Nichts mit Medien – Hier wächst der Berliner Arbeitsmarkt wirklich

Der Aussergewöhnliche Berliner Michael Hagedorn spricht über den Berliner Arbeitsmarkt.

 

Macbook im Berliner Cafe
Lieber im Café, als im Büro. Die Realität des Berliner Arbeitsmarktes? (Original-Foto: CC BY 2.0) Alper Çuğun)

’9 to 5’ war gestern! „Das käme für mich nicht in Frage,“ erzählt uns Antje, die sich bereits seit 3 Jahren mehr oder weniger erfolgreich als Freelancerin im Bereich Journalismus und Grafik-Design durchschlägt. „Ich liebe die Unabhängigkeit,“ erzählt sie uns. Morgens von zuhause, Mittags eventuell in einem Café und jetzt wo es langsam wieder wärmer wird, kann sich Antje auch nachmittags gern mal raus setzen. „Hauptsache, das Macbook hat immer genug Strom,“ erzählt sie. Das sei die größte Sorge neben verfügbarem WLAN.

Es sei schon hart, gibt sie zu. „Es gab auch schon genug Monate, wo ich am Ende recht wenig zu essen hatte,“ gesteht die 28jährige. Diese waren aber glücklicherweise eher die Ausnahme. Ist Antje das Vorbild einer neuen Generation? Wenn man junge Menschen heute auf ihre Wunsch-Arbeitsumgebung anspricht, dann soll die vor allem flexibel und individuell sein. Nur nicht 8 Stunden am Schreibtisch hocken. Auf der anderen Seite zwingen niedrige Löhne immer mehr Menschen, mehrere Jobs anzunehmen. Und so ist ein Großteil der Berliner Kreativ- und Medienbranche auf regelmäßige Aufträge und befristete Jobs angewiesen.

Doch sieht so die Zukunft auf dem Berliner Arbeitsmarkt aus?

Michael Hagedorn ist AusserGewöhnlicher Berliner und Vorstand des Job-Startups JobberBee. Sein Portal scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Sein Portal verbindet die Vermittlung von Zweit-, Neben-, Studenten- oder Freelancer-Jobs mit dem Social Networking. Das ist ein wenig, wie bei einem Job Dating. Flexibel und individuell, so wie man es sich wünscht. Die Speerspitze des Berliner Jobwunders?

Jobberbee - Michael Hagedorn
Michael Hagedorn, der Mann hinter JobberBee

Die Zahlen sprechen augenblicklich für Berlin, dass weiß auch Hagedorn. „2014 waren 1,29 Millionen Menschen in Berlin sozialversicherungspflichtig beschäftigt,“ erzählt er. „Das sind rund 40500 Menschen mehr als noch 2013.“ Also ein Plus von 3,2 Prozent. So stark ist der Arbeitsmarkt zuletzt in keinem anderen Bundesland gewachsen. Berlin steht so gut da, wie seit 1997 nicht mehr. Und Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer ist optimistisch, dass man dieses Jahr auch mindestens 30.000 bis 40.000 weitere Jobs schaffen kann.

 

Doch wie sieht die Realität aus?

 

Immer noch hat Berlin eine Arbeitslosenquote von knapp über 10 Prozent. Und bei rund 40.000 Neu-Berlinern pro Jahr scheint es so, als profitieren diese weitaus mehr von den Jobs, als die „Ur-Einwohner.“

„Die Medien-Branche boomt in Berlin, dass hier aber überproportional viele Menschen arbeiten, lässt sich nicht bestätigen“, erzählt uns Michael Hagedorn. Vor allem im Dienstleistungssektor boomt der Berliner Arbeitsmarkt. Er macht immerhin 88 Prozent der Arbeitsplätze aus. Auch im Informations/Kommunikations-Sektor sowie im Gesundheits- und Sozialwesen stiegen die Zahlen im letzten Jahr. Auch das Baugewerbe boomt. Unüberraschenderweise.

Defizite gibt es am ehesten im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Auch im freien Handel gibt es viele Stellen. „ In der Gastronomie und im Servicebereich werden immer wieder besonders schnell Vertretungen für kranke Kollegen oder Aushilfen für einmalige Events angefordert“, so Hagedorn. „Solche Anfragen sehen wir auf JobberBee immer wieder.“

 

Neben- und Teilzeit-Beschäftigungen steigen und projektbezogene und kurzfristige Aufträge werden zur Regel.

Das schönt natürlich die Arbeitslosenzahlen, doch die Frage steht im Raum: Soll so der Arbeitsmarkt der Zukunft aussehen? Auch hier ist Berlin trauriger Spitzenreiter. 13,1% der Frauen und 10,4 % der Männer haben keinen unbefristeten Arbeitsvertrag, mehr als in anderen Bundesländern.

Auch Antje, die früher bereits fest in einer Agentur gearbeitet hat, kennt die andere Seite. „Häufig war ich überarbeitet und konnte nicht mein Tempo durchziehen,“ stellt sie fest. Bei aller Freiheit würde sie eine Festanstellung schon reizen. „Allein schon wegen der Sozialabgaben,“ erzählt sie. Leider gibt es laut ihrer Meinung kaum Arbeitgeber, welche eine gewisse Flexibilität erlauben. „Und sobald man ein paar persönliche Ansprüche hat, lassen die Arbeitgeber einen gern einmal fallen,“ berichtet Antje. „Am Ende gäbe es genug andere, die lieber Abstriche machen.“

Unbefristete Flexibilität erlaubt leider keine längerfristige berufliche Perspektive in einem Unternehmen. Die nackten Zahlen mögen zwar zufriedenstellend wirken, aber im Kern müssen sich viele Berliner Arbeitgeber immer noch an die Gegebenheiten gewöhnen. Flexible Arbeitsbedingungen ja, aber nicht ohne Perspektive und ein wenig Sicherheit und Vertrauen in den Angestellten. Wollen wir das in Berlin?

Arbeiten in Berlin
Wenig Glamour, mehr Arbeit? (Original-Foto: (CC BY-NC-ND 2.0) Astrid Westvang)

Wie soll der Berliner Arbeitsmarkt der Zukunft aussehen?

Welche Bedingungen müssen erfüllt werden, damit sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber wohlfühlen?

Welche Branchen sollten gefördert werden?

Wir diskutieren diese und andere Fragen in den nächsten Salon-Treffen von AusserGewöhnlich Berlin, unter anderem mit Michael Hagedorn und vielen weiteren Gästen aus der Berliner Wirtschaft. Vielleicht können wir so ja gemeinsam für das Wunder sorgen.