Janina Paul und Friederike Hofmeister über das Radialsystem

Die zwei weiblichen Gesichter hinter dem Radialsystem: Janina Paul und Friederike Hofmeister

Radialsystem V

Friederike Hofmeister und Janina Paul vom Radialsystem über Erfolge, aber auch Schwierigkeiten Kunst auf Weltniveau zu bringen.

Mit dem Slogan „New Space for Arts and Ideas“ sind Sie gestartet, jetzt feiert das Radialsystem V sein 10-jähriges Bestehen. Wie war die Entwicklung?
Genau genommen lautete der Slogan, mit dem wir 2006 gestartet sind, „New Space for the Arts in Berlin“.

2011 haben wir daraus „Space for Arts and Ideas“ gemacht

– und eigentlich sagen schon diese wenigen veränderten Worte viel über unsere Entwicklung aus: Das „new“ zu streichen lag nahe – nach fünf Jahren ist man eben nicht mehr ganz „neu“. Was wir aber vor allem zum Ausdruck bringen wollten, war Offenheit. Das Radialsystem ist nicht nur ein besonderer Veranstaltungsort mit „Space for the Arts“, sondern bietet im tatsächlichen wie übertragenen Sinn Raum für Ideen aus den unterschiedlichsten Bereichen.

Hier wird entwickelt, geprobt, präsentiert und diskutiert – oft im künstlerischen Kontext, aber genauso im Rahmen von wissenschaftlichen Konferenzen, Messen, gesellschaftspolitischen Foren oder Medienproduktionen. Schon nach kurzer Zeit hat das Radialsystem außerdem Strahlkraft weit über Berlin hinaus entwickelt. Nicht nur, weil wir bei den Kulturtipps in neu aufgelegten Reiseführern plötzlich in einem Atemzug mit der Philharmonie oder den Opernhäusern genannt wurden, sondern weil immer mehr hier entwickelte Produktionen an andere Häuser in Europa und weit darüber hinaus eingeladen wurden. „Made in RADIALSYSTEM V“ ist also schon lange nicht mehr nur in Berlin zu erleben…

Welche Ihrer Ziele und Visionen haben sich mit der Zeit verändert? Woran halten Sie immer noch fest?
Die Grundidee des „Dialogischen Prinzips“, die Folkert Uhde und Jochen Sandig 2006 angetrieben hat, das Radialsystem zu gründen, ist auch nach 10 Jahren immer noch das Fundament unserer Programme. Begegnung und Austausch – auch von scheinbar Gegensätzlichem – sind nicht nur spannend und bereichernd, sondern unbedingt notwendig! Und das nicht nur im künstlerischen Kontext, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen genauso wie in der Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft.

Anfangs standen Tanz und Musik quasi gleichberechtigt im Fokus unseres künstlerischen Programms. Das hätten wir sehr gerne auch so fortgeführt. Leider ist die finanzielle Ausstattung der großartigen und vielfältigen freien Tanzszene in Berlin jedoch so unzureichend, dass wir viel weniger Tanz zeigen können als wir gerne wollten. Dazu muss man wissen, dass das Radialsystem nach wie vor keine institutionelle Förderung erhält und wir alle Kosten (wie beispielsweise die Miete für das Gebäude und sämtliche Personalkosten) aus eigener Kraft erwirtschaften müssen. Das bedeutet nicht nur, dass wir über keinen Etat zur Umsetzung unserer eigenen künstlerischen Ideen verfügen, sondern auch keine subventionierten Produktionsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler anbieten können, wie es den vom Land Berlin oder vom Bund finanzierten Institutionen möglich ist. Im RADIALSYSTEM können deshalb nur solche künstlerischen Projekte stattfinden, die vom Hauptstadtkulturfonds, der Bundeskulturstiftung oder sonstige Stiftungen gefördert oder von „starken“ Kooperationspartnern finanziert werden. Dass das nicht leicht werden würde, wussten wir von Anfang an –

Aber wie groß die Herausforderung tatsächlich ist, ein substantielles künstlerisches Programm ohne eine Regelförderung zu realisieren, das haben wir damals nicht überblickt. Zum Glück, muss man sagen, denn sonst hätten wir vermutlich gar nicht erst eröffnet…

RADIALSYSTEM V_Spreeansicht (c)Sebastian Bolesch_Presse

Welches Projekt und/oder Erlebnis der letzten 10 Jahre ist Ihnen am stärksten im Gedächtnis geblieben?
Aus 10 Jahren ein Einzelereignis herauszugreifen, ist absolut unmöglich…! Sasha Waltz hat gleich mit der Eröffnungsproduktion „Radiale Systeme“ im September 2006 einen unglaublich starken und prägenden künstlerischen Auftakt gesetzt; im Monat darauf hatten wir als einen unserer ersten „Mieter“ das Auswärtige Amt mit einer Großveranstaltung und den Außenminister höchstpersönlich im Haus…

Seit 2009 findet jedes Jahr am 9. November, dem Jahrestag des Mauerfalls, die „Falling Walls Conference“ im Radialsystem statt, auf der weltweit führende Spitzenforscher ihre aktuellen Durchbrüche in Wissenschaft und Forschung präsentieren.
Ein radiales „Leuchtturmprojekt“ ist auf jeden Fall auch das „Human Requiem“, eine choreographische Umsetzung von Brahms‘ Deutschem Requiem, die Jochen Sandig mit dem Rundfunkchor Berlin entwickelt hat.

Die Produktion „made in RADIALSYSTEM V“ im Jahr 2012 war inzwischen schon in Paris, Granada, Amsterdam und Hongkong zu erleben. Im Oktober dieses Jahres folgt ein Gastspiel in New York.

Die Veranstaltung „Demokratie und Freiheit“ im Januar 2015 anlässlich des 75. Geburtstags von Bundespräsident Joachim Gauck war natürlich auch ein großes Erlebnis – nicht zuletzt wegen der unglaublichen Sicherheitsvorkehrungen, die rund um unser Haus getroffen wurden, weil sämtliche „Verfassungsorgane“ (also Bundespräsident, Bundestagspräsident, Kanzlerin und der Präsident der Bundesverfassungsgericht) an der Veranstaltung teilgenommen haben…

In diesem Jahr ganz besonders beeindruckt und bewegt hat uns das aktuelle Projekt „ZUHÖREN“ von Sasha Waltz, bei dem sie im Dialog mit internationalen Künstlern, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Politikern angesichts von Krieg, Terror und Flucht der Frage nachgeht, ob und welche Strategien die Möglichkeit bieten, Einfluss zu nehmen.
Oder das Projekt „alif::split in the wall“ im Rahmen der Maerzmusik 2016; ein vierstündiger akustischer Erlebnisraum mit einer Rauminstallation der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota , in dem sich Musiker und Publikum frei bewegen konnten.

Und auch ganz aktuell während die meisten anderen Häuser Sommerpause haben – pulsiert hier bei uns das Leben: Über 100 Mitwirkende (u.a. die Junge Deutsche Philharmonie) erarbeiten das Projekt UN/RUHE, bei dem Musik, Tanz, Raum und Publikum verschmelzen, und das außer im Radialsystem auch bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt und beim Kunstfest Weimar aufgeführt werden wird. Im ganzen Haus wird geübt, getanzt und diskutiert – da wird auch ein ganz normaler „Bürotag“ zu etwas Besonderem…

Für welche Werte steht die Berliner Kreativszene besonders stark? Was hebt Berlin damit von anderen Städten ab?
Zuallererst sicherlich die unglaubliche Vielfalt. Es ist einfach großartig, was hier an künstlerisch Neuem entstanden ist und immer noch jeden Tag entsteht!

Angesichts schwindender Räume und steigender Mieten ist jedoch zu befürchten, dass das nicht so bleiben wird… Besonders wichtig ist deshalb die Arbeit der „Koalition der Freien Szene“, die sich 2012 im Radialsystem gegründet hat und die in kurzer Zeit zu einer starken, spartenübergreifenden Lobby für die freien Künstlerinnen und Künstler in Berlin geworden ist – mit deutlich wahrnehmbaren Auswirkungen auf die Kulturpolitik Berlins.

Wie ist die Unterstützung von Seite der Berliner Behörden für Kunst und Kreativität in der Stadt? Was läuft bereits gut, wo würden Sie sich Änderungen wünschen?
Dass 2016/2017 tatsächlich Gelder aus den City-Tax-Einnahmen der Freien Szene zugutekommen, ist ein erster und wichtiger Schritt in die richtige Richtung (und maßgeblicher Verdienst der Koalition der Freien Szene)! Die Summen sind allerdings bei weitem nicht ausreichend, um die Substanz der kreativen Szene zu erhalten, die Berlin ja bekanntlich international so anziehend macht. Das wird zwar quer durch die Parteien mehr oder weniger übereinstimmend so gesehen, aber den Worten auch weitere Taten folgen zu lassen, wird Aufgabe der nächsten Landesregierung sein.

Wenn wir uns für das Radialsystem etwas zum 10. „Geburtstag“ wünschen dürften, wäre das natürlich eine substantielle und langfristige Förderung, die uns in die Lage versetzen würde, mehr von unseren eigenen programmatischen Ideen verwirklichen und anderen Künstlern und Ensembles bessere (also insbesondere erschwinglichere) Produktionsbedingungen bieten zu können!

Alle weiteren Informationen auf der Hompage.

Dieser Artikel erschien erstmals im eMagazin AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 09/16.

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