Stefan Hoppe von Energy über Radio in Berlin

Stefan Hoppe von Radio Energy ©AusserGewöhnlich Berlin

Werden wir die Geräte abschalten?

Stefan Hoppe von Radio Energy im Interview: Vor unserer Berliner Radiolandschaft liegt durch die Digitalisierung eine riesige Herausforderung. Uns quält die Frage: "Werden wir die Geräte abschalten?"

  • Berlin ist gleichzeitig Provinz und Weltstadt.
  • Früher hat man in Kreuzberg noch mit dem Maurer, dem Türken und dem Vorstand der Bank unter einem Dach friedlich zusammengelebt. Und gerade dieses Subkultige geht Berlin momentan durch die Gentrifizierung verloren.
  • Radio in Berlin zu machen ist etwas mehr zur Kunst geworden.

Berlin ist laut, schmutzig und man verdient schlechter als anderswo. Wenn jemand viele Städte kennt, wieso lebt er dann in Berlin?

Das stimmt so nicht ganz. Auch wenn ich schon in Hamburg und in München gelebt habe, bleibt Berlin für mich meine Heimatstadt. Berlin ist enorm gewachsen und macht einfach Spaß. Ich kenne mich hier gut aus und ich würde es nie mit anderen Städten vergleichen.

Was ist für dich so besonders an Berlin?

Berlin ist offen. Berlin ist laut. Es ist einfach einzigartig. Man hat die Möglichkeit, mit wenig Geld viel zu erreichen. Es steckt voller Möglichkeiten!


Berlin ist gleichzeitig Provinz und Weltstadt. Diese Mischung finde ich berauschend. Etwas Derartiges findest du in sonst keiner deutschen Stadt. Es gibt allerdings etwas, das mir hier fehlt. Hamburger betiteln ihre Stadt voller Stolz als „ihre Perle“ und „die schönste Stadt der Welt“. Genau daran fehlt es noch in Berlin. Vermutlich liegt das daran, dass viele zugereist sind. Man zieht hier sein Ding durch und haut dann wieder ab.

Vielleicht ist es einfach uncool zu sagen: „Ich finde meine Stadt toll.“ Das ist im Berliner Wortschatz einfach nicht eingebaut.

Berlin bleibt immer meine Nummer Eins. Ganz egal wo ich bin oder hingehe. Wenn man mich im Urlaub fragt wo ich herkomme, dann ist die Antwort klar:

Aus Berlin. Nicht aus Deutschland. Berlin ist für mich noch mal etwas ganz Besonderes.

Nun ändert sich Berlin gerade. Besonders in der Immobilienbranche. Du wirst es gemerkt haben: Berlin wird gerade mehr zu München.

Das stimmt leider. Ich schätze und liebe Berlin mit all seinen Facetten, Ecken und Kanten und finde die aktuelle Entwicklung sehr schade.

Früher hat man in Kreuzberg noch mit dem Maurer, dem Türken und dem Vorstand der Bank unter einem Dach friedlich zusammengelebt.


Und gerade dieses Subkultige geht Berlin momentan durch die Gentrifizierung verloren. Das erinnert mich an Paris. Die Armen und Abgehängten werden nach außen in den Stadtrand gedrängt. Die Neuberliner, die von außen kommen, gehen in den Kiez, ins „Schwabenländle“, dahin, wo was los ist; wollen dann aber, dass es um elf Uhr nachts wieder ruhig ist. Das funktioniert natürlich nicht.

Was kann man dagegen machen?

Die Politik muss was machen. Letztendlich gibt die Politik vor, wo und wie viele günstige Wohnungen gebaut werden.

Wo wir gerade zur Politik kommen. Die alt-neue Problematik, die sich wiedermal herausschält, ist: Die einen werden radikal links, die anderen radikal rechts. Das gilt für andere Städte und ganz besonders für Berlin. Alle wollen, dass etwas getan wird und radikalisieren sich. Was tun?

Eine gute Frage, die sich die Politik sicher auch stellt. Wichtig ist, dass nicht weggeschaut wird. Ein guter Anfang sind die Bürgerinitiativen. In Punkto Zusammenarbeit gibt es in Berlin noch eine Menge Luft nach oben: Wenn etwas nicht läuft, wie gerade in der Politik, dann reden alle über den negativen Zustand, ohne mit einer Lösung aufwarten zu können. Die Gespräche erscheinen mir nicht lösungsorientiert. Die Menschen müssen viel mehr miteinander reden und aufeinander zugehen und die Probleme im Kleinen ansprechen und versuchen zu lösen.

Eine gute Kommunikation ist das Wichtigste. In der privaten Beziehung, im Unternehmen und natürlich auch in der Politik.


Schönes Stichwort: Gute Kommunikation. Früher war man up to date mittels Radio und Tageszeitung. Diese beiden Kommunikationsmedien waren unsere Begleiter durch den Tag. Heute ist das Instagram. Wie steht es ums Radio? Kann das nicht weg?

Das denke ich nicht. Die Berliner wollen aktuelles Wissen: Was passiert in meiner Stadt? Was passiert im Verkehr? Wie sieht das Wetter aus? Radio leistet etwas Besonderes. Ich kann mir also nicht vorstellen, dass das Radio verschwindet.

Kann mir mein Smartphone nicht alle Fragen beantworten, die über das Radio vermittelt werden? Alle Radiodienstleistungen gibt es jetzt schon als bessere APP. Also warum schalte ich das Radio noch an?

Weil du so nicht 5 oder 7 Apps separat ansehen musst, sondern alles bei Deinem Sender bekommst. Und dann die Musik! Klar gibt es Spotify und andere Dienste. Bei uns im Radio bekommst du aber einen Mix. Wir spielen Songs, die dir von Spotify nie vorgeschlagen werden. Außerdem geht es mehr um das Gesamtkonzept Radio als sozialer Faktor. Moderatoren sind vielleicht nicht Deine Freunde, aber wie Kumpels begleiten sie Dich durch den Tag. Wenn du morgens schlecht drauf bist und das Radio in Berlin anstellst, muntern dich unsere Moderatoren auf.

Moderatoren sind mir noch immer ein Rätsel. Sie unterbrechen brutal den Musikfluss. Wofür sind Moderatoren tatsächlich da?

Moderatoren verbreiten gute Laune und schicken den lebendigen Zeitgeist noch mal raus in den Äther. Unterhaltung gehört einfach mit dazu. Wir alle wollen unterhalten werden. Immerhin gibt es auch keine TV-Sendung ohne Moderator.

Du sagst: Die Sprache kommt wieder. Was genau meinst du?

Durch die Die Digitalisierung wird behauptet, Radio in Berlin sei jetzt dort, wo die Zeitung vor 10 Jahren war.

Ich glaube das nicht. Durch permanente Veränderungen durch die Digitalisierung entstehen immer wieder neue Chancen wie Webradio, Podcast oder audiobasierte Sprachsteuerung. Die Sprache und Audio kommt wieder mehr zur Geltung: Siri, Alexa, usw. In Zukunft werden 80% aller Geräte durch Sprache gesteuert werden.

Allein bei WhatsApp sieht man das. Immer mehr Leute schicken mir wieder Voice Mails. Sprache kommt wieder. Das ist ein Schatz für Radio in Berlin. Radio weiß nur noch nicht, wie es mit dem Schatz umgehen soll…

Man sagt, Visual first, aber eigentlich ist Sprache first. Bei Visuellem fehlt der emotionale Faktor. Unsere Stimme kann mehr als nur Text vortragen.


Und trotzdem haben es Radiosender in Zeiten der Digitalisierung schwerer. Wie wird sich das auf die Zukunft des Radios auswirken?

Es gibt in Berlin ca. 34 UKW Sender. Das ist einer der größten Radiomärkte in Europa. Die Großen werden überleben (zum Beispiel wir als größte Jugendradiomarke), aber viele kleinere werden vom Markt verschwinden. Mehr als die Hälfte aller Sender schreibt keine schwarzen Zahlen mehr.

Radio in Berlin zu machen ist etwas mehr zur Kunst geworden.

Der eine oder andere kleine Radiosender wird sich deshalb nicht halten können.

Glücklicherweise bist du eine Kämpfernatur und offensichtlich nicht leicht klein zu kriegen. Was treibt dich persönlich an?

Ich genieße die Freiheit so leben zu können wie ich es möchte. Das geht hier in Berlin besser als in jeder anderen Stadt.


Berlin steckt voller Möglichkeiten. Und meine Familie und mein Sport treiben mich an.

Was für Sport treibst du?

Ich mache Kampfsport, um genau zu sagen Kickboxen und kämpfe bei nationalen und internationalen Meisterschaften. Das ist der Hochleistungssport, der mich auch im Beruf motiviert. Bei beidem braucht es Durchhaltevermögen und Geber-, sowie Nehmerqualitäten.

Geht es beim Kickboxen nicht darum, den Gegner möglichst schnell auf die Bretter zu schicken?

Es ist wie in allen Dingen im Leben. Letztlich gewinnt immer der Schlauste. Wenn man einen Schlag bekommt muss man den einstecken können, sonst ist man nicht lange im Spiel.


Das kann man gut auf viele andere Lebensbereiche übertragen. Es ist eine kleine Kunst seinen Kontrahenten nicht merken zu lassen, dass man getroffen wurde. Da steckt viel Psychologie dahinter.

Vielen Dank für das Interview.

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