Lorenz Maroldt lästert über Berlin

Autor und Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt liebt Berlin und lästert gerne über Berlin. Im Gespräch mit Alexander S. Wolf erklärt er warum.

Der AußerGewöhnliche Berliner Lorenz Maroldt ist Chefredakteur des Tagesspiegels. Er bekommt sein Gehalt vom Tagesspiegel, könnte locker seinen normalen Job machen und den Rest seiner Zeit entspannt auf seiner Terrasse verbringen, ein Bierchen trinken und sich zurücklehnen. Doch dann wäre Lorenz Maroldt nicht Lorenz Mardolt.

Stattdessen kämpft er unermüdlich, wie Sisyphos, für Berlin. Er deckt auf, wo Probleme sind. Keiner ‚mag‘ ihn im Senat, alle fürchten ihn und sein Team. Denn Berlins Politiker wissen genau: Maroldt guckt hin. Und vor allem lässt er sich nicht korrumpieren. Weder durch nette Worte, noch durch schicke Einladungen. Keine Chance:

Wenn etwas Mist ist, dann erzählt Lorenz Maroldt, dass es Mist ist. Keine Beschönigungen.

Dadurch hat er sich viel Ärger gemacht, aber das schreckt ihn nicht ab. Lorenz hat eine Vision von Berlin, wie Berlin sein könnte. Er vergleicht seine Vision mit der Realität und das, was rauskommt, heißt Tagesspiegel Checkpoint. Der erfolgreichste regionale  Nachrichten-Newsletter Deutschlands.

Lorenz Maroldt tut etwas für uns alle: Er guckt hin, wo alle anderen weggucken.

Jetzt hat er ein Berlin Buch zusammen mit Harald Martenstein geschrieben: „Berlin in 100 Kapiteln, von  denen leider nur dreizehn fertig wurden.“ Darin lauter komische und erschreckende Fakten zu Berlin.

Alexander S. Wolf hat mit Lorenz Maroldt gesprochen. Entweder Du liest die Kurzversion, oder Du schaust Dir den Mitschnitt an (sind wirklich lohnende 15 Minuten):

Du kämpfst seitdem ich dich kenne um das bessere Berlin. Und bekommst jeden Tag gezeigt, dass das nicht möglich ist?

Das stimmt ja nicht ganz. Wenn ich nicht Spaß dran hätte, würde ich es natürlich nicht machen. Natürlich ist Berlin große Liebe. Ich sitze manchmal Nachts da auf meiner Terrasse und recherchiere den ganzen Kram, die Sonne geht auf, ich bin immer noch nicht fertig und fang plötzlich laut an zu lachen, über den Unsinn, der da passiert. Das hab ich auch alles in dem Buch gesammelt. So Sachen wie: Die Barenboim-Said- Akademie schickt dem Bundespräsidenten ein Buch. Das Buch wird zurück an die Akademie geschickt an Herrn Naumann mit dem Vermerk: ‚Empfänger nicht gefunden, Name nicht auf Klingelschild‘. Solche Sachen, wo du dann denkst: Das gibts auch nur in Berlin, dass der Briefträger vorm Bundespräsidialamt steht und sagt: ´Name nicht auf dem Klingelschild.´ Eigentlich ist es ein großer Spaß. Und sonst würde ich es auch nicht machen.

Du hast deinen Beruf zum Leben gemacht…

Berlin ist irgendwie mein Beruf geworden. Obwohl ich mich als Chefredakteur auch noch um den ganzen restlichen Scheiß kümmern muss. Aber Berlin ist einfach so geil. Und das war es schon immer. Ich bin seit 1982 hier – zugezogen…

…Neuberliner so zusagen…

…das ist einfach so eine große Freude sich da durchzuwühlen.

Deswegen mag dich keiner im Senat…

…das stimmt nicht ganz. Es gibt auch ein paar Leute im Senat, die finden das total gut und die lachen selber.

Wer ist das?

Das sag ich nicht. (lacht) Ich bin da integra. Es ist ja nicht so, dass da Freund-Feind-Geschichten aufgebaut werden. Es ist eher konstruktiv. Wir haben viel ereicht. Es gibt so kleine Serien, die wir gemacht haben. Sachen, über die jeder meckert, aber keiner was macht. Über Berlins marode Schulen habe ich vor vier oder fünf Jahren angefangen: Ich habe jeden fucking Tag eine Schrottschule vorgestellt. Wo es gammelt, wo es durchtropft, wo alles Schrott ist, solange bis die anderen drauf eingestiegen sind. Und dann haben sie angefangen mit dem Schulprogramm und endlich angefangen etwas an dem unerträglichen Zustand zu machen.

„Ein anderes Thema: die Bürgerämter. Ich hab einfach jeden Tag geschrieben, wann der nächste Termin im Bürgeramt ist. Bis dann irgendwann klar war, wir haben hier ein riesen Problem am Hals.“


Oder die S-Bahn. Wir haben irgendwann damit angefangen beim Checkpoint Betriebsstörungsbingo zu spielen. Wir haben die Regeln zwar nicht verstanden, aber wir haben behauptet, es gibt welche. Wir haben dann die Störungsmeldungen der S-Bahn gesammelt. Leute haben uns auch welche zugeschickt und wir haben die 100 Begriffe, warum die S-Bahn behauptet, verspätet zu sein, veröffentlicht.

Und was war der geilste?

Der geilste hat sogar gestimmt. Das war nämlich: Der Triebwagenführer musste mal. (lacht) Es gibt alles, aber ich glaube da sitzt eine kleine Truppe von Kreativen, eine Art Kreativredaktion, die sich jeden morgen ausdenken: Was sind heute unseren geilen Störungen des Tages.
Solche Sachen sammel ich seit vielen vielen Jahren und habe zusammen mich mit Harald Martenstein zusammengetan, der auch seit Jahren über Berlin schreibt: ‚Komm, wir haben einen Zeit-Magazin Text gemacht vor zwei Jahren – lass uns das ausreizen, weil es hört ja gar nicht mehr auf.‘ Und das haben wir halt gemacht.

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