Norbert Martins spricht über Murals in Berlin

Norbert Martins über Murals in Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Warum fette Wände in Berlin so gehypt werden

Wir sprechen mit Berlins Koryphäe zum Thema Murals: Norbert Martins fotografiert seit über 40 Jahren Murals in Berlin! Uns verrät er die heißesten Bilder und was es auf sich hat mit dem Street Art Street Art Hype in Berlin.

Wie viele Murals gibt es in Berlin?

Seit das erste Wandbild 1975, der Weltbaum Eins von Ben Wagin, gemalt wurde, sind rund 850 Murals in Berlin entstanden.

Viele sind aber wieder verschwunden.

Warum verschwunden?

Einige politische Wandbilder wurden früher vom Senat mehr oder weniger vernichtet. In der heutigen Zeit kommen aber auch neue hinzu.


Murals in Berlin Kreuzberg

Murals in Berlin: Mural von Pirqas al Sur in der Skalitzer Straße ©AusserGewöhnlich Berlin

Projekte wie Urban Nation, The Haus und Wandelism zeigen: Street Art ist in Berlin nicht mehr wegzudenken. Was hat es auf sich mit dem Street Art Hype in Berlin? Warum ausgerechnet hier?

Am Anfang war es ganz klar, warum es Berlin sein musste.

Wir hatten hier so viele Brandwände, Ruinen und Baulücken, da wollte man die Wände verschönern.


Jetzt haben die Wohnungsbaugesellschaften gemerkt, dass sie die Möglichkeit zur Vollvermietung haben, wenn sie ihre Häuser vernünftig sanieren und ein schönes Wandbild erstellen.

Früher haben sich die Künstler zusammengesetzt und mit den Hausbesitzern diskutiert:

Was für ein Motiv malen wir? Gibt es einen geschichtlichen Hintergrund in der Gegend?

Und das haben sie mit eingearbeitet wie beim Rosinenbomber von Werner Brunner in der Flughafenstraße.

Hier bei Street Art ist es anders.

Die Künstler kommen her, stellen ihren Leiterwagen auf, fahren hoch und machen was sie denken. Die Wohnungsbaugesellschaft fragt nicht nach dem Motiv.


Wan gestaltet von den Berlin Kidz

Murals in Berlin: Die Berlin Kidz ©AusserGewöhnlich Berlin

Einfach so? Gibt es da keine Probleme?

Am Tegler See in Reinickendorf wurde ein Bild sehr kritisch betrachtet.

Und zwar steht ein junges Mädchen im Blut und schaut in den Wald hinein. Dort steht wiederum ein Mann mit Pfeilen im Körper. Nebenan ist aber ein Kindergarten und die Kinder können dieses Bild sehen. Die Bevölkerung in der Gegend hat sich aufgeregt und wollte, dass das Bild wieder wegkommt. Die Wohnungsbaugesellschaft hat das Bild drangelassen. Sie sagte:

Kunst ist auch Diskussion, Provokation und Aufmerksamkeit.


Wandbild von Graco Berlin

Mural von Graco Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Ist die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Kunst ein Mehrwert für Berlin?

Das wäre ein Mehrwert! Wenn man es richtig vermarkten würde. Man müsste die Murals in Berlin viel besser aufgreifen. Brüssel und Lyon, die vermarkten ihre Wandbilder.

Die Berliner sehen zuerst das Wirtschaftliche. Was muss ich ausgeben, um das Projekt anzugehen, und nicht den langfristigen Mehrwert.

Aber prinzipiell arbeiten die Wohnungsbaugesellschaften gerne mit der Kunst zusammen. Die Mieter sind damit auch sehr zufrieden. Ich frage immer nach, wie sie das Bild finden. „Ah, da oben wo die Sonnenblume ist, da wohne ich!“, ist dann die Antwort. Die Menschen haben einen Bezug zu den Bildern und das finde ich gut! Darüber freue ich mich!

Apollo und Daphne Mural

Apollo und Daphne von Young Jarus und Francisco Bosoletti ©AusserGewöhnlich Berlin

Auf welchem Platz wäre Berlin, wenn es ein weltweites Ranking von Street Art HotSpots gäbe?

In Deutschland hat Berlin die meisten Wandbilder. In ganz Europa würde ich sagen, dass Berlin an fünfter Stelle steht. Vorher kommen dann Städte wie Lyon oder Brüssel.

Welche Bilder sollte ich mir unbedingt ansehen?

Generell sind alle Murals in Berlin sehenswert. Ob man alle gut findet, das ist etwas anderes.

Asisi in Kreuberg: Murals in Berlin

Schaut euch die Murals in Berlin an: altes Wandbild von Asisi ©AusserGewöhnlich Berlin

Die Hintergrundgeschichten von den Murals in Berlin sind interessant!

Erzählen Sie mir eine Geschichte!

  • Zum Beispiel die Tatra Bahn von Lothar Scholz: Die BVG wollte das Bild nach der Wende nicht mehr haben, weil es die Ostbahn zeigte. Gert Neuhaus wollte das Bild ein bisschen umändern, aber das genügte der BVG nicht. Und so hat Gerd Neuhaus den Fuhrpark der BVG gemalt. Er hat es aber nicht unterschrieben, weil er nicht dahinterstand.
  • Dann das Elefantenbild am Tierpark 33 von Wolf Ullrich Friedrich: Ich hatte den Künstler mal gefragt, warum es Elefanten geworden sind. Er meinte, Kamele hätte er nicht malen dürfen, weil auf der anderen Seite eine Parteizentrale war.
Murals in Berlin: Ron English

Wandbild von Ron English ©AusserGewöhnlich Berlin

Gibt es Bilder, die Sie bewegt haben?

Ein Bild hat mich mal geärgert, in der Harzerstraße. Da haben sie auf dem Hof ein Bild gemalt, wie ein Papagei durch eine Glasscheibe fliegt und stirbt. Riesengroß.

Man muss überlegen, ob man etwas Schönes oder etwas Schlimmes sehen möchte, wenn man aus dem Fenster sieht.


Wie kommt es, dass Sie Murals in Berlin fotografieren?

Das fing bei mir ganz locker an. Ich habe hier und da mal ein Mural in Berlin fotografiert und so bin ich langsam in die Szene hineingewachsen. Nach und nach habe ich alle Murals in Berlin fotografiert und recherchiert. Ich habe eine riesige Datenbank über alle Murals in Berlin.

Street Art: Kryptik von der Urban Nation in Kreuzberg

Murals in Berlin: Kryptik ©AusserGewöhnlich Berlin

Was sollte man über die Geschichte der Murals wissen?

Seit 1975 hat sich die Szene stark verändert.

Zuerst gab es einen Wettbewerb des Senates. Der hieß Kunst am Bau und Farbe im Stadtbild. In dem Zuge wurde der Berliner Stadtraum umgestaltet und viele Murals sind entstanden. Der Senat hat sich dann langsam zurückgezogen.

Dann kam die Hausbesetzerszene. Wir hatten knapp 180 Häuser besetzt. Viele von denen wurden bemalt, überwiegend mit politischen Bilder. Dazu habe ich ein Buch geschrieben. Das Buch heißt Giebelphantasien und kam 1989 raus.

Nachdem die Mauer viel dachte ich, dass die Wandmalereien mit der Zeit weniger werden würden. Aber da hatte ich mich geirrt. Denn dann kam die Graffiti- und die Streetart Szene. Und die Street Art Szene ist sehr agil.

Es entstehen in kürzester Zeit unheimlich viele Murals in Berlin. So schnell kann man gar nicht fotografieren!

Zum Mural Festival sollen auch 40 Wände entstehen. Darüber freue ich mich riesig.


Murals in Berlin Kreuzberg

Streetart von der Urban Nation: Homo Homini Lupus ©AusserGewöhnlich Berlin

Sie sagen, dass viele politische Bilder verschwinden. Wie beurteilen Sie das?

Als die Hausbesetzerszene aktuell war, war das der Politik unangenehm, weil die Künstler verschiedene Symbole verwendet haben. Da gab es diese bunte Hacke mit einem Kreis drumherum. Das Symbol war ganz klar gegen den Senat gerichtet.

Der Senat war natürlich nicht daran interessiert, solche Bilder zu sehen. Und überhaupt war dem Senat die Hausbesetzerszene ein Dorn im Auge. Heute kümmert sich die Politik gar nicht um die Wandmalerei. Die Künstler sind viel freier.

Sehr interessant! Vielen Dank für das Interview!

Murals in Berlin in Hauswände statt Leinwände

Hauswände statt Leinwände zeigt Murals in Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

In Kreuzberg malen die Berlin Kidz, Besuch am Kottbusser Tor

Viele Murals könnt ihr in der Nähe vom Kottbusser Tor sehen ©AusserGewöhnlich Berlin