Interview mit Katrin Göhler über Werte

Eine Malteserin in Berlin: Katrin Göhler

Die Berliner Werte-Ritter aus Malta

Die AusserGewöhnliche Berlinerin Katrin Göhler, Leiterin Spenden und Nachlässe bei den Maltesern antwortet auf unsere Fragen über die Nachfahren der Ritter aus Malta.

Was sind Werte überhaupt?
Jeder Mensch braucht Halt und ein Gefühl von Heimat. Für mich vielmehr sind Werte  Orientierungspunkte, anhand derer ich meinen Standpunkt und damit meinen Halt finden kann. Im Gegensatz zu Regeln und Gesetze (in die unsere gemeinsamen Werte natürlich einfließen) sind Werte etwas, was mich intrinsisch motiviert, mein Handeln und Denken nach diesen Werten zu richten – auszurichten. Heimat ist insofern dort, wo ich auf Menschen mit den gleichen Werten treffe. Das hat etwas mit Gemeinschaft zu tun, mit gemeinsamen Glaubenssätzen und Handlungsmaximen. „Was Du nicht willst, was man dir tu, das füg‘ auch keinen anderem zu“ ist ein Spruch aus meiner Kindheit, die Goldene Regel, mit der sich Kant auch in seinem kategorischen Imperativ auseinander gesetzt hat. Dieser bestimmt auch meine Werte und prägt dadurch mein Handeln.

Wieso sind die Malteser eine Institution, wenn man über Werte spricht?
Die Malteser blicken auf 900 Jahren Geschichte zurück und diese begann mit der Gründung des „Hospitals zum Hl. Johannes zu Jerusalem“. Es waren Kaufleute aus Amalfi und Ritter, die das Elend der ankommenden Pilger lindern wollten. Diese hatten lange und beschwerliche Wege auf sich genommen, um nach Jerusalem zu gelangen und wurden auf ihrem Weg krank oder ihres gesamten Hab und Gutes beraubt. Die Malteser halfen aus Überzeugung und christlicher Nächstenliebe. Die christlichen Werte waren und sind unsere Antriebskraft. Ich denke, wenn man solange diesen Weg gegangen ist, darf man sich Institution nennen.

Malteser Hilfsdienst

Von welchen Werten werden die Malteser angetrieben und zusammen gehalten?

„Tuitio fidei et obsequium pauperum“. Übersetzt heißt das „Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen“. Dies ist seit 900 Jahren der Leitsatz der Malteser.

Verdeutlicht hat dies einmal sehr schön unser ehrenamtlicher Präsident: „Wir sind Kirche in der Welt“ und meint, dass Menschen, die in Not geraten sind, durch uns Malteser Mitarbeiter und Ehrenamtliche die christliche Nächstenliebe erfahren. Der Glaube ist also unsere Kraft, die Nächstenliebe unsere Motivation.

Berlin ist eine Stadt der Individualisten, jeder hat sein eigenes Lebenskonzept. Ist es überhaupt möglich, da von gemeinsamen Werten zu sprechen?
Da sehe ich keinen Widerspruch. Auch die Individualität des Einzelnen anzuerkennen ist ein Wert, auf den wir uns geeinigt haben. Hier haben wir eine Handlungsmaxime der Toleranz als gemeinsamen Wert gefunden, und das macht Berlin ja so besonders – weswegen so viele Menschen in diese Stadt kommen. Und so unterschiedlich wir auch sein mögen, niemand möchte durch Kriminalität zu Schaden kommen oder zum Beispiel unter Lärmbelästigung und Umweltverschmutzung leiden. Man darf Individualität nicht mit Egoismus gleichsetzen. Da gäbe es dann sicherlich Probleme.

Warum sind gemeinsame Werte wichtig für eine Stadt?
Gemeinsame Werte sind für ein Zusammenleben und eine Gemeinschaft unverzichtbar. Sie sind wie ein Bindemittel, das unsere Gesellschaft zusammen hält. Daher spielt die Wertevermittlung eine so wichtige Rolle bei der Integration von Flüchtlingen und dem Zuzug von anderen Kulturen generell.

Einige Medien sprechen von einer „Werte-Wahl“ am 18. September in Berlin. Wie sehen Sie das?
Ich kann mit diesem Begriff nichts anfangen. Die Parteien können Schwerpunkte legen auf die verschiedenen Grundwerte.

Wer damit jedoch meint, dass Themen wie Machtmissbrauch, Klüngelwirtschaft oder Missmanagement bei dieser Wahl eine Rolle spielen, kommt mit der Wertediskussion nicht weiter, sondern muss die Strukturen in Frage stellen.

Warum heißen die Malteser so?
In der Reformationszeit spaltete sich der Orden in den evangelischen und katholischen Zweig auf. Der Teil, der sich seitdem zum evangelischen Glauben bekennt, nahm den ursprünglichen Namen des Ordens, der Johannes dem Täufer geweiht war, mit und nannte sich förderhin Johanniter. Der katholische Zweig des Ordens verblieb an seinem damaligen Wirkungs- und Standort – der Insel Malta. Und so entstand der Name Malteser. Wenn man die Insel besucht, begegnet einem überall das Malteserkreuz. Übrigens auch im Stadtwappen von Neukölln, aber das ist eine andere Geschichte…

Welche Werte vermissen Sie in den modernen Großstädten wie Berlin?
Mich stört die Ignoranz, die vielleicht durch den Wert der Toleranz hervorgerufen wird. Alle neu Zugezogenen in meinem Haus – ich wohne in Neukölln – haben es nicht geschafft, sich den Nachbarn vorzustellen. Selbst ein Gruß, wenn man sich auf der Treppe trifft, ist selten. Das wir nicht mehr (auf)einander achten ist eine Tendenz, die mir nicht gefällt.

Insofern sind es die Achtsamkeit und Fürsorge, die ich vermisse und die ich als Berlinerin in meiner Kindheit als Werte kennen gelernt habe. Gerade ein einer Großstadt muss man sich doch um einander kümmern.

Wenn Sie die Regierung Berlins übernehmen müssten, was würde sich verändern? Was sind die dringendsten Aufgaben für die nächste Berliner Regierung?
Diese Frage würde ich gerne als Privatperson beantworten, denn als Malteser Mitarbeiterin bin ich unpolitisch. Ich würde auf eine gerechtere Umverteilung insbesondere der öffentlichen Mittel achten. Die soziale Gerechtigkeit in dieser Stadt steht meines Erachtens auf dem Scheideweg. Und der Ausverkauf „meiner“ Stadt macht mich geradezu wütend. Da würde ich einen Riegel vorschieben und wenn dann jemand „Protektionismus“ schreit, wäre mir das ziemlich egal. Der Markt darf nicht alles regeln.

Wo kann man die Arbeit der Malteser in Berlin erleben?
Aktuell beispielsweise in unseren drei Einrichtungen für Geflüchtete in der Karl-Marx-Straße in Neukölln im alten C&A Gebäude, im ICC und in einer Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Konradshöhe. Und wenn Sie in Charlottenburg oder Tegel auf der Straße in Ohnmacht fallen – was ja hoffentlich nicht eintreffen wird – könnte es sein, dass Sie meinen Kollegen/Innen in der Notfallrettung begegnen. Einige von uns kennen uns vielleicht aus Love Parade Zeiten in Berlin. Da haben unsere Einsatzsanitäter sich um die Versorgung der Notfälle gekümmert; auch heute sichern wir die Notfallversorgung bei Konzerten oder Großveranstaltungen ab. Viele jüngere Menschen kommen mit den Angeboten der Malteser durch ihre Eltern oder Großeltern in Kontakt. Zum Beispiel in Form unseres Hausnotrufknopfes. Es sind häufig die Angehörigen, die darauf dringen, dass die Älteren unser Angebot annehmen, damit wir zur Stelle sind, falls etwas zuhause passiert.

Zur Person:

Katrin Göhler ist gebürtige Berlinerin und verbrachte viele Jahre ihrer Kindheit in Ägypten. Sie ist Dipl. Kauffrau (FH) und hat an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert. Nach vielen Berufsjahren im Radio – unter anderem als Moderatorin – hat sie sich mit dem berufsbegleitenden Studium an der Fundraising Akademie zur Fundraising Managerin spezialisiert. Seit acht Jahren verantwortet sie – mittlerweile als Leiterin Spenden und Nachlässe – das Fundraising bei den Maltesern in Berlin.

www.malteser-berlin.de

katrin.goehler@malteser.org

Dieser Artikel wurde erstmals im eMagazin AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 09/16 veröffentlicht.

 

Was sind Werte überhaupt?
Jeder Mensch braucht Halt und ein Gefühl von Heimat. Für mich vielmehr sind Werte  Orientierungspunkte, anhand derer ich meinen Standpunkt und damit meinen Halt finden kann. Im Gegensatz zu Regeln und Gesetze (in die unsere gemeinsamen Werte natürlich einfließen) sind Werte etwas, was mich intrinsisch motiviert, mein Handeln und Denken nach diesen Werten zu richten – auszurichten. Heimat ist insofern dort, wo ich auf Menschen mit den gleichen Werten treffe. Das hat etwas mit Gemeinschaft zu tun, mit gemeinsamen Glaubenssätzen und Handlungsmaximen. „Was Du nicht willst, was man dir tu, das füg‘ auch keinen anderem zu“ ist ein Spruch aus meiner Kindheit, die Goldene Regel, mit der sich Kant auch in seinem kategorischen Imperativ auseinander gesetzt hat. Dieser bestimmt auch meine Werte und prägt dadurch mein Handeln.

Wieso sind die Malteser eine Institution, wenn man über Werte spricht?
Die Malteser blicken auf 900 Jahren Geschichte zurück und diese begann mit der Gründung des „Hospitals zum Hl. Johannes zu Jerusalem“. Es waren Kaufleute aus Amalfi und Ritter, die das Elend der ankommenden Pilger lindern wollten. Diese hatten lange und beschwerliche Wege auf sich genommen, um nach Jerusalem zu gelangen und wurden auf ihrem Weg krank oder ihres gesamten Hab und Gutes beraubt. Die Malteser halfen aus Überzeugung und christlicher Nächstenliebe. Die christlichen Werte waren und sind unsere Antriebskraft. Ich denke, wenn man solange diesen Weg gegangen ist, darf man sich Institution nennen.

Malteser Hilfsdienst

Von welchen Werten werden die Malteser angetrieben und zusammen gehalten?

„Tuitio fidei et obsequium pauperum“. Übersetzt heißt das „Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen“. Dies ist seit 900 Jahren der Leitsatz der Malteser.

Verdeutlicht hat dies einmal sehr schön unser ehrenamtlicher Präsident: „Wir sind Kirche in der Welt“ und meint, dass Menschen, die in Not geraten sind, durch uns Malteser Mitarbeiter und Ehrenamtliche die christliche Nächstenliebe erfahren. Der Glaube ist also unsere Kraft, die Nächstenliebe unsere Motivation.

Berlin ist eine Stadt der Individualisten, jeder hat sein eigenes Lebenskonzept. Ist es überhaupt möglich, da von gemeinsamen Werten zu sprechen?
Da sehe ich keinen Widerspruch. Auch die Individualität des Einzelnen anzuerkennen ist ein Wert, auf den wir uns geeinigt haben. Hier haben wir eine Handlungsmaxime der Toleranz als gemeinsamen Wert gefunden, und das macht Berlin ja so besonders – weswegen so viele Menschen in diese Stadt kommen. Und so unterschiedlich wir auch sein mögen, niemand möchte durch Kriminalität zu Schaden kommen oder zum Beispiel unter Lärmbelästigung und Umweltverschmutzung leiden. Man darf Individualität nicht mit Egoismus gleichsetzen. Da gäbe es dann sicherlich Probleme.

Warum sind gemeinsame Werte wichtig für eine Stadt?
Gemeinsame Werte sind für ein Zusammenleben und eine Gemeinschaft unverzichtbar. Sie sind wie ein Bindemittel, das unsere Gesellschaft zusammen hält. Daher spielt die Wertevermittlung eine so wichtige Rolle bei der Integration von Flüchtlingen und dem Zuzug von anderen Kulturen generell.

Einige Medien sprechen von einer „Werte-Wahl“ am 18. September in Berlin. Wie sehen Sie das?
Ich kann mit diesem Begriff nichts anfangen. Die Parteien können Schwerpunkte legen auf die verschiedenen Grundwerte.

Wer damit jedoch meint, dass Themen wie Machtmissbrauch, Klüngelwirtschaft oder Missmanagement bei dieser Wahl eine Rolle spielen, kommt mit der Wertediskussion nicht weiter, sondern muss die Strukturen in Frage stellen.

Warum heißen die Malteser so?
In der Reformationszeit spaltete sich der Orden in den evangelischen und katholischen Zweig auf. Der Teil, der sich seitdem zum evangelischen Glauben bekennt, nahm den ursprünglichen Namen des Ordens, der Johannes dem Täufer geweiht war, mit und nannte sich förderhin Johanniter. Der katholische Zweig des Ordens verblieb an seinem damaligen Wirkungs- und Standort – der Insel Malta. Und so entstand der Name Malteser. Wenn man die Insel besucht, begegnet einem überall das Malteserkreuz. Übrigens auch im Stadtwappen von Neukölln, aber das ist eine andere Geschichte…

Welche Werte vermissen Sie in den modernen Großstädten wie Berlin?
Mich stört die Ignoranz, die vielleicht durch den Wert der Toleranz hervorgerufen wird. Alle neu Zugezogenen in meinem Haus – ich wohne in Neukölln – haben es nicht geschafft, sich den Nachbarn vorzustellen. Selbst ein Gruß, wenn man sich auf der Treppe trifft, ist selten. Das wir nicht mehr (auf)einander achten ist eine Tendenz, die mir nicht gefällt.

Insofern sind es die Achtsamkeit und Fürsorge, die ich vermisse und die ich als Berlinerin in meiner Kindheit als Werte kennen gelernt habe. Gerade ein einer Großstadt muss man sich doch um einander kümmern.

Wenn Sie die Regierung Berlins übernehmen müssten, was würde sich verändern? Was sind die dringendsten Aufgaben für die nächste Berliner Regierung?
Diese Frage würde ich gerne als Privatperson beantworten, denn als Malteser Mitarbeiterin bin ich unpolitisch. Ich würde auf eine gerechtere Umverteilung insbesondere der öffentlichen Mittel achten. Die soziale Gerechtigkeit in dieser Stadt steht meines Erachtens auf dem Scheideweg. Und der Ausverkauf „meiner“ Stadt macht mich geradezu wütend. Da würde ich einen Riegel vorschieben und wenn dann jemand „Protektionismus“ schreit, wäre mir das ziemlich egal. Der Markt darf nicht alles regeln.

Wo kann man die Arbeit der Malteser in Berlin erleben?
Aktuell beispielsweise in unseren drei Einrichtungen für Geflüchtete in der Karl-Marx-Straße in Neukölln im alten C&A Gebäude, im ICC und in einer Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Konradshöhe. Und wenn Sie in Charlottenburg oder Tegel auf der Straße in Ohnmacht fallen – was ja hoffentlich nicht eintreffen wird – könnte es sein, dass Sie meinen Kollegen/Innen in der Notfallrettung begegnen. Einige von uns kennen uns vielleicht aus Love Parade Zeiten in Berlin. Da haben unsere Einsatzsanitäter sich um die Versorgung der Notfälle gekümmert; auch heute sichern wir die Notfallversorgung bei Konzerten oder Großveranstaltungen ab. Viele jüngere Menschen kommen mit den Angeboten der Malteser durch ihre Eltern oder Großeltern in Kontakt. Zum Beispiel in Form unseres Hausnotrufknopfes. Es sind häufig die Angehörigen, die darauf dringen, dass die Älteren unser Angebot annehmen, damit wir zur Stelle sind, falls etwas zuhause passiert.

Zur Person:

Katrin Göhler ist gebürtige Berlinerin und verbrachte viele Jahre ihrer Kindheit in Ägypten. Sie ist Dipl. Kauffrau (FH) und hat an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert. Nach vielen Berufsjahren im Radio – unter anderem als Moderatorin – hat sie sich mit dem berufsbegleitenden Studium an der Fundraising Akademie zur Fundraising Managerin spezialisiert. Seit acht Jahren verantwortet sie – mittlerweile als Leiterin Spenden und Nachlässe – das Fundraising bei den Maltesern in Berlin.

www.malteser-berlin.de

katrin.goehler@malteser.org

Dieser Artikel wurde erstmals im eMagazin AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 09/16 veröffentlicht.

 

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