Pascal Feucher von Urban Spree über Subkuktur

Der Gründer von Urban Spree Berlin: Pascal Feucher. ©Rolf G. Wackenberg

Chaotisch ist unbedingt notwendig – Pascal Feucher

Pascal Feucher, Inhaber des Urban Spree, erzählt uns, warum Investmentbanker auf die Bremse treten sollten, damit die Stadt offen, heterogen und ambitioniert bleibt.

Die Gentrifizierung in Berlin nimmt ihren Lauf und immer mehr Kultureinrichtungen müssen schließen.

Pascal Feucher, Inhaber des Urban Spree, erzählt uns, warum Investmentbanker auf die Bremse treten sollten, damit die Stadt offen, heterogen und ambitioniert bleibt.

Subkultur und wirtschaftlicher Erfolg: Wie müssen Sie mit diesem Widerspruch bei Urban Spree umgehen?

In unserem Modell entwickeln wir Unterhaltungsangebote (z.B. Festivals im Biergarten, Konzerte, Workshops), die sowohl populär als auch profitabel sind und im Gegenzug unser Kulturprogramm finanzieren: Das eigentliche Herzstück unserer Aktivitäten. Für die Galerie ist es ein Luxus, frei von finanziellen Zwängen agieren zu können. Wir lehnen Verkäufe nicht ab, es ist nur so, dass wir unser Ausstellungsprogramm nicht nach kommerziellen Parametern ausrichten. Das macht uns unglaublich frei. Wir sind weder auf staatliche Fördermittel noch auf andere Beihilfen angewiesen. Wir finanzieren uns zu hundert Prozent selbst. In diesem Sinne gibt es bei uns den von Ihnen beschriebenen Widerspruch nicht, denn Kunst und Kommerz sind bei uns sauber getrennt. Vor diesem Hintergrund können wir Graffiti und Street Art promoten, ohne diese subkulturellen Nischen an finanzielle Ziele koppeln zu müssen.

Der Schlüsselbegriff ist Unabhängigkeit.

Urban Spree im R.A.W. Gelände
Das Kunst- und Kulturhaus Urban Spree.

Sie sind ehemaliger Investment Banker bei Sal. Oppenheim. Wie bewerten Sie als solcher die derzeitige Entwicklung auf dem R.A.W.-Gelände?

Man braucht keine Finanzausbildung, um zu verstehen, in welche Richtung sich Berlin gerade entwickelt. Früher war ich der Meinung, dass Berlin eine gute Balance hält zwischen einem Dasein als Deutschlands Hauptstadt und der Gegenkultur, die aus Kaltem Krieg und Fall der Mauer resultiert. Mittlerweile wird die Stadt jedoch weiter gentrifiziert und der Grundstücks- und Immobilienmarkt verleibt sich immer mehr die freien Flächen ein, die die chaotischen Verhältnisse der Stadt nach 1990 unberührt hinterließen.

Immer mehr Kultureinrichtungen müssen schließen, während die Stadt eine Zukunft mit Bürogebäuden aus Stahl und Glas entwirft.

Die Wirtschaft wird sich die Gegenkultur einverleiben, die für Berlins Touristen so anziehend wirkt. Auf der anderen Seite blüht hier eine Start-Up Szene, die Innovationen in die Stadt spült, was sehr positiv ist. Das Schlimmste, was dem R.A.W. Gelände passieren könnte, wäre es, als kraftloser, sanitisierter Ort zu enden, der zwar äußerlich charmant, innerlich jedoch tot ist.
Ich verstehe natürlich das Konzept der Investmentrendite, aber

ich glaube, dass man als Investor finanziell erfolgreich sein kann, ohne gleich noch einen Supermarkt oder ein neues Bürogebäude errichten zu müssen.

Sie sagten einmal: Berlin lebt von den Schatten seiner Vergangenheit. Was braucht die Stadt ihrer Meinung nach, um weiterhin zu strahlen?

Ich mag das Bild, dass wir auf der Welle der Schatten der 90er surfen. Die Stadt hat eine Aura, aber allmählich verblasst sie.

Ich glaube, dass die Stadt an vorderster Front ein ambitionierteres Kunstverständnis benötigt.

Die Stadt selbst sollte mehr Geld in öffentliche Aufträge investieren, Kunst im öffentlichen Raum und in digitale Kunst. Die Stadt ist in gewisser Weise zu provinziell. Sie hat zwar die Energie, aber es fehlt ihr an Ambitionen und Geld.

Galerie Urban Spree
Die Urban Spree Galerie

Die Urban Spree Galerie ist mehr als eine Galerie. Was will Urban Spree erreichen und wann ist Ihr Ziel erreicht?

Nachdem wir 4 Jahre lang die unterschiedlichen Module unserer Idee entwickelt haben, denke ich, dass wir eine gewisse Ebene erreicht haben. Die unterschiedlichen Module (Künstlerresidenzen, Konzertraum, Galerie, Biergarten) sind nun etabliert. Deswegen gehen wir jetzt eher in eine internationale Richtung. Wir organisieren Ausstellungen und Musikfestivals im Ausland (im September waren wir z.B. in Paris und Brüssel), weil wir in Berlin fast nicht mehr wachsen können. Was wir natürlich noch können, ist besser werden! Wir glauben, dass wir organisch wachsen.

Urban Spree ist ein Ort, der ständig wächst und nie fertig ist, wie ein lebender Organismus.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften: Wie sieht das R.A.W.- Gelände und damit die Urban Spree Gallery in 10 Jahren aus?

Ich wünsche mir, dass das RAW Gelände seine Heterogenität aufrecht erhalten kann, die manchmal zwar chaotisch wirkt, aber unbedingt notwendig ist, damit Berlin sich nicht zu einer profillosen Stadt entwickelt.

Und Urban Spree ist natürlich noch Teil davon, hat sich seine Werte, seine Offenheit und seinen Schöpfergeist erhalten.

 

Über Pascal Feucher:

Pascal Feucher (*1970 in Paris, Frankreich), gründete 2012 das Kunst- und Kulturhaus Urban Spree in Berlin nach einem raschen Wechsel seiner beruflichen Laufbahn.
Zuvor war er Geschäftsführer der Private-Equity-Fonds bei Sal. Oppenheim in Paris. 15 Jahre lang war er im internationalen Bank- und Finanzsektor in verschiedenen Ländern tätig. Er ist Absolvent der Science Po Universität in Paris.

Dieser Artikel wurde erstmals im eMagazin in der Ausgabe 10/2016 veröffentlicht.

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