Pankower Früchtchen performen

Pankower Früchtchen ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Die Freiheit, quer zu denken – Pankower Früchtchen

Die Leiterin und AusserGewöhnliche Berlinerin Carmen Urrutia über Engagement, Kampfgeist und die Schulen der Zukunft.

Sie machen Pankower Früchtchen, SchuleEins, HortEins, KitaEins und die Villa Frida.

Was ist das alles?

Wir betreiben unter dem Namen Pankower Früchtchen in unterschiedlichen Altersgruppen Lern- und Betreuungsorte, an denen alle voneinander lernen können.

Die Jüngsten bei uns in der KitaEins sind sechs Wochen alt, der momentan Älteste ist 93 Jahre alt.

Zu den Pankower Früchtchen gehören eine Kita, zwei Horte an staatlichen Grundschulen, wobei ein Hort auch als Mehrgenerationenhaus fungiert, eine Gemeinschaftsschule von Klasse 1-13 und ein Haus am See.

Kurz: Die Pankower Früchtchen sind pädagogisches Know-how plus fachliche Kompetenz und Lebenserfahrung externer Fachleute, getrieben von der Lust an der eigenen Lebensgestaltung. Viele interessante Menschen, das sind wir.

Carmen Urrutia bei ihren Pankower Fruechtchen

Carmen Urrutia und die Pankower Früchtchen ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Was lernen die Kinder bei den Pankower Früchtchen, was sie in anderen Schulen nicht lernen?

Ich weiß nicht, was sie an anderen Schulen nicht lernen. Man lernt ja immer etwas, wenn auch nur, dass es so nicht geht.

„Schule bei uns ist organisiert wie ein Dorf. Jeder muss seinen Platz finden. Das erfordert Bewegung und Leistungsbereitschaft.“


Wir wollen Schule interessant gestalten. Denn Schulzeit ist Lebenszeit. Auch für uns. Sie soll uns fordern und dann soll sie auch noch Spaß machen und Lust auf das Leben wecken, um es mit all seinen Facetten zu meistern.

Dazu gehört, Herausforderungen anzunehmen, Lösungen zu suchen, dafür PartnerInnen zu gewinnen, im Team zu arbeiten, solidarisch zu sein, Verantwortung zu übernehmen und diese fachlich gut gestalten zu können.

Es lernen ja nicht nur die Kinder. Auch die Erwachsenen, oft gut ausgebildet, müssen sich z.B. den aktuellen Herausforderungen der digitalen Welt stellen. Die Anforderungen wachsen rasant und das oft innerhalb einer Generation. Da muss man voneinander lernen. Sonst wird es einseitig.

Projektarbeit der Pankower Früchtchen

Pankower Früchtchen lernen frei zu denken ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Was ist die Grundidee der SchuleEins?

Unsere Schule fußt auf drei Säulen: die LehrerInnen, das soziale Leben (ErzieherInnen und Sozialpädagogen) und externe Fachleute. Dazu kommen die korrespondierenden Kräfte wie Eltern, NachbarInnen, Zivilgesellschaft.

„Wir sind ein bunter Mix, darin besteht unsere Kraft.“


Nicht nur die dritte Generation mit Ihren Erfahrungen ist uns wichtig. Wir freuen uns auch über die vielen Quereinsteiger, ob als LehrerInnen oder ErzieherInnen. Alle bringen noch einmal einen anderen Blick auf das Leben mit und haben andere Erfahrungen, von denen wir alle profitieren.

Die Pankower Früchtchen haben auch ein Mehrgenerationenhaus

Pankower Früchtchen ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Sie sind eine Schule in freier Trägerschaft. Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile zum staatlichen Modell?

„Ganz einfach, wir sind frei: Frei quer zu denken, frei andere Modelle auszuprobieren, freier in Entscheidungen und im Handeln und frei unsere eigenen Fehler zu machen, natürlich auch mit aller Konsequenz. Manche überleben es nicht.“


Die Horte der Pankower Früchtchen, in Kooperation mit den staatlichen Grundschulen, arbeiten nach dem gleichen Konzept der Öffnung mit externen Fachleuten.

Das war unsere Ursprungsidee: Wir wollten staatliche Schulen mit einer guten Nachmittagsbetreuung aufwerten.

Darum haben wir ein Schulkonzept geschrieben, das aber keine staatliche Schule mit uns umsetzen wollte. Da konnten wir es nur selbst tun. Das war der Weg.

Der Nachteil ist eindeutig die Finanzierung und ein wenig auch die Ausgrenzung durch altes Denken und Vorurteile der Politik.

Die Pankower Früchtchen beim Unterricht

Unterricht bei den Pankower Früchtchen ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Ursprünglich war die SchuleEins eine Elterninitiative, um die Nachmittagsbetreuung der eigenen Kinder zu verbessern. Mit viel Engagement sind daraus verschiedene Lernorte entstanden. Welche drei Sachen würden Sie jungen Unternehmern mit auf den Weg geben, die auch Großes planen?

Ich wollte als gut ausgebildete Mutter nur meinen Lebensalltag besser organisieren. Wir haben einfach angefangen und immer, wenn wir eine Idee hatten, kam jemand und sagte: „Das geht nicht“. Wir haben gedacht: „Geht nicht, gibt’s nicht“ und einfach losgelegt.

Wir hatten immer kleine Ziele. Auf dem Weg dorthin haben wir viel Staub aufgewühlt. Waren wir an unserem kleinen Ziel angelangt, mussten wir weitermachen, weil wir wussten, dass es noch besser geht. Wir haben immer nach vorne gearbeitet. Als wir irgendwann anhielten und verschnaufen wollten, haben wir uns umgedreht und entdeckt, dass Großes entstanden ist, was es nun zu erhalten galt.

„Man muss eine Leidenschaft in sich haben und viel Demut vor der Arbeit. „


Ist ein Teilziel erreicht, darf man zwar durchatmen, aber nie leichtsinnig werden. Es ist wichtig immer kritisch zu bleiben, auch gegenüber sich selbst. Das hat mir geholfen.

Wenn man sich in einer stehenden Masse bewegt, tritt man leicht Einigen auf die Füße. Davon darf man sich nicht erschrecken lassen, wenn man von etwas überzeugt ist. Man muss es einfach tun. Wege muss man gehen. Es ist nicht alles planbar. Das macht es ja so spannend und hält wach.

Carmen Urrutia und Schüler der Pankower Früchtchen

Carmen Urrutia bei den Pankower Früchtchen ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Wie beurteilen Sie die Lage der Schulen in Deutschland?

„Die Lage der Schulen in Deutschland erinnert mich oft an die Kleinstaaterei im feudalistischen System. Jeder kleine Fürst hält seine Fahne hoch.“


Unterschiedliche Lehrausbildungen mit kaum vergleichbaren Abschlüssen, unterschiedliche Schulstrukturen, unterschiedliche Ferien. Mit Kindern von einem Bundesland in das andere zu ziehen, ist schwieriger als von einem Kontinent auf den anderen.

Schauen Sie sich die Relationen in den Ausgaben an, die unser Land für Autos, Waffen und Bildung ausgibt.

Bildung ist die gesammelte Erfahrung der Menschheitsgeschichte. Damit diese dem gesamten Volk vermittelt werden kann, gibt es seit dem 18. Jahrhundert Orte, die Schulen heißen. Schauen Sie sich den Zustand der Gebäude an. Schauen Sie auf die Vermittlungsmöglichkeiten dieses ganzen Wissens der Menschheitsgeschichte, dann kennen sie den Stellenwert, den die Wissensvermittlung an die heranwachsende Generation, als Grundlage für zukünftige Entscheidungen in unserer Gesellschaft, hat.

Aber wenn Adjektive schon Wege weisen, dann entwickelt vielleicht jemand ein gutes Computerprogramm, welches dann zukünftig alles regelt und allen Menschen sagt, wo sie einen guten Weg finden.

Die Pankower Früchtchen lernen auch durch Projektarbeiten

Veranstaltung der Pankower Früchtchen ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Was müsste im deutschen Schulsystem dringend geändert werden?

Wir brauchen mehr Individualisierung und mehr Vereinheitlichung. Nicht jeder kann und muss alles können, wissen und lernen. Aber jeder muss lernen, dass Beste aus sich herauszuholen und eine individuelle Leistungsbereitschaft zu entwickeln. Und genau das muss Schule fördern: einen individuellen Lernweg für jeden.

Vereinheitlichung an einigen Stellen würde auch viel helfen. Das Abitur wurde bereits vereinheitlicht und das könnte mit der Ferienregelung gleich weiter gehen.

„Man kann aktuell kein internationales Projekt verlässlich mit Partnerschaften nachhaltig planen und in den Arbeitsrhythmus kommen, weil die Ferien rotierend nach einem Nachkriegsmodell festgelegt werden.“


Effektivität sieht anders aus. Nur in Bayern und Baden- Württemberg haben die Kinder immer den gleichen Termin zum Schulanfang, weil sie bei der Ernte helfen müssen.

Was wünschen Sie sich von Berlin für die Berliner Schulen?

1.) Ich wünsche mir mehr akzeptierte Partnerschaft und weniger Aktionismus.

2.) Bitte weniger parteipolitische Profilierungssucht: Eine Partei möchte Gleichheit für alle, verteufelt die Gymnasien als elitär und möchte nur Gemeinschaftsschulen, die aber staatlich sein sollen.

Eine andere Partei wiederum hat vor allem die Privatschulen zum Feind und Hort der Ungleichheit in der Gesellschaft für sich erkoren. Dabei sind die Schulen gar nicht privat, sondern in freier Trägerschaft.

„Ich bin der Meinung, es ist egal welche Schulstruktur eine gute Schule hat. Hauptsache, sie ist gut, die Leute dort wollen etwas erreichen, haben eine Leidenschaft und brennen für ihr Tun. Ein bisschen mehr Toleranz, bitte. „


Die Pankower Früchtchen arbeiten an Jahresmotto

Projekte der Pankower Früchtchen ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

3.) Ich wünsche mir weniger Verteufeln der Schulen in freier Trägerschaft und eine bessere Finanzierung.

Der Senat hat feste Ansprechpartner für uns eingerichtet, das ist sehr gut. Wir bekommen 93% der Personalkosten (!) einer vergleichbaren staatlichen Schule. Da sind z. B. keine Unterhaltungskosten für die Gebäude und auch keine finanziell anspruchsvolle Ausstattung für das digitale Lernen mit enthalten. Es ist eine Finanzierung auf der Grundlage des letzten Jahrhunderts. Dabei sollte man uns pflegen. Denn freie Schulen bieten eine gute Möglichkeit, um Dinge und Strukturen und Methoden neu auszuprobieren.

4.) Wir brauchen einen besseren Zugang zu internationalen Projekten oder Berliner Projekten. Zum Beispiel in der Wirtschaft, in denen SchülerInnen Verantwortung übernehmen und konkret am Leben lernen. Unsere SchülerInnen und auch unsere KollegInnen müssen in die Häuser der anderen Menschen in anderen Ländern gehen und durch deren Fenster auf die Welt schauen. Das erklärt oft vieles und macht toleranter.

Auftritt der Pankower Früchtchen

Schwerpunkt der Pankower Früchtchen ist die Lebenspraxis ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Sie planen mit dem Bezirk und der Stadt ein Schulneubauprojekt. Was genau planen Sie?

Wir sind eine wachsende Schule, wir brauchen Fachräume, eine Turnhalle und Orte, an denen man sich gerne aufhält und die zum Austausch inspirieren.

Jede Altersgruppe braucht ihren Rückzugsort.

Leider hat die Abstimmung mit dem Bezirk und dem Senat vier Jahre gedauert. Das ist nicht die Art, schnell auf Notwendigkeiten zu reagieren. Von den Zusatzkosten will ich gar nicht reden.

Pankower Früchtchen: Von der KitaEins bis zur Vills Frida

Von der KitaEins bis zur Villa Frida ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

Was passiert in Zukunft bei den Pankower Früchtchen? Was ist Ihr Konzept?

Pankower Früchtchen heute

Die strukturellen Grundlagen sind gelegt: Man kann bei den Pankower Früchtchen jeden staatlichen Schulabschluss machen.

Die Herausforderungen der Gesellschaft, wie die Digitalisierung und der Umgang im Netz, sind wie der Naturschutz, der Umgang mit unseren Ressourcen und den anderen Menschen auf dem Planeten, auch die unseren.

„Schwerpunkt der Pankower Früchtchen ist die Lebenspraxis.“


Dazu holen wir uns externe Fachleute in den Lebensalltag, dort, wo die Kinder sind. „Macht die Tore auf – lasst das Leben rein!“.

In der Grundstufe können die Kinder nach Interesse wählen. In den folgenden Klassenstufen wird die Kür zur Pflicht. Es müssen nach einem bestimmten Jahresmotto Projekte abgearbeitet werden.

In der Oberstufe brauchen wir andere Herausforderungen. Wir müssen aus der Schule raus und in die Gesellschaft hinein. Der Lehrplan muss in der Zivilgesellschaft gelehrt werden. Dazu brauchen wir Beteiligung an aktuellen, kleinen überschaubaren Projekten. Wir praktizieren dies gerade mit einem übergreifenden Projekt: „Rettet den Wilhelmsruher See“.

„Verantwortungs- und Leistungsbereitschaft kann man erlernen und muss man trainieren.“


Pankower Früchtchen in der Zukunft

Natürlich müssen wir die Digitalisierung an Schule vorantreiben. Dazu brauchen wir mehr Geld und Fachkräfte. Wir haben schon von Beginn an einen extra Fachbereich dazu ins Leben gerufen. So können wir in jeder Altersgruppe entsprechend agieren, vom Computerseepferdchen, Computerführerschein bis hin zum Blog, eigenen Fernsehnachrichten und kurzen Dokumentarfilmen.

Hauptschwerpunkt ist bei uns aber der Umgang im digitalen Netz. Die Spielregeln haben sich rasant und unkontrollierter entwickelt. Man muss den Umgang mit den Dingen erlernen.

Wir alle kennen noch den Zauberlehrling vom alten Schiller – die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los. Das kann uns mit der digitalen Welt auch passieren.  Wir müssen die Materie beherrschen und nutzen und nicht sie uns, dafür braucht man Sachkenntnis und Moral.

„Wissen kann man heute überall abrufen, wir müssen die nachfolgenden Generationen dazu befähigen, es zu beurteilen und im anthroposophischen Sinne anzuwenden. Das ist unsere Aufgabe.“


Marjorie Chau und Carmen Urrutia von den Pankower Früchtchen

Marjorie Chau und Carmen Urrutia von den Pankower Früchtchen ©Pankower Früchtchen gGmbH / Uz Kirchhoff

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