Osman Sönmez, Geschäftsführer BOS Spedition

Osman Sönmez, Geschäftsführer der BOS Spedition GmbH ©AusserGewöhnlich Berlin

Von ziemlich unten im Wedding nach ganz oben in Reinickendorf

Osman Sönmez riskiert 1988 den Weg in die Selbstständigkeit: Mit geliehenem Geld und ohne Ahnung kauft er einen gebrauchten LKW. Heute ist er mit seiner BOS Spedition einer der erfolgreichsten Berliner Spediteure.

Als Einstieg muss ich dich das fragen: Was bist du? Bist Deutscher oder Türke?
…ich bin Berliner. Ich bin ein überzeugter Berliner!

Ich lebe seit 46 Jahren in dieser Stadt. Da wächst man mit ihr zusammen. Ich liebe diese Stadt. Ich habe meine Kindheit hier verbracht. Meine Kinder sind hier in Berlin auf die Welt gekommen. All das verwurzelt mich mit dieser Stadt.

Wo in Berlin bist du groß geworden?
Im Berliner Wedding.

Osman Sönmez, Du bist einer der erfolgreichsten türkischen Berliner…
… nun gut, da will ich etwas beschwichtigen: ich mache nun seit 29,5 Jahren ein und dasselbe Geschäft. Mal mit ein bisschen mehr, mal mit ein bisschen weniger Erfolg. Nächstes Jahr feiern wir 30-jähriges Jubiläum. Darauf bin ich natürlich sehr stolz. Aber der erfolgreichste Unternehmer bin ich sicher nicht.

Sehr bescheiden. Das passt zu dir. Seit fast 30 Jahren gibt es deine Firma. War das schon immer die BOS Spedition oder hattest du vorher ein anderes Unternehmen?

Nein, nein. Wie gesagt, ich mache ja schon immer dasselbe. Langweilig, nicht? (lacht!) Früher hießen wir „Berlin Spediteur Osman Sönmez“.

Das war mir aber viel zu lang und viel zu kompliziert. Dann habe ich eben irgendwann den ganzen Rest weggelassen und nur die ersten 3 Buchstaben genutzt. Dabei ist es geblieben!

Wieviele Mitarbeiter kannst du inzwischen beschäftigen?
Es ist kein ganz kleines Geschäft mehr, wir sind zurzeit um die 90 Mitarbeiter. Ich bilde natürlich auch aus, das ist mir ein wichtiges Anliegen.

Und wohin lieferst du?
Wir sind keine reine Spedition mehr. Wir haben Lager und Kühlräume in Berlin und Brandenburg. Hier liefern wir eher kleinere Mengen und auf kurze Distanzen. Dann haben wir unsere großen Lastzüge, die fahren natürlich europaweit.

Wie hast du dein Unternehmen begonnen? Hast du alles geschenkt bekommen?
Nein, nein! (Lacht!) Das war 1988, da habe ich mir meinen allerersten, sehr alten und sehr klapprigen LKW gekauft. Das war der Anfang von allem. 13.000 Deutsche Mark musste ich dafür aufbringen. Geholfen hat mir unter anderem ein sehr, sehr guter Freund.

Mit 13.000 DM?!
Genau, circa die Hälfte davon haben mir Papa und Mama geliehen. (Habe ich natürlich auch zurückgezahlt). Den Rest hatte ich selber erspart und ich hatte, wie gesagt, auch Unterstützung.

Deine Eltern waren Migranten?
Ja, meine Eltern sind ja aus der sogenannten „Ersten Generation“, ich bin ja schon die zweite Generation. Mein Papa ist 1969 nach Berlin gekommen. 1972 wollte er wieder zurück in die Heimat. Er hatte mit dem hier erarbeiteten Geld ein Stück Land und ein kleines Häuschen in der Heimat gekauft. Das war alles schon so gut wie fertig. Also war für das Jahr 1972 die Rückkehr für ihn geplant. Dann gab es jedoch 1971 ein sehr starkes Erbeben in unserer Heimatstadt, das Haus wurde dadurch unbewohnbar. Und so hat der Papa uns alle geschnappt, uns Kinder und die Mama, und hat uns alle nach Berlin nachgeholt. Das ging damals noch viel einfacher als heute.

Osman Soenmez

Ohne diese Naturkatastrophe wäre ich heute nicht in Berlin. Denn Papa wollte nicht hierbleiben, das Erdbeben hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.


Deine Eltern sprechen noch türkisch miteinander?
Jaja, (lacht) und zwar ausschließlich! Sie sprechen ganz wenig deutsch. Sie sind ja damals nicht gekommen, um Deutsch zu lernen, sondern um zu arbeiten. Das ist jetzt nun nicht meine Meinung, aber das war damals so. Das war die Meinung der „Ersten Generation“. Man kam ja nur, um zu arbeiten, Geld zu verdienen und dann schnell wieder zurück in die Heimat zu gehen. Da geht das natürlich einfach zu sagen: Wozu muss ich denn die Sprache lernen? Dass Deutschland dann später wirklich unser Heimatland werden würde, war nicht abzusehen.

Und du hast es nun geschafft, in der deutschen Wirtschaft eine Nummer zu werden! Wie?
Ja, nun, das weiß ich nicht. Nun, irgendetwas musste man ja machen (lacht). Ich habe einige Sachen ausprobiert. Dies und jenes, Hauptsache irgendetwas machen. Das mit dem Studium hat bei mir nicht geklappt. Das war der eigentliche große Traum meiner Eltern gewesen: Ihr Sohn, der Türke, ein studierter Mann! Tja, das hat nicht geklappt. Das gab viel Ärger, viel Stress damals. Dann habe ich eben ein bisschen gejobbt. Und dann habe ich mir, wie schon gesagt, meinen ersten LKW gekauft – und daran hatte ich Spaß.

Hattest du Vorbilder damals? Hat dich irgendjemand oder irgendetwas inspiriert? Dein Vater war ja auch kein Unternehmer…
…nein, mein Vater ist kein Unternehmer. Bei uns in der Familie gibt es keinen einzigen Unternehmer. Meine Geschwister sind Beamte, meine Eltern Arbeiter. Nein, nein, das ist so aus einer Zeit geboren, in der man sich umgeschaut hat, was man alles „unternehmen“ könnte.

Tja, dann hat sich das bei mir mit „Berlin Spediteur Osman Sönmez“ eben ergeben. Glück und Zufall.

Aber du hattest ja nicht unbedingt die besten Voraussetzungen: Sohn zweier Migranten, die kein Deutsch sprechen und als Arbeiter hier leben, immer mit dem Traum der Rückkehr in die Heimat.
Ja, das stimmt …

…und du hast etwas erreicht, was manch anderer, der studiert und „alles richtig“ macht, nie erreichen wird. Was hast du „richtiger“ gemacht?
Nein, also, ich sehe das so, es gab viele Höhen und Tiefen. Dann irgendwann habe ich ein deutsches Sprichwort gelernt: „Kaufmannsgut ist Ebbe und Flut“. Genauso war das bei mir auch. Es ging ja nicht nur bergauf, es ging auch bergab. Es gab Situationen, in denen ich dachte: “So, nun ist Schluss – Aus-Ende-Vorbei.“

Osman Soenmez

Aber ich habe in den schwierigen Zeiten wirklich gut durchgehalten, habe fleißig weitergemacht und den Kopf nicht in den Sand gesteckt.


Und dann natürlich gehört immer eine kleine Portion Glück im Leben dazu. Und das hatte ich.

Was sind deine drei wichtigsten Werte?
(lacht), das habe ich mir so noch nie überlegt.

Der allergrößte Wert liegt darin, wie ich mit anderen, vor allem andersdenkenden Menschen umgehe. Verständnis für den anders Denkenden ist mir wichtig. Des Weiteren ist mir der liebevolle, achtsame Umgang mit Menschen und Dingen wichtig. Aber das A & O ist mir die Ehrlichkeit. Die Ehrlichkeit zu mir selber, zu meinen Mitmenschen und zu meinen Geschäftspartnern.

Wenn du der Bürgermeister vom Wedding oder Neukölln wärst, was würdest du machen?
Ich würde es zu der obersten Priorität machen, mich um Kinder und Jugendliche zu kümmern. Jedes Kind und jeder Jugendliche, um den ich mich kümmere, ist nachher ein Problemfall weniger. Es wäre mir wichtig, dass ich den Kindern und Jugendlichen Perspektiven für die Zukunft bieten könnte. Ich würde ihnen zeigen, dass da jemand ist, der sie auch versteht. So kommen sie nicht vom rechten Weg ab.

Das wäre ja auch eigentlich Aufgabe der Familien. Aber anscheinend gibt es immer wieder Familien, die es nicht schaffen, ihren Kindern ein Vorbild zu sein. Die Schulen können all das mit den begrenzten Mitteln auffangen. Glaubst du, dass man da als Unternehmer in die Bresche springen muss?
Es wird da niemals eine Patentlösung geben, die immer richtig ist. Egal, welchen Lösungsansatz man hat, bei dem einen schlägt er an, bei dem anderen nicht. Aber wir dürfen natürlich nicht damit aufhören, mit und an unseren Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, um sie zu unterstützen.

Aber stell dir vor, es ist da ein 18-jähriger, der vielleicht schon vorbestraft ist, der nur Dealer kennt, gibt es für ihn Hoffnung? Und wenn bei ihm der Staat versagt, was würdest du ihm als Unternehmer empfehlen?
Nun ja, siehst du, ich möchte nicht erst tätig werden, wenn er schon 18 ist. Wenn wir dann erst anfangen, uns zu überlegen, was wir machen können, dann haben wir schon versagt. Denn dann ist es schon zu spät. Die Unterstützung muss doch schon viel viel früher anfangen …

…aber der 18-jährige Osman Sönmez war doch auch kein Engel!
Nein, auf gar keinen Fall. Ich hatte das Glück, dass ich einen guten Freund und Mentor hatte. Er war 20 Jahre älter als ich. Und dieser Freund hat mich schon ein bisschen mitgezogen in die Selbstständigkeit. Wir haben viel zusammen gemacht. Von ihm habe ich viel gelernt. Ein Glück habe ich mich von ihm mitziehen lassen!

Dass ich da bin, wo ich heute bin, war ja alles keine Absicht, es war nicht geplant, dass ich die Osman Sönmez Spedition gründe. Ich habe mich eben immer umgeschaut, was ich machen könnte.

Es ist ja so, wenn du nicht studiert hast, nichts „Richtiges“ gelernt hast, musst du dich ja immer umschauen und dir überlegen, was du als nächstes machst, wie du weiterkommst.

Es war dann das Durchhaltevermögen, das dich vorangebracht hat?
Ja, genau. Unterm Strich geht es aber darum, dass du sagen kannst: „Hey, ich mache das gerne.“ Nur so kannst du auch schwere Zeiten durchhalten. Das betrifft nicht nur den Unternehmer, es kann auch die einfachste Tätigkeit sein.

Osman Soenmez

Das Entscheidende ist, dass man liebt, was man tut. Und da bietet Deutschland so viel, es gibt so viele Sparten, es gibt die Freiheit, sich etwas zu suchen, was einem liegt.


Auch, wenn man aus einer benachteiligten Familie kommt?
Der Ansatz ist, dass jeder etwas hat, das ihm Spaß macht. Unsere Aufgabe ist es, das zu entdecken und zu professionalisieren. Das wäre mein Ansatz. Mein Einsatz ist, dass ich mit meinem Unternehmen einen guten Arbeits- und Ausbildungsplatz schaffe.

Osman Sönmez, vielen Dank für das Interview!

Wer mehr über Osman Sönmez und BOS Spedition erfahren möchte, schaut HIER.

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