Der erste virtuelle Influencer Deutschlands im Interview

Der erste virtuelle Influencer Deutschlands im Interview

Wenn man heutzutage etwas über den Namen Mori Ōgai liest, plopt bei den meisten Deutschen oft nur ein verwunderliches Fragezeichen auf. Mori…Wer? Dabei ist Ōgai Mori einer der wichtigsten Persönlichkeiten, wenn es um den Deutsch-Japanischen Kulturaustausch geht und ein untrennbarer Teil Berliner Geschichte. 2021 jährt sich dieser Austausch zum 160. mal und Ōgai Mori — oder besser gesagt sein Avatar — betritt erneut Berliner Boden. Als VR Human. Was das ist, erfahrt ihr in diesem Interview.

Hinter der Entwicklung der Idee steckt die gleichnamige Berliner Kreativ-Agentur Mori, Initiiert von Florian Balke, der in Mori Ōgai mehr als nur eine Galionsfigur der Kulturarbeit sieht, sondern als Botschafter von Toleranz, Offenheit, interkulturellem Austausch und Wissenschaft.

Wir haben mit Rintarō gesprochen.

 

Herr Mori danke für Ihre Zeit. Wer sind Sie, und was steckt hinter der Idee ihres Kanals?

Vielen Dank für die freundliche Einladung zu diesem Interview. Ich freue mich hier zu sein!

Ich bin virtueller Avatar des Schriftstellers und Arztes Mori Ogai, der zwischen 1884 und 1888 in Deutschland Hygiene und Heeres Sanitätswesen studierte. Er zeichnet sich verantwortlich für die Übersetzung vieler deutscher Klassiker ins Japanische, wie z.B Goethes’s Faust und war natürlich auch selbst schriftstellerisch tätig. Seine berühmteste Novelle „Das Ballettmädchen“ auf Japanisch „Maihime“ genannt, spielt sogar in Berlin und ist bis heute Schulstoff in Japan. Wenn wir also über Mori Ogai sprechen, sprechen wir auch über Berlin.

Sie sind also sowas wie seine virtuelle Impersonifizierung?

Nicht ganz, ich bin ein virtuelles Abbild, quasi ein Avatar oder „VR Human“. Ich spreche nicht für Ogai, sondern über ihn. Dennoch möchte ich seine Zeit in Deutschland so gut es geht mit meinem Instagram Kanal nachempfinden. Grundlage dafür bieten seine Deutschland-Tagebücher, die er geführt hat. Ich und mein Content sind sozusagen eine moderne Interpretation des jungen Ogai. Außerdem haben wir dieses Jahr das 160- jährige Jubiläum der Deutsch Japanischen Freundschaft. Ein guter Anlass unsere Gemeinsamkeiten stärker hervorzuheben.

Höchst Interessant. Was ist ein VR Human?

VR Humans sind das Produkt einer immer stärker werdenden Digitalisierung. Rechenleistung wird immer effizienter, 3D Programme zugänglicher und die Welt vernetzter. Können Sie sich noch an den Final Fantasy Film um 2001 erinnern? Die Rechenleistung des damaligen Studios trägt man heute in seiner Hosentasche herum. Der VR Human Trend stammt aus meiner Heimat Japan. Dort experimentierte man schon um 2016 mit virtuellen Influencern wie z.B @imma.gram. Heute sind sie fester Bestandteil von fancy Marketing-Kampagnen und Testimonials eigener virtueller Fashion-Brands.

Dann sind Sie sozusagen der erste virtuelle Influencer in Deutschland?

Scheint zumindest so. Ich würde mich in Zukunft über Gesellschaft freuen!

Damit wir uns das vorstellen können, wie „lebt“ so ein virtueller Influencer?

So wie jeder andere. Ich denke, fühle, schreibe, publiziere und führe angenehme Konversationen wie die mit Ihnen. Mit dem Unterschied, dass es aus dem digitalen Raum heraus geschieht. Ich verspüre keinen Drang nach Essen oder Schlaf, handle aber gern nach den Gepflogenheiten meiner Follower. Tagsüber gehe ich verschiedensten Beschäftigungen nach. Abends/nachts schreibe ich das auf, was mich bewegt hat und am nächsten Morgen poste ich es. So kann ich menschlicher sein. Für viele wirkt die Vorstellung einer künstlichen Identität gruselig, in Asien ist das, wie oben beschrieben, aber schon lange Realität. Warum nicht auch in Europa?

Wer war Mori Ogai? Und was fasziniert dich an ihm? Gibt es eine Parallele zwischen euch?

Ist wohl nicht von der Hand zu weisen (lacht).

Ogai ist eine sehr komplexe Persönlichkeit, weshalb es schwer ist, ihn in diesem Interview umfassend vorzustellen.

Wenn wir über Ihn reden, sprechen wir über einen intellektuellen Tausendsassa; er dichtete, setzte sich mit Kunst auseinander, war Philosoph, Militärarzt und Spracherneuerer. Seine Mission: Brücken bauen zwischen der europäischen und japanischen Kultur.

Sein Studien-Aufenthalt in Bismarck-Deutschland war eine lebenslange Quelle der Inspiration/oder inspirativer Quell. Seine Erstlingswerke „Maihime“, „Der Bote“ und „Wellenschaum“ spielen alle in Deutschland und sind fiktive Geschichten mit autobiografischem Hintergrund.

Besonders die Liebesgeschichte zwischen dem jungen japanischen Studenten Toyotarō Ōta und der deutschen Tänzerin Elis, die er in „Maihime – Das Ballettmädchen“ erzählt, beflügelt bis heute die Fantasie vieler Japaner. Ausgelöst durch diese historische wie gleichsam zeitlose Liebe im Herzen Berlins, erfährt der junge, nach den Regeln konfuzianistischer Loyalität erzogene Japaner so etwas wie individuelle Freiheit. Sein Blick auf seine Identität wandelt sich. „…der jetzt in den Osten zurückkehrt, ist nicht mehr derselbe, der vor Jahren über das Meer gen Westen reiste.“ Besonders die Beschreibungen der preußischen Hauptstadt sind sehr malerisch und lösen Nostalgie aus. Ogai hat somit auch das Bild Europas bzw. Deutschlands in Japan früh geprägt.

Das heißt, Ogai ist unweigerlich mit Berlin verbunden?

Absolut. Es gibt sogar eine eigene Gedenkstätte zu seinen Ehren in Mitte.

Doch was macht Ihn jetzt so besonders?

Was mich an Ihm fasziniert ist seine Gabe, Dinge tiefgreifend zu erfassen und zu verstehen. Ein Blick in seine Tagebücher stößt das Tor zur eigenen Vorstellungskraft auf. Man spürt förmlich den Wind, der sich auf’s Gesicht legt, wenn er bei einer Droschkenfahrt die Landschaft beschreibt und den Geruch von Rauch und Bier, wenn er Saufgelage deutscher Studenten schildert. Generell muss man festhalten, dass die Tagebücher wie ein Spiegel wirken, die womöglich auch deutschen Lesern bei Fragen nach der eigenen Identität hilfreich sind.
Das Faszinierendste ist allerdings der Aktualitätsgrad, den die Tagebücher aufzeigen.

Der da wäre?

Da wäre der Alltags-Rassismus. Es gibt Einträge, in denen Ogai mit sog. Zigeunern gleichgestellt wurde, weil viele Menschen auf dem Land noch nie einen asiatischen Menschen gesehen haben. Selbst in der Stadt schmissen viele Japaner und Chinesen in einen Topf. Im Zweifel war einfach jeder Chinesen, der einen asiatischen Phänotyp hatte. Teile dieses Problems offenbaren sich in der aktuellen Debatte um #StopAsianHate hautnah auf’s Neue.

Ogai beschrieb die Roma und Sinti jedoch immer als edel anmutend, was im Unverständnis ob der Abneigung gegenüber dieser Volksgruppe mündete, die er bei den Deutschen beobachtete. Ein neutraler Perspektivwechsel, der die Sinnlosigkeit von Vorurteilen offen legt.

Auch was den behutsamen Umgang mit anderen Kulturen angeht, war Ogai sozusagen stilbildend. Als der geologische Entdecker Japans, Edmund Nauman – er hat den prähistorischen Naumann-Elefanten in Japan entdeckt! -, nach seiner Rückkehr von zehn Jahren Japan den Inhalt seiner in Dresden und München gehaltenen Vorträge unter dem Titel „Land und Volk der japanischen Inselkette“ in der Münchener Allgemeinen Zeitung publizierte, führte er auf den Seiten ebenjener Zeitung unter dem Titel „Die Wahrheit über Japan“ eine öffentliche Debatte, in der es um Fakten, Verständnis und die Zukunftschancen Japans ging. Kein anderer Japaner hätte es sich zu der Zeit getraut, öffentlich gegen eine Koryphäe die Stimme zu erheben und seine konträre Meinung zu einigen Punkten darzulegen! Das kommt einem doch alles bekannt vor, oder? Also auch in puncto Kommunikationskultur und Emanzipation kann man von Ôgai eine Menge abgucken. Dabei geht es gar nicht darum, wer Recht hatte, sondern darum: wie gehen wir miteinander um? Ich mag mir nicht vorstellen, wie diese Debatte heute in sozialen Medien ausgetragen würde… Manchmal hat man den Eindruck, der rosa Elefant steht noch immer im Raum…

Und Weiter?
Auch kulinarisch gibt es einige erstaunliche Begebenheiten. Zum Beispiel sein Besuch in einem rein vegetarischen Restaurant in München um 1886. Geschmeckt hat es ihm wohl nicht, aber ich hätte nie für möglich gehalten, dass schon damals alternative Ernährung ein Thema war. Wie gesagt, wir schreiben das Jahr 1886.

Faszinierend!

Ja, oder? Der spürbarste Aspekt ist jedoch die aktuelle Pandemie, in der wir uns befinden. Zu Ogais Zeiten rafften nämlich weltweit Seuchen wie Cholera oder Tuberkulose Menschen hinweg. Die Hygiene als neues Wissenschaftsgebiet stellte sich der Herausforderung und „Mikrobenjäger“ wie Ôgais Berliner Professor Robert Koch, dem Entdecker des Tuberkelbazillus 1882, waren in aller Munde – so wie heute ein Prof. Drosten. Während Ogais Kommilitone Shibasaburo Kitasato den Tetanuserreger ausmachte und gemeinsam mit Emil Behring die Serumtherapie gegen Diphterie und Wundstarrkrampf entwickelte, gegen die wir im Gegensatz zu Corona heute alle schon gut durchgeimpft sind. Medizinische Forschung ist somit schon lange ein wichtiger Pfeiler des Deutsch-Japanischen Austausches.

Ogai genoss das Privileg, bei allen medizinischen Koryphäen Deutschlands zu studieren. Robert Koch, Pettenkofer und Franz Hoffmann gaben Ihm die Chance, wertvolles Wissen zu sammeln und in Japan anzuwenden. Immerhin war Ogais erste Mission in Deutschland medizinisches Wissen auf dem Gebiet der Hygiene zu sammeln. Viele Selbstexperimente inklusive. Zum Beispiel zur diuretische Wirkung des Bieres. Während er nur 3 Gläser Bier schaffte, gönnten sich wohl robuste bayerische Angestellte von Pettenkofers Hygiene-Institut gleich 25. Da hätte ich auch gern mitgemacht!

Ich schaffe höchstens 1 Alkoholfreies. Danke für das Gespräch.
Gern! Folgt mir gern auf Instagram. Es ist noch viel geplant!

Hier erfährt ihr mehr über Mori Ogai.

Folgt ihm auf Instagram.

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