Travelin Mick. Tattoo-Journalist und Koryphäe im Tattoo-Bereich

Travelin Mick in Indien

Welt-Tattoo-Legende Travelin Mick ist ein AusserGewöhnlicher Berliner

Tattoo-Journalist Travelin Mick über seine Tattoo-Reisen und eine Oma mit schwarz tätowiertem, Gesicht.

Gibt’s ein Tattoo, das Du bereut hast?

Travelin Mick: Ne! Das sollte man grundsätzlich nie machen. Weil selbst, wenn du was ganz Dummes machst, dann war das deine Entscheidung zu diesem Zeitpunkt. Dazu sollte man stehen. Und es ist eine Erinnerung.

Ich hab‘ Kumpels, die drei oder vier verschiedene Frauennamen auf sich tätowiert haben. Die streichen das dann vielleicht durch aber abdecken lassen sie’s nicht.“

Wo und wann hast du dir dein erstes Tattoo stechen lassen?

Travelin Mick: Das war in Ulm, am 1. Mai 1989. Damals musste ich 100 Kilometer weit fahren, um 6 aufstehen, damit ich um 8 vor der Tür stand und an dem Tag noch drankam. Sowas wie Termine ausmachen oder Motive im Voraus besprechen, gab’s da noch nicht. Da bist du ins Studio, hast dir von der Wand von den Motiven schnell was ausgesucht, weil der Typ meistens doch recht ungeduldig war und er noch 30 andere Leute an dem Tag tätowieren wollte. Dann hast gesagt: „Das will ich“. Es folgte: „Hinsetzen! Klappe halten!“ Dann hast das draufgeklatscht gekriegt, deine Kohle abgeliefert und das war’s dann.

Erstes Tattoo von Travelin Mick.
Erstes Tattoo von Travelin Mick.

Ich wollte eigentlich einen Stierschädel haben aber den hatten sie nicht. Deswegen hab‘ ich mir ’nen Tigerkopf machen lassen. Der ist leider mittlerweile abgedeckt, weil ich hab‘ mir später den ganzen Rücken tätowieren ließ. Zu dem Zeitpunkt damals gab es in Deutschland vielleicht zehn, 15 namhafte Studios. Und ein paar Leute, die zuhause rumgekratzt haben. Allein in Berlin gibt es heute zwischen 800 und 1000 angemeldete Studios. Das macht es zu einem ganz normalen Wirtschaftszweig.

Wie kamst Du auf die Idee, rund um den Globus zu reisen und Tattoos zu dokumentieren?

Travelin Mick: Gereist bin ich schon während der Schulzeit. Der Knackpunkt war 1994/95, als ich sechs Monate mit dem Motorrad von Deutschland nach Afrika gefahren bin. Als ich in Südafrika ankam, wollte ich mir als Erinnerung ein Tattoo stechen lassen. Dort hab‘ ich einen Tätowierer kennengelernt, zu der Tätowierung kam’s dann aber gar nicht erst. Wir haben uns angefreundet und ich bin dann mit ihm auf Tattoo-Messen in Europa gegangen.

In Südafrika bin ich dann vier Jahre hängengeblieben. Bin von dort aus aber immer wieder auf Tattoomessen in Europa, mehr als Hobby. Dort habe ich einen alten Schulfreund wiedergetroffen, der Chef eines Tattoomagazins war. So hab‘ ich angefangen, Artikel als Freelancer zu schreiben.

Wann kam der Durchbruch?

Travelin Mick: Ich hab‘ damals einen ziemlichen Coup gelandet, weil ich als erster die Gangtattoos in Südafrika dokumentiert hab‘. Die hatten Gangsymbole, wie zum Beispiel die ’28‘, quer im Gesicht tätowiert. Da habe ich als erster eine Reportage gemacht, die x mal abgedruckt wurde. Und dann dacht‘ ich mir: ‚Hey, Journalist ist ’ne coole Sache‘. 1999 bin ich zurück nach Deutschland und ab da bin ich nur noch durch die Welt gereist. Habe nach Stämmen gesucht und vieles gefunden, das in der soziologischen / historischen Literatur gar keinen Platz hat, obwohl’s ein wichtiges Kulturmerkmal ist.

Völkerwanderungen kann man an Tattoos festmachen, soziale Entwicklungen des Volks an den Tätowierungen ablesen.“

Was war das aussergewöhnlichste Tattoo, das Du je gesehen hast?

Travelin Mick: Bei den traditionellen Geschichten, hab‘ ich irre Sachen gesehen.

Ich hab‘ ein Foto von ’ner 95-jährigen Frau in Burma geschossen, die das komplette Gesicht schwarz tätowiert hatte.“

Nicht nur Pünktchen, sondern solides Schwarz. Das war von Hand tätowiert. Ich kenne viele gute Tätowierer, die das nicht so schwarz hinkriegen würden. Das wurde vor 80 Jahren tätowiert, in irgendeiner Hütte, mit einem Dorn vom Limonenstrauch und Ruß, der vom Topf abgekratzt wurde.

Frauen mit Gesichtstattoo in Papua Neuguinea
Frauen mit Gesichtstattoo in Papua Neuguinea.

Warum wurde sie so tätowiert?

Travelin Mick: Diese Extremformen gibt es meist in Gebieten, wo sehr viele Untergruppen und verfeindete Stämme leben. Wo es wichtig ist, dass man sich schon von weitem erkennt. An der Grenze zwischen Burma und Bangladesch beispielsweise. In jedem Stamm wurde das Gesicht der Frau mit einem unterschiedlichen Muster tätowiert, bei einer Untergruppe eben komplett schwarz.

Das war auch Inbesitznahme der Frau durch den Mann. Sie konnte außerhalb des Stamms durch diese Markierung im Gesicht nicht mehr heiraten. Was in dieser Kultur aber damals kein Problem war, weil die Frau sowieso keine andere Wahlmöglichkeit hatte. Heute ist das ganz anders, das hat dann oft zu Konflikten geführt und dazu, dass diese Traditionen aufhören. Durch die Homogenisierung der Gesellschaft hat sich das wieder angeglichen.

Also sterben Tätowierungen dort aus?

Travelin Mick: In diesen Kulturen stirbt das aus. In einer Stadt wie Berlin hast du dafür die entgegengesetzte Bewegung. Es hat wieder eine Individualisierung eingesetzt.

Mit der Tätowierung versuchst du dich zwar individuell abzuheben, ordnest dich dadurch aber wieder in eine Gruppe ein. In die Pusteblumen- oder Arschgeweihgruppe.“

>>>Hier geht’s zu Travelin Micks Tattoo-Tipps für Berlin.

Travelin Mick in Taiwan
Travelin Mick in Taiwan

Was hat Dich auf Deinen Reisen am meisten fasziniert?

Travelin Mick: Die Menschen, die diese Tätowierungen haben, sind meistens die Ältesten. Die sind teilweise über 100 Jahre alt. Und ich muss dann gezielt die Ältesten der Stammesältesten finden und versuchen, mit ihnen zu kommunizieren. Wenn ich dann als Auswärtiger komme und mich tagelang mit einem Übersetzer hinsetze und ihnen zuhöre, warum sie damals tätowiert wurden, das ist irrsinnig spannend.

Und das ist für mich dieser Glücksmoment, wenn ich drei Tage im Jeep in Burma unterwegs war und dann komme ich in dieses Dorf, wo ich nicht weiß, ob es hier überhaupt noch Tätowierte gibt.

Da komme ich in eine Hütte, wo diese Oma sitzt – mit ganz schwarz tätowiertem Gesicht.“

Das ist ein Adrenalinschub. Wenn ich im Jahr darauf gekommen wäre, hätte ich vielleicht niemanden mehr gefunden, die ganze Kultur wäre weg gewesen. Teilweise ist das eben noch gar nicht dokumentiert worden.

Was sind Deine Quellen? Wie findest Du die Stämme?

Travelin Mick: Das geht zurück bis in die Kolonialliteratur aus dem 19. Jahrhundert. Berichte von Offizieren, die in Burma saßen und das akribisch dokumentiert haben oder deutsche Antropologie. Da gibt’s ganz obskure Bücher. Ich hab eins, da gibt’s nur sechs Exemplare davon. Dann versuche ich übers Internet herauszufinden, wie ich da hinkomme und ob überhaupt noch die Chance besteht, jemanden da zu finden. Teilweise habe ich nur ein Schwarz-Weiß-Foto oder ’ne Zeichnung.

Kopfgeldjäger aus Indien
Ein Kopfgeldjäger aus Indien. (Foto: Travelin Mick)

Ist es nicht gefährlich, sich unter Stämme fernab der Zivilisation zu mischen?

Travelin Mick: Das Gefährlichste ist, dass du krank wirst. Ich war aber auch schon öfters in Rebellengebieten. Diese Stämme sitzen oft in Grenzregionen, wo die Regierung keine Kontrolle hat. Aber ich hatte da noch nie Probleme. Die Kontaktaufnahme funktioniert ganz gut. Die finden es immer ganz cool, wenn da ein Volltätowierter kommt und nach Tätowierten fragt. Das ist unpolitisch. Ein bisschen vorsichtig muss man aber sein.

Ich würde wahnsinnig gern nach Syrien, weil es da auch Tätowierte gibt.“

Aber das habe ich jahrelang vor mir hergeschoben. Und mittlerweile ist es tot – es geht nicht mehr. Zumal es sich auch um Christen handelt, die überall hin verstreut sind.

Stichst Du auch selbst Tattoos?

Travelin Mick: Ich weiß, wie es geht – deswegen tu‘ ich’s nicht (lacht). Ich hab‘ zwei Tattoos gestochen. Einmal nur was schattiert und einmal einen kleinen Stern auf einen Freund. Wenn ich drüber schreibe, muss ich auch wissen, über was. Ich find das schäbig, ’ne Kunstkritik über einen Tätowierer zu schreiben und selbst nicht zu wissen, wie schwierig das rein technisch ist.

Was ist das schlechteste Tattoo, das du je gesehen hast?

Travelin Mick: Selbst, wenn du denkst: ‚Man, was für eine Scheiße ist das denn?!‘ und du redest mit dem und der erzählt dir eine coole Story dazu: im Knast oder mit 14 in der Schule einen Hügel mit Kreuz. Das find‘ ich cool, weil eine Geschichte dahintersteckt.

Schlecht finde ich so Nachmacherdinger. Wenn man ins nächste Tattostudio rennt, nur weil was trendy ist. Und sich das dann schlecht kopieren lässt.“

Tätowierte Frau in Nepal.
Tätowierte Frau in Nepal.

Wie lang bist Du im Jahr in Berlin?

Travelin Mick: Letztes Jahr war ganz furchtbar, da war ich im letzten Halbjahr nur drei Wochen zuhause. Ich versuche das jetzt mehr auszugleichen. Dass es halbe-halbe wird. Momentan sind es zwei Drittel bis drei Viertel Reisen und der Rest Berlin.

Wie finanzierst Du Dir deine Reisen?

Travelin Mick: Das geht über die Artikel und die Fotos. Print ist nicht so einfach momentan, ich muss auch versuchen, Online Wege zu finden. Aber es geht, weil ich das weltweit mache. Ich arbeite nicht nur für ein deutsches Magazin, sondern auch für mehrere amerikanische, ein französisches, ein englisches, ein schwedisches, ein japanisches, ein russisches. Insofern geht’s. Auch weil ich der weltweit Führende in dem Genre bin.

Hast Du dir in Berlin schon ein Tattoo stechen lassen?

Travelin Mick: Ich glaub‘ nicht. Ne. Ich bin eh erstens fast voll, also ich hab‘ nicht mehr viel Platz. Und ein Großteil meiner Tätowierungen sind auf meinen Reisen entstanden. Das sind Andenken daran. Und hier bin ich jetzt halt zuhause. Kann aber sein, ich schließ‘ das nicht aus. Ich lass‘ mir meistens nur so kleine Dinger machen. Die teilweise gar nicht künstlerisch oder technisch anspruchsvoll sind aber das ist dann eine Erinnerung an eine bestimmte Person oder einfach was Lustiges.

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