Luise Neumann-Cosel auf dem EUREF-Campus

Luise Neumann-Cosel von BürgerEnergie Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Wir brauchen eine echte Revolution – Luise Neumann-Cosel

Luise Neumann-Cosel von der Initiative BürgerEnergie Berlin spricht im Interview über erneuerbare Energien und Berliner Revolutionen.

Warum will BürgerEnergie Berlin das Berliner Stromnetz kaufen? Was ist der Vorteil für Berlin?

Weil Netze Teil der Daseinsvorsorge der Stadt sind. Sie gehören nicht in Konzernhände, wie das gerade der Fall ist, sondern in die Hände der Menschen, die sie jeden Tag nutzen. Mit dem derzeit laufenden Vergabeverfahren für das Stromnetz haben wir eine beinahe einmalige Gelegenheit, unser Netz dem Energiekonzern Vattenfall abzukaufen. Und weil wir hier nicht auf die Politik hoffen wollen, haben wir beschlossen, selbst aktiv zu werden: Wir haben eine Bürgergenossenschaft gegründet und uns im Verfahren beworben. Wenn wir erfolgreich sind, hat das drei entscheidende Vorteile: Wir können sicherstellen, dass unser Netz in Zukunft im Sinne der Berliner betrieben wird. Das wäre übrigens auch eine ziemliche Revolution im Hinblick auf die Teilhabe der Berlinerinnen und Berliner, denn als Mitglied bei uns kann jeder über das Netz mitbestimmen. Wir können mit dem Stromnetz konsequent die Energiewende fördern.

Und wir sorgen dafür, dass die jährlichen zwei- bis dreistelligen Millionengewinne aus dem Netz nicht an Vattenfall abfließen, sondern in der Stadt bleiben.


Auf dem Weg zum Euref-Campus

Luise Neumann-Cosel im Interview über das Berliner Stromnetz ©AusserGewöhnlich Berlin

Wie wollen Sie zu 100% auf erneuerbare Energie umsteigen Frau Luise Neumann-Cosel?

Der Stromnetzbetreiber darf den Strommix nicht direkt beeinflussen, also z.B. nur noch Ökostrom durch das Netz leiten. Aber er kann durch indirekte Maßnahmen viel zum Umstieg auf erneuerbare Energien beitragen, etwa indem das Netz gezielt angepasst wird an die Bedürfnisse der fluktuierenden Energiequellen wie Wind oder Sonne. Uns ist auch die Frage besonders wichtig, was mit den Gewinnen aus dem Netz passiert. Im Moment fließen diese einfach an Vattenfall. Wir wollen das ändern und nicht nur ins Netz reinvestieren, sondern mit einem Teil der Überschüsse auch ganz gezielt Projekte zur Förderung einer dezentralen und gerechten Energieversorgung finanzieren.

Berlin ist im Vergleich der Bundesländer seit Jahren Schlusslicht bei der Energiewende – hier muss dringend was passieren!


Im Herzen von Berlin Schöneberg

Der EUREF-Campus in Berlin Schöneberg ©AusserGewöhnlich Berlin

Das wirtschaftliche Potential von erneuerbarer Energie ist derzeit, durch z.B. fehlende Technologien oder Platzmangel, noch nicht so hoch. Wie können wir das in Berlin verändern?

Im Gegenteil: Das Potential der Erneuerbaren ist in Berlin viel höher als gedacht und wird bis jetzt nur zu einem Bruchteil genutzt. Die Machbarkeitsstudie „Klimaneutrales Berlin 2050“ prognostiziert z.B. ein enormes Potenzial für die Strom- und Wärmeerzeugung auf Solarbasis. Der Witz ist: Bis jetzt hat der Senat die Nutzung dieser Technologie nie gefördert, und die großen Berliner Akteure wie Vattenfall und Gasag haben kaum Interesse an alternativen Energien, da sie noch immer stark auf fossile Energieerzeugung ausgerichtet sind. Wir ändern das: Unsere Genossenschaft investiert z.B. in Solarstromerzeugung. Das Schöne ist, dass davon am Ende nicht nur das Klima, sondern auch unsere Mitglieder etwas haben, denn sie können an den Gewinnen teilhaben.

Luise Neumann-Cosel, ist die Energiewende Utopie oder Zukunft?

Keins von beiden, sie ist längst Realität. Wir nutzen schon seit Jahren mehr erneuerbaren Strom als Atomstrom, im letzten Jahr kam sogar mehr Strom aus erneuerbaren Quellen als aus allen anderen Energieträgern. Trotzdem bleibt natürlich noch eine Menge zu tun: Noch sind eine Reihe Kohlekraftwerke am Netz, die eine massive Gefahr für das Weltklima darstellen und so schnell wie möglich abgeschaltet werden müssen. Und im Verkehrsbereich brauchen wir eine richtige Revolution, da gehen die Anteile der Erneuerbaren im Treibstoffmix im Moment sogar zurück.

Hier gibt´s also noch genug Platz für Utopien.


Über Luise Neumann-Cosel

Luise Neumann-Cosel ist Vorstand und Mitbegründerin der BürgerEnergie Berlin eG. Die Bürgergenossenschaft bewirbt sich im laufenden Vergabeverfahren um das Stromnetz und setzt sich für eine direkte Teilhabe der Berliner an der Energiewende ein.

Wer mehr über BürgerEnergie Berlin wissen möchte, liest HIER.

Hier können Sie einen weiteren Artikel zum Thema Berliner Stromnetz lesen.

Dieses Interview erschien erstmals im eMagazin von AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 03/2017.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.