Tanzen auf Berlins Sommerstraßen

Fete de la Musique in Berlin Kreuzberg
Fete de la Musique in Berlin Kreuzberg. (c) Dominik Butzmann

 

Die Fête de la Musique macht aus Berlins Straßen bunte Bühnen für einen Tag: Am 21.Juni okkupieren hunderte Bands den öffentlichen Raum und zeigen der Stadt, wie schön Straßenmusik sein kann. AusserGewöhnlich Berlin hat sich mit der Organisatorin, Simone Hofmann, unterhalten.

Was ist die Grundidee der Fête de la Musique?

SH: Die Fête de la Musique ist das Fest der Musik. Kein Festival, sondern ein Fest, ohne künstlerische Leitung, basierend auf Bürgerbeteiligung. Die Idee stammt aus Frankreich und ermuntert Jung und Alt, Laien- und Profimusiker aller Stilrichtungen jährlich zum kalendarischen Sommeranfang am 21. Juni bei freiem Eintritt und ohne Honorar in aller Öffentlichkeit, überwiegend unter freiem Himmel, Musik zu machen.

Wenn Sie während des Fête-Wochenendes alles dürften, was Sie wollten: Was würden Sie tun?

SH: Nun, Feste feiert man wie sie fallen. Dieses Jahr fällt der kalendarische Sommeranfang am 21. Juni und somit die Fête de la Musique auf einen Dienstag. Bei einem Wochenend-Tag würde ich die Programmdauer gern verlängern, früher anfangen, länger musizieren lassen, so von 13 bis 24 Uhr. Egal welcher Tag, ich würde immer gern zur Fête de la Musique in Berlin sein wollen, obwohl ich mir wünsche,auch mal die Fête in Paris erleben zu können. Gern hätte ich eine APP, die Regen ausschließt. Und ich würde gern an 1-2-3 Standorten (Bühnen) oder bei spontaner Straßenmusik länger verweilen, mal so ganz ohne Anrufe und Interviews.

Welche Rolle spielt Musik in Berlin?

SH: Eine große Rolle. Knapp 10 % der Musikunternehmen in Deutschland haben ihren Sitz in Berlin.Über 500 Unternehmen aus allen Bereichen der Musikproduktion und -verwertung bieten ihre Dienste an, darunter 250 Veranstaltungsorte, 80 Konzertveranstalter, 90 Tonstudios, 150 Musikverlage und etliche Musiklabels. Es gibt die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, die Universität der Künste, aber auch Verbände und Netzwerke wie den Chorverband Berlin, den Verband Unabhängiger Musikunternehmen (VUT), Club Commission, Berlin Music Commission. Durch große Unternehmen, eine mittelständische Musikszene, facettenreiche Clubkultur, hunderte von Konzerten ganzjährig und Musikveranstaltungen mit internationaler Strahlkraft hat sich Berlin als Musikhauptstadt in Deutschland etabliert. Und viele MusikerInnen aus allen Ländern der Welt leben in Berlin und musizieren, ob als Laie oder Profi.Hier gibt es kreativen Underground neben Hochkultur mit 1.500 (vermutlich eher 2.000) Chören, bestimmt 2.000 Bands, über 30 organisierten Orchestern und etlichen DJs. Das ist musikalischer Reichtum, der u.a. die Fête de la Musique beflügelt und möglich macht. Jedes Jahr auf`s Neue bin ich begeistert, was es alles an Musik in Berlin gibt.

Sie organisieren die Fête de la Musique in Berlin seit 21 Jahren.
Was ist die außergewöhnlichste Geschichte, die Sie bisher erlebt haben?

SH: Es gibt nicht die eine außergewöhnliche Geschichte, weder negativ noch positiv, eher Überraschungen wie z.B. eine unerwartet hohe Besucherzahl mit 7.000 Fans bei der Punkband Pennywise im Due Forni, die die Schönhauser Allee lahmlegten (da half der Polizeiabschnitt großartig). Oder ein Feuerwehreinsatz im Mauerpark nach Programmschluss wegen eines „illegalen“ Lagerfeuers, das mussten die Feuerwehr und ich diskutieren, wer den Einsatz bezahlt. Außergewöhnlich war ein Konzert des französischen Liedermachers algerischer Herkunft „Idir“ mit kabylischen Liedern, der 1500 begeisterte Besucher zum Schluss aufforderte, auf die Bühne zu kommen und zu tanzen. Interessant war, dass nur Männer auf die Bühne kamen, das war wunderschön.

 

Passt die Fête nach Berlin? Warum?

SH: Die Fête passt hervorragend nach Berlin, daher war Berlin auch die erste Stadt, die eine Fête de la Musique in Deutschland auf die Beine stellte. Die Stadt ist sehr liberal, die gelegentliche Eroberung des öffentlichen Raumes durch die Bevölkerung hat hier Tradition, die Musikszene ist groß und vielfältig und besonders reizvoll ist die Vielzahl der in Berlin lebenden Ethnien, die das musikalische Spektrum so facettenreich macht.

DEU, Deutschland, Berlin, 04.06.2010, Portrait Simone Hofmann, [(c) Kai Bienert
Simone Hofmann, (c) Kai Bienert
Kurze Beschreibung zu Simone Hofmann (51)
Simone Hofmann studierte Kultur- und Medienmanagement an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Später absolvierte sie noch ein Studium der Ökonomie mit Spezialisierung Projektmanagement an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie und gründete schließlich 1992 die Fête Company. Die Firma bietet Konzeption, Organisation, Durchführung und Beratung von Kulturveranstaltungen speziellim öffentlichen Raum an und holte schließlich auch die Fête de la Musique nach Berlin. Siehe weiter
In den Wintermonaten richtet die Fête Company den Lucia Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei aus. Für vorherige Etappen und Projekte waren klicke hier

Die Fête de la Musique

Jedes Jahr zum kalendarischen Sommeranfang am 21. Juni feiert alle Welt das Fest der Musik mit der Fête de la Musique. Was 1982 mit der Idee des französischen Kulturministers Jack Lang, ein paar Stromanschlüssen und sehr viel musikalischem Idealismus in Paris begann, hat sich längst zu einem globalen und höchst populären Ereignis entwickelt. Inzwischen verbindet die Fête de la Musique als European und Worldwide Music Day die Menschen in 540 Städten in 106 Ländern, darunter ca. 50 Städte und Gemeinden in Deutschland.
Berlin ist seit 1995 dabei. Mit zahlreichen Musizierenden an gut 100 Bühnenstandorten sowie Straßenmusik im gesamten Stadtgebiet ist dieses Fest inzwischen so etwas wie der „Tag der Offenen Tür“ der Berliner Musikszene geworden. Alle Musiker, Profis wie Laien, Erwachsene wie Kinder, treten ohne Honorar auf und der Eintritt ist frei. Zu entdecken gibt es Bekanntes wie Unbekanntes aus der vollen Bandbreite der Musikstile.
Dank einer Ausnahmegenehmigung kann in ganz Berlin am 21. Juni in der Zeit von 16 bis 22 Uhr auf öffentlichen Straßen, Plätzen und Grünanlagen ohne Strom und Verstärker musiziert werden, sofern dies nicht schutzwürdige Einrichtungen stört. Elektronisch verstärkte Musik ist nur an den angemeldeten Bühnen bzw. Standorten gestattet. Das Fest beginnt um 16 Uhr, ab 22 Uhr darf nur noch „indoor“ musiziert werden.
Die Fête de la Musique Berlin wird von Simone Hofmann/Fête Company seit 1995 organisiert und zu 100% aus der öffentlichen Hand finanziert. Den Großteil (75%) übernimmt dankenswerter Weise bis einschließlich 2017 die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.