Paul Spies ist der Direktor des Berliner Stadtmuseum,

Paul Spies ist der Museumsdirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin ©Michael Setzpfandt

Warum wir in der Hauptstadt der Geschichte zu viele Museen haben.

Paul Spies, Direktor des Stadtmuseum Berlin und Herr über fünf Berliner Museen, spricht über die Nikolaikirche und Berliner Geschichte im Interview.

  • Es gibt zu viele Museen in Berlin! Wir sollten uns Gedanken machen, ob wir uns nicht ein bisschen einschränken sollten.
  • Ruhige Entwicklungen sind besser als schnelle. Denn schnelle Entwicklungen werden nicht gelebt. Es sind Ideen schneller Denker, bei deren Umsetzung viele Menschen nicht mitkommen
  • Nach Berlin fährt man, um die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erleben – das kann man nicht in Rom. Berlin ist die Hauptstadt der Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Die Nikolaikirche ist Museum und Kirche in einem

Das Museum Nikolaikirche ©AusserGewöhnlich Berlin

Wenn Sie einen Wunsch an alle Berliner richten könnten: Was wäre dieser Wunsch?

Stay slow! Die Entwicklungen in Berlin passieren – Gott sei Dank – nicht so schnell wie in anderen Großstädten in der Welt.

Das hat große Nachteile, es kostet Geld und die Leute sind irritiert. Aber es hat auch einen Riesenvorteil: Durch das langsamere Tempo können Entscheidungen nochmal überdacht werden, die Dinge sich ruhig entwickeln. Und ruhige Entwicklungen sind besser als schnelle. Denn schnelle Entwicklungen werden nicht gelebt.

Es sind Ideen schneller Denker, bei deren Umsetzung viele Menschen nicht mitkommen.


Die Nikolaikirche ist ein Museum. Ist das nicht Gotteslästerung?

Nein, das ist es nicht.

In der Nikolaikirche erzählen wir [unter anderem] Kirchengeschichte und zeigen religiöse Kunst.

An einem stimmungsvollen Ort. Dazu muss man wissen, dass die Nikolaikirche noch vor „der Wende“ 1989 renoviert wurde – als sie schon jahrzehntelang nicht mehr als religiöser Ort genutzt wurde. Keine Kirchengemeinde beanspruchte sie mehr. Als Teil des neu aufgebauten Nikolaiviertels wurde sie 1987 zur 750 Jahre-Feier Berlins sofort zum historischen Denkmal.

Und was ist sie heute?

Heute gehört die Nikolaikirche zur Stiftung Stadtmuseum Berlin. Für die Erzählung von Stadtgeschichte ist sie dabei doppelt spannend:

Die Nikolaikirch steht im Nikolaiviertel, dem ältesten Viertel Berlins

Die Nikolaikirche im Nikolaiviertel Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Die Nikolaikirche ist zum einen das älteste (Kirchen)Gebäude der Stadt und zum anderen ein wichtiger Ort politischer Geschichte.

Ende des 18. Jahrhunderts kam hier erstmals die Stadtverordnetenversammlung zusammen, quasi der Vorgänger des Abgeordnetenhauses, fand politische Debatte und Auseinandersetzung statt. Bis heute wird jedes Jahr im September das parlamentarische Jahr des Berliner Abgeordnetenhauses in der Nikolaikirche offiziell eröffnet.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich würde sogar noch weitergehen und fragen, ob ein Museum und eine Kirche nicht eine sehr ähnliche Funktion einnehmen können? Beide sind Orte, an denen sich Gemeinschaft bildet, und sie sind identitätsprägend/identitätsstiftend. Hier werden gesellschaftlich relevante Themen verhandelt, wozu auch abstrakte Themen wie Glaube oder Teilhabe gehören.

Die Funktion als Museum hat das Gebäude sicherlich gerettet, indem es die Kirche wieder zu einem gesellschaftlich wichtigen Ort gemacht hat.


Zu unseren Veranstaltungen und Ausstellung(seröffnung)en kommen heute sehr viele Besucher*innen. Und wir achten darauf, dass unsere Programme dort immer Themen von gesellschaftlich übergreifender Relevanz aufnehmen.

Historisch gesehen ist das heutige Nikolaiviertel der Altstadtkern des mittelalterlichen Berlin.

Das Museum Knoblauchhaus neben der Nikolaikirche ©AusserGewöhnlich Berlin

Wie meinen Sie das, haben Sie ein Beispiel?

Zum Beispiel 2017 die Rauminstallation Lost Words der Künstlerin Chiharu Shiota, in der sie sich im Rahmen des 500. Reformationsjubiläums mit den 10 Geboten auseinandersetzte.

Für nächstes Jahr planen wir ein Projekt, das sich mit den Folgen des 1. Weltkrieges beschäftigen wird, mit einem gefallenen Kreuz und der daraus resultierenden Frage, was uns eigentlich heute in Europa noch zusammenhält. Statt Blasphemie zu betreiben bestätigen wir mit Fragen wie diesen also die zentrale Funktion von Religion in einer Gesellschaft.

Einen Satz, den jeder Berliner über die Nikolaikirche wissen (und weitererzählen) sollte?

Die Nikolaikirche ist das älteste, existierende Gebäude von Berlin, das eine sehr große Bedeutung als religiöser Ort hatte und sie noch immer im gesellschaftlichen Sinne hat – als Raum für Begegnung, Reflektion und Dialog.

Welches Museum gibt es in Berlin noch nicht, das man noch erfinden müsste?

Es gibt zu viele Museen in Berlin! Wir sollten uns Gedanken machen, ob wir uns nicht ein bisschen einschränken sollten.


Nicht jedes Thema sollte musealisiert werden, aber das ist, was passiert. Sobald es ein paar Liebhaber gibt, die sich leidenschaftlich für ein Thema begeistern, gibt es auch immer den Impuls, ein Museum zu gründen.

Bevor wir wieder ein Thema in einem schlecht besuchten, kleinen Museum begraben, sollte man die existierenden Museen lieber umgestalten. Bitte keine Museen für wichtige, interessante Themen bauen und sie dann kommerziell ausschlachten. Den großen Museen, die eigentlich den Bildungsauftrag haben, diese Geschichte zu erzählen, bleibt dann nur noch der Rest.

Das Museum Knoblauchhaus am Nikolaiplatz

Das Knoblauchhauch ©AusserGewöhnlich Berlin

Ephraim Palais, Märkisches Museum, Nikolaikirche, Knoblauchhaus und jetzt auch noch das Humboldt-Forum… Ist das nicht etwas zu viel Berliner Museums-Kultur? Würde ein Berlin-Museum nicht reichen?

Sie haben in Ihrer Aufzählung ein wichtiges Museum vergessen: unser wunderbares Museumsdorf Düppel draußen in Zehlendorf. Zu viel Museumskultur? Das Stadtmuseum hat ca. 4,5 Millionen Objekte in seiner Sammlung – wir könnten noch viel mehr Orte bespielen! Spaß beiseite: Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir die genau richtige Anzahl an Ausstellungshäusern, die wir brauchen. Was die Zukunft bringen wird, sehen wir dann.

Das Knoblauchhaus neben der Nikolaikirche ist ein Berliner Bürgerhaus

Das Museum Knoblauchhaus ist ein Berliner Bürgerhaus aus dem 18. Jahrhundert ©AusserGewöhnlich Berlin

Nach Rom fährt man wegen der Geschichte, nach Las Vegas wegen des Glücksspiels. Weswegen fährt man nach Berlin? Und welche Rolle spielen die Museen?

Nach Berlin fährt man, um die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erleben – das kann man nicht in Rom.

Berlin ist die Hauptstadt der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hier liegen die Wurzeln für Entwicklungen, die bis in unsere Generation reichen, die unsere Kultur, unser Denken und unsere Urteile prägen.


Welche Rolle spielen dabei die Stadtmuseen? Das ist doch ganz klar: Die Museen vermitteln die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Man könnte auch sagen, die Museen „aktivieren die Geschichte“ beim Publikum.

Um die Ecke der Nikolaikirche steht das Ephraim-Palais

Ephraim-Palais: Hier gibt es wechselnde Ausstellungen zur Berliner Kunstgeschichte ©AusserGewöhnlich Berlin

Vielen Dank für das Interview. Wir sehen uns in der Nikolaikirche.

Mehr über Paul Spies erfährst Du HIER.

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