Wie sollte modernes Unternehmertum aussehen?

Edgar Reinke beim Salon von AusserGewöhnlich Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Handwerk 2.0 – Edgar Reinkes Vision des modernen Handwerks

Stirbt das Handwerk aus? Edgar Reinke über seine Visionen und modernes Unternehmertum.

Wir sind hier im Schöneberger Kiez. Was ist das besondere in Schöneberg?

Ich mag Schöneberg sehr. Es hat eine gute Mischung. Es gibt viel Gewerbe in unterschiedlichsten Formen, wo Innovation und Tradition aufeinandertreffen. Hier lässt es sich wunderbar arbeiten und leben.

Unterscheiden sich Berliner Handwerker von welchen in anderen Städten? Wenn ja, worin liegt der Unterschied?

Das ist schwer zu beantworten.

Wie auch die Einwohner, sind die Handwerksfirmen sehr unterschiedlich. Von östlich entspannt bis turbo-kapitalistisch ist alles dabei.

Teilweise ist das Handwerk sehr innovativ und kleinteilig, teilweise sehr großspurig und „ist mir egal“. Die unterschiedliche Bandbreite der Architekten und Bauherren spiegelt sich hier sicherlich wieder. Das Spezifische in Berlin ist schwer zu definieren. Grundsätzlich würde ich unterschieden in die Verantwortungsvollen und in diejenigen, denen das nicht allzu wichtig ist.

Sie würden sich wahrscheinlich in ersteres einordnen?

Ja, gerade der Begriff der Verantwortlichkeit liegt mir sehr am Herzen. Mich interessieren eben auch die Nachbarbereiche. Zum Beispiel sehe ich an einer Zahnarztpraxis am Ku‘ damm viele Schnittstellen bezüglich der Arbeitsmethodik. Es ergibt mehr Sinn, klar und deutlich mit anderen zu kommunizieren, anstatt einen sturen Alleingang zu gehen.

„Letztendlich macht gemeinsames Denken und Arbeiten mehr Spaß.“


Was ist für Sie das wertvollste an Berlin?

Sicherlich die jüngere deutsche Geschichte, die sich überwiegend auf Berlin konzentriert hat. Anschließend daran, die einzigartige Vielschichtigkeit der Stadt.

Ich habe den Eindruck, dass beim Thema Einrichtung der Trend in Richtung Holz tendiert? Würden Sie das bestätigen?

Nicht unbedingt. Einerseits bekommen viele Wohnungen Eichenparkett, was massive Auswirkungen auf deutsche Eichenbestände hat. Bei unseren Projekten wird daher nicht mehr Holz verarbeitet als nötig. Dafür verbessert sich der Einsatz der Qualität des Holzes.

„Der „Vintage“-Trend hingegen wird wahrscheinlich wieder kippen.“


Wieso?

Weil neue Kunden und ausländische Investoren ein extrem hohes Qualitätsbewusstsein und dementsprechend mehr Geld besitzen.

Sie bauen unter anderem sogenannte „Tiny-Houses“. Was genau ist das?

Es hat vor zwei Jahren mit der Flüchtlingskrise angefangen. Wir haben versucht, schnell Unterkünfte für Bedürftige zu bauen. In Zusammenarbeit mit dem Bauhaus Archiv und den Initiatoren Katharina Stahlhoven und VanBo Le Mentzel hatten wir die Idee eines Campus. Die zwei Tiny-Häuser, die ich gebaut habe, gehen eher in Richtung „New-Work“: also mobile Büros und Konferenzräume, vor allem für Start-Ups.

Gewaffnet für jeden Fall: Edgar Reinke beherrscht sein Handwerk

Das Werkzeug des Handwerkers: für Edgar Reinke eine wichtige Zukunftsfrage ©AusserGewöhnlich Berlin

Wer fragt solche Projekte an?

Aktuell Orgatech Messe, ein Kooperationsnetzwerk zwischen DELL, SAP und XING.

Kann man auch darin wohnen?

Ja, sie sind auch bewohnbar. Auf acht bis zwölf Quadratmeter können sie nach Belieben ausgebaut werden. Teilweise wurden wirklich tolle Projekte, mit Betten, Bädern, und Küchen gebaut.

Spiegeln die Tiny-Houses den verstärkten Drang nach Individualität wider? Damals wurden Häuser noch für die Ewigkeit gebaut.

Mittlerweile gibt es eine richtige Bewegung von Menschen, die sich ein Tiny House bauen. Es hat sicherlich einen romantischen und ökologischen Charakter.

Eventuell sind Tiny Houses auch eine Reaktion von jungen Menschen auf die Reizüberflutung und hohen Mieten in urbanen Gebieten.

Designtechnisch ist das Crossover aus Nachhaltigkeit und Technologie sehr spannend.

Als Berliner im Handwerk ist schnelles Reagieren auf aufkommende Bedürfnisse sicherlich ein Merkmal, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Kann man sich gegen Giganten wie IKEA damit profilieren?

Wir vergleichen uns nicht mit einem riesigen Konzern, der ethisch nicht unbedingt einwandfrei handelt. Unser Anspruch ist da ein anderer.

Und wir registrieren, dass IKEA eine absurde Vorstellung von Preis-Leistungs-Verhältnis in die Welt gebracht hat, die aktuell das Denken um Möbel und Preise dominiert.

Alte Schule? Edgar Reinke sieht in der Verbesserung der Handwerkerausbildung ein Zukunftsmodell

Qualität und Kreativität sind die Leitmotive von Edgar Reinke ©AusserGewöhnlich Berlin

„Sie verkaufen ganze Möbel für einen Preis, für den wir nicht einmal vernünftiges Holz beschaffen könnten. Da frage ich mich, unter welchen Bedingungen solche Produkte hergestellt werden.“


Wenn es uns egal wäre, wie und was wir produzieren, hätten wir auch Kunden, denen das egal wäre. Ganz vorne stehen Qualität und Kreativität. Und hier wird es anspruchsvoll. Wir können das persönliche Interesse des Kunden in unsere Arbeit einfließen lassen. So spricht sich unsere Arbeit rum, auch mit einer 15-Jahre alten Website (lacht).

Und das in Zeiten der Digitalisierung?

Verstehen Sie mich nicht falsch, eine Aktualisierung der Website ist auf jeden Fall geplant. Viele unserer Aktivitäten werden schließlich nicht abgebildet. Die Digitalisierung ist heutzutage essenziell, für jedes Unternehmen. Dennoch sollte man nicht den guten Ruf seiner Arbeit unterschätzen. Das ist stets das Wichtigste.

Also mehr Fokus auf die persönliche Komponente?

Definitiv. Ich möchte den Kunden kennenlernen, zu ihm fahren und das perfekte Ergebnis für die Wohnung herausholen. Was bringt es, den größten Schrank zu verkaufen, wenn er schlicht und ergreifend nicht gut aussieht.

Wir wollen langfristige Bindungen zu Kunden aufbauen. Das ist eine Frage des eigenen Selbstverständnisses.

Würden Sie sagen, dass es sich hier um eine typisch Berliner Denkweise handelt? Nach dem Motto: wenn’s nicht passt, passt’s nicht?

Ich bin in Berlin, weil es als junger Mensch, vor 30 Jahren, der spannendste Ort für mich war. Hier wimmelt es vor interessanten und kreativen Menschen. Vor allem ist es auch ein perfekter Ort zum Netzwerken. Darauf führe ich unter anderem auch Aufträge im Ausland zurück.

Gibt es irgendetwas, das Sie sich wünschen für Berlin?

Ich wünsche mir, dass die Politik sich unter anderem mehr für den Mittelstand interessiert. Das sogenannte duale Bildungssystem muss den Mitwirkenden gerecht werden. Innung, Handwerkskammern, wir als Betriebe und die Berufsschule müssen eindeutig eigeninitiativ und mehr zusammen arbeiten.

„Schule und Beruf müssen enger zusammenrücken, sodass es stets eine Aussprache gibt. Das könnte dazu beitragen, dass das Handwerk mehr gefragt wird.“


Facharbeiterengpässe könnten der Vergangenheit angehören. Ich sehe da großes Potential. Deswegen halte ich auch oft Workshops in den Schulen.

Da wünsche ich mir mehr Querdenken und Diskussionskultur in der Politik. Dazu gehört auch Mut.

Teilweise werden Anfragen unsererseits sofort ausgebremst, nur weil man falsche Entscheidungen in der Vergangenheit anerkennen musste.

„Kindern muss vermittelt werden, dass man Sachen auch selbständig aufbauen kann. Es sorgt für eine ganz andere Art Selbstbewusstsein, die auch sinnstiftend ist.“


Schöneberg ist die Heimat der Werkstatt Edgar Reinke

Schöneberg bietet beste Bedingungen fürs Arbeiten und Leben - Edgar Reinke ©AusserGewöhnlich Berlin

Ich würde aber leider behaupten, dass die richtigen Impulse seitens von Eltern und Lehrern fehlen. Gerade bei Geflüchteten merke ich in letzter Zeit, wie wichtig Ihnen die handwerkliche Tätigkeit und Fähigkeit sein kann. Vor allem wenn diese Menschen ins Team geholt werden und eine fast familiäre Gemeinschaft erfahren können.

Möchten Sie sonst noch etwas erzählen?

Aktuell bauen wir eine große Villa mit Möbeln aus. Ein anderes Projekt ist das Ausbauen einer sehr individuellen Zahnarztpraxis, die von Graft-Architekten konstruiert wurde. Dort ist nichts gerade! Es handelt sich hierbei um eine reine Kinderzahnarztpraxis, die viel Wert auf das Entertainment und die Ablenkung der Kinder beim Arztbesuch legt.

Ein wirklich schönes Projekt. Es gibt dort sogar ein Aquarium und eine Ameisenfarm.

Das tolle an unserem Beruf ist, dass wir uns mit vielschichtigen und komplexen Aufgaben auseinandersetzen dürfen.

Die Arbeit wird nie langweilig. Wir arbeiten an einer modernen, effektiven Arbeitshaltung und Ausbildung. Heutzutage fällt es vielen Menschen schwer, konstruktive Kritik auszuüben, und noch mehr, ein einfaches Lob anzunehmen. Mit immer wachsendem Druck, scheinen viele Menschen Ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden.

Es geht darum, wirkliche Kompetenz zu vermitteln, und dazu gehören vor allem Soft-Skills. Faktoren wie Sprache und Gestik spielen eine wichtige Rolle, wie im Theater.

Innovative Methoden im alten Fach.

Querdenker Edgar Reinke: selbst aus dem Theater könne man für die Arbeit lernen ©AusserGewöhnlich Berlin

„Ich denke, dass moderne Unternehmen sich durchaus vom Theater inspirieren lassen sollten, vor allem was innere und körperliche Haltung angeht.“


Und: Es wird zu wenig gefeiert. Nach einem abgeschlossenen Projekt kommt gleich das nächste und keiner nimmt sich die Zeit, die eigenen Leistungen zu schätzen. Das ist sehr wichtig für die Psyche. Gewisse Rituale, die geschätzt werden, sind dafür essenziell. Schließlich verbringen wir doch so viel Zeit auf der Arbeit.

Was ist, Ihrer Meinung nach, die optimale innere Haltung?

Ein angstfreies Bewusstsein und sich stets auf sein Ziel zu konzentrieren. Hier spielt Widerstandsfähigkeit eine wichtige Rolle.

„Die Welt geht nicht unter, wenn irgendwas nicht nach Plan läuft. Dieses Selbstvertrauen ist durchaus erlernbar.“


Zitate sollen die Mitarbeiter nicht nur motivieren, sondern begeistern.

Orientieren an großen Köpfen. Edgar Reinke bringt intellektuelle Ansätze in die Werkstatt ©AusserGewöhnlich Berlin

Und wie?

In dem sich getraut wird. Das Wort „trauen“ ist ein fester Bestandteil von Vertrauen. Wenn ein Arbeitsloser an unserer Tür klingelt und sagt, dass er schon immer Tischler werden wollte, bekommt er sehr wahrscheinlich eine Chance. Wenn ich sehe, dass eine Person wirklich will, gebe ich dieser auch gerne die Möglichkeit.

Im Zeitalter sozialer Medien braucht es da den Mut, vor die Tür zu gehen. Und im Gegenzug Vertrauen seitens der Unternehmen. Oft sind es die kleinen Gesten, die für Menschen vieles bewirken. Für viele müssen wir, als Multiplikatoren, einfach mal die „Autobahn frei machen“, damit begeisterte Menschen Vollgas geben können.

Hier geht es zu Edgar Reinke!

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