Ich liebe Tegel ja auch als Flughafen. Dazu stehe ich auch. Das ist ein wunderbarer, effizienter Flughafen. Meine Rekordzeit von der Flugzeugtür bis zu meiner Wohnungstür liegt bei 12 Minuten. Aber seien wir ehrlich: Das geht einfach nicht mehr, mitten in der Stadt. Und ich habe auch keine Lust mehr, bei den interkontinentalen Flügen immer umzusteigen. Das ist so nervig.

Ich denke auch, wenn ich Hunger habe, kann ich mir auch einen Hamburger reinziehen, aber dann geht es mir schlecht. Das bedeutet, der kürzeste Weg, oder der leckerste Weg, ist nicht immer der vernünftigste.

Genau. Und der Stadt tut der Flughafen auf Dauer nicht gut. Das macht man nicht mehr heutzutage. Man setzt die Bevölkerung einfach nicht mehr einem solchen Lärm und Dreck aus und so einem Risiko. Wenn Sie mal am Kurt-Schumacher-Platz stehen und da die Flugzeuge so dicht drüber fliegen, da vibriert alles, da bekommen Sie fast Panik.

Aber wer in Mitte oder so wohnt, dem ist es auch egal, ob es vibriert.

Aber in Pankow? Den Leuten ist das gar nicht egal. Die haben da ihre Einfamilienhäuschen und wollen glücklich leben, aber jeden Tag ab 6 Uhr rauschen da Flugzeuge drüber.
Bald vielleicht nicht mehr.

Wir sind sehr gespannt auf die Urban Tech Republic! Danke für das Gespräch Herr Bouteiller.

Das Interview über das Tegel Projekt erschien erstmals im eMagazin von AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 03/2017.

 

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