Der Internetpionier Ralph Kissner im Interview mit AusserGewhnlich Berlin

Ralph Kissner, Geschäftsführer von Six Offene Systeme ©AusserGewöhnlich Berlin

Unser Ralph Kissner erfand das erste Reisebuchungsprogramm der Welt

Der AusserGewöhnliche Berliner Ralph Kissner von Six Offene Systeme, Berlin und den Berliner Spirit.

Selfmademan Ralph Kissner misst gekonnt den dynamischen Puls Berlins. Schlägt der zu schnell?

Du hast deine Firma in den 90er Jahren gegründet und bist immer noch dabei. Grenzt so viel Kontinuität nicht schon an Beamtentum?

Ralph Kissner: Eine schwierige Fragestellung. Was ich durch die Firma lernen durfte ist, dass Kontinuität auf den ersten Blick spießig und langweilig erscheint. Das fantastische ist allerdings, dass erst mit Langfristigkeit und Dauerhaftigkeit wertvolle Effekte auftreten können. Ohne die Kontinuität wären die Effekte so nie zustande gekommen.

Für mich war es ausschlaggebend die Verantwortung einer eigenen Firma zu tragen.

„Meine Firma ist meine Existenz. Ich war gezwungen am Ball zu bleiben. Über einen langen Zeitraum hat das für mich zu Einsichten geführt, die für mich heute sehr wertvoll sind.“


Wenn man gezwungen ist, an einer Sache dran zu bleiben, führt das zu persönlicher Weiterentwicklung?

Ralph Kissner: Ja. Zu diesem Thema gibt es einen tollen Film von Lars von Trier: „The Five Obstructions“.

Darin fordert er seinen ehemaligen Hochschulprofessor zu einer Challenge heraus. Er soll seinen älteren sehr erfolgreichen Kurzfilm erneut drehen. Das Ganze gleich fünfmal und jeweils eingeschnürt durch ein sehr enges Vorgabenkorsett. Daraus entstanden fünf ganz sensationelle Kurzfilme. Nicht obwohl, sondern gerade weil die Vorgaben so eng waren. Es war eine große Menge an Kreativität erforderlich um aus diesem engen Korsett noch etwas ganz Grandioses zu machen.

Wenn man Dir zuhört, möchte man meinen: Sobald ein möglichst enger Rahmen vorgegeben wird, katalysiert dies die kreative Energie und führt zu revolutionärem Denken und zu positiver Charakterentwicklung?

Ralph Kissner: Ein interessanter Gedanke. Ich persönlich glaube es kommt in der Tat auf den Typ Mensch an, der mit diesen Umständen konfrontiert wird. Also wer ist man und auf wen trifft es zu?

Du hast eine Firma selbst gegründet und sie kontinuierlich geleitet. Sag, was macht Deine Firma eigentlich?

Ralph Kissner: Wir, also Six Offene Systeme, sind ein Softwareunternehmen. Einfach gesagt: Wir machen die Produkte unserer Kunden für möglichst viele Menschen nützlich.

„Ein tolles Beispiel sind die Verkehrsblitzer in Brandenburg. Die Software zur Auswertung und Übertragung der Geräte stammt von uns.“


Wie sympatisch! Du weißt, wie Du Dir Fans machst.
Wenn Du Dein Unternehmen schon in den 90ern gegründet hast, wie kamst Du auf Software? Damals steckte das Internet noch in den Kinderschuhen.

Ralph Kissner: Wir waren tatsächlich mit die Ersten, die das Thema Software in Deutschland angefasst haben.

Wir standen als Firma kurz vor der Pleite und mit meinen letzten 6000 DM, die ich noch hatte, musste ich etwas anpacken, dass zwangsweise zu Erfolg führen würde.

Zeitgleich kam das Internet auf. Stichwort: Remote Computing: Also die Idee davon in Stuttgart am Rechner zu sitzen, etwas einzugeben und daraufhin passiert etwas in Minneapolis an einem anderen Rechner.

All diese Möglichkeiten! Die Entscheidung Software zu produzieren lag nahe. Wir haben uns damals bewusst dafür entschieden, uns nicht mit den optischen Dingen aufzuhalten. Wir machten weder ICE noch Graphik oder InDesign, sondern haben uns direkt auf funktionale Anwendung spezialisiert. Als wir damit auf Unternehmen zugingen, fanden wir sofort Kundschaft und das war 1995! Unser zweiter Kunde war die TUI. Für diesen Kunden haben wir das erste richtige Reisebuchungssystem auf diesem Planeten geschrieben.

Wahnsinn! Du bist ein Internet-Pionier. Also der erste Gründer eines Start Ups in Berlin. Und was sagst Du zu der jetzigen Start Up Szene? Fühlst Du Dich als Teil dieser Szene?

Ralph Kissner: Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich nie als Start Up Unternehmer gefühlt oder betrachtet.

Ich musste von meinem Job leben. Ich habe also aus einer wirtschaftlichen Zwangsbedingung heraus agiert und wollte dabei halbwegs etwas tun, dass uns Spaß bereitet. So wurden wir zur Softwarefirma.

„Für meine Begriffe ist die heutige Start Up Szene über weite Strecken zu stark durch das Interesse am schnellen Geld beeinflusst. Besonders aus der Investorenperspektive.“


Die SAMBA haben der Welt gezeigt, dass sie genau das können. Sie haben mit einem acht- bis neunstelligen Exit ihre Firma verkauft und jetzt wollen sie beweisen, dass sie dieses Konzept systematisiert kriegen. Lange Zeit war ich diesbezüglich skeptisch. Und tatsächlich sieht es so aus als würden sie mit ihrem Vorhaben dem Erfolg entgegensteuern.

Das verblüfft mich.

Aber Du sagst, dass aktuell vorherrschende Wertesystem ist ein anderes?

Ralph Kissner: Das Wertesystem ist definitiv ein anderes. Heute geht es ums Cash. Frei nach dem Motto: Make Money Fast.

Meine Prioritäten lagen anders. Ich wollte Spaß haben und mit schlauen Menschen arbeiten.

Wenn Du die Entwicklung Berlins von deinem Standpunkt aus mitverfolgst: Wozu würdest Du Berlin raten, wenn es auf Dich hören würde?

Ralph Kissner: Wahrscheinlich würde ich dafür plädieren, dass sich jemand mehr um die öffentliche Ordnung kümmert und parallel dazu dafür sorgt, dass nicht zu viel durch diese Ordnung gehemmt wird.

„Berlin besitzt diese pulsierende Energie, dieses „Ich will irgendwas. Ich weiß vielleicht noch gar nicht was. Aber ich will irgendwas.“ Diese lebendige Energie möchte ich am Leben erhalten.“


Wie müsste denn die Partei aussehen, die diesen Berlinspirit auch vertritt?

Ralph Kissner: Ich glaube nicht, dass sich das in die Korsage einer Partei zwängen lässt. Parteien leben davon, dass sie gewählt werden und das erreichen sie, indem sie ein Thema herausarbeiten und zuspitzen. Und ich denke, dass die Energie von Berlin gerade vom Gegenteil lebt.

Sie geht in die Breite und fächert sich in Facetten auf und nichts läuft einfach nur spitz zu.

Du plädierst also nicht für Parteien, sondern eher zu… ja was ist das dann?

Ralph Kissner: Ich meine, dass unsere gesellschaftlichen Systeme dieses Etwas bereits haben.

Bildlich gesprochen besteht eine gewisse Pendelbewegung.

„Zu einer Zeit sind bestimmte Kräfte stärker als andere und das wechselt sich dann wieder ab. Und durch eben diese Pendelbewegung entsteht auch die charakteristisch dynamische Lebensqualität von Berlin.“


Welche Kräfte würdest Du dann jetzt gerade stärken wollen?

Ralph Kissner: Ich würde die Kräfte stärken, die für ein bisschen mehr Ordnung sorgen.

Dabei bin ich keinesfalls für einen “Law and Order State”. Zum Beispiel denke ich, dass Berlin komplett refinanziert wäre, wenn sich das Ordnungsamt mehr auf die Fahrradfahrer konzentrieren würde. Wohl bemerkt bin ich selbst Fahrradfahrer.

Du möchtest also, dass man innerhalb des gesellschaftlichen Miteinanders die gemeinsam beschlossenen Regeln schätzt und einhält?

Ralph Kissner: Ja. Ganz genau.

Vielen Dank für das Interview.

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