Friedrichstadt-Palast im Interview

Friedrichstadt-Palast Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

„Das Böse gewinnt nur, wenn das Gute vor sich hin döst“ – Friedrichstadt-Palast

Dr. Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palasts, spricht mit uns über Vielfalt, Freiheit und Demokratie und über seine Initiative „Respect each other“.

Der AusserGewöhnliche Friedrichstadt-Palast ist die größte Theaterbühne der Welt und mit 700.000 Besuchern jährlich die meistbesuchte Bühne Berlins.

Die Gründer des Friedrichtstadt-Palastes wurden in der NS-Zeit aufgrund ihrer jüdischen Abstammung und ihrer Sexualität verfolgt. Diese Zeit zählt zu den grausamsten Jahren in der Geschichte. Und dennoch werden heute Vorurteile und Hasstiraden ohne Scham im Internet gepostet.

Vor diesem Hintergrund spricht Dr. Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palasts, mit uns über Vielfalt, Freiheit und Demokratie und über seine Initiative „Respect each other“.

Was ist das Ziel der Initiative „Respect each other“?

Wir leben in Zeiten, in denen dumpfe Emotionen wieder hoffähig werden, wo aus Berechnung gelogen wird und Menschen mit ähnlichen Merkmalen in einen Topf geworfen werden, nur weil 0,001 Prozent von ihnen etwas Schlimmes verbrochen haben. Und diese besorgten Hassbürger ernten dafür auch noch Kopfnicken.

Initiative "Respect eacht other", Friedrichstadt-Palast
Die Initiative „Respect each other“ vor dem Friedrichstadt-Palast ©Pedro Becerra

Noch vor wenigen Jahren wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, platte Selbstverständlichkeiten wie ‚Respect each other‘ auf bunte Fahnen zu schreiben.

Aber als vor etwa drei Jahren jeden Montag über die Reinhardtstraße – Reinhardt war jüdischer Theaterunternehmer – antiisraelische und im Kern antisemitische Demonstrationen bei uns am Haus vorbei kamen, auf ihrem Weg zur von Nazis geschändeten Synagoge in der Oranienburger Straße, da spürte ich erste Anzeichen, dass sich was dreht.

Seitdem scheißt ein nationaler und auch internationaler Mob die sozialen Medien voll.

Früher haben sie sich versteckt oder hinter vorgehaltener Hand getuschelt, weil das gesellschaftlicher Selbstmord gewesen wäre. Heute posten sie unter vollem Namen und mit Angabe ihres Arbeitgebers derart pauschale Vorurteile und Hasstiraden, dass einem als geschichtsbewusstem Menschen ganz anders wird.

Wir sind Zeitzeugen davon, wie gerade mühsam errichtete zivilisatorische Dämme brechen.

Ich bin überzeugt davon, dass die Jahre ab 2013 in die Geschichte eingehen.

Nach den antisemitischen Demonstrationen wurde ich Mitglied im Forum gegen Antisemitismus und für Demokratie. Aber nach den populistischen Wahlerfolgen in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Polen, Ungarn und USA war mir das ein bisschen wenig.

Der Friedrichstadt-Palast ist auch nach Gästen die größte Bühne Berlins. Wir sind ein Volkstheater im besten Sinne. Zu uns kommen alle Alters-, Gesellschafts- und Bildungsschichten. Ohne den Zeigefinger zu heben und ohne beispielsweise pauschal alle AfD-Politiker*innen und Wähler*innen in die Nazi-Ecke stellen zu wollen, bitten wir die 700.000 Gäste, die zu uns kommen, um gegenseitigen Respekt, um differenziertes Argumentieren, um Faktentreue.

Wenn Männer ihre Ehefrau auf der Straße bei lebendigem Leib anzünden und töten, im Auto hinter sich her schleifen oder eine junge Studentin vergewaltigen und töten, dann sind das widerliche Taten von widerlichen Menschen, denen das Gesetz mit seiner ganzen Härte in die Fresse springen muss. Aber weil diese Menschen zufällig keine „Arier“ sind, heißt es nicht, dass alle Menschen, die aus diesen Herkunftsländern kommen oder Flüchtlinge sind, solche Tiere sind.

Unsere deutschen Abendland- und Kulturverteidiger sollten immer dran denken, dass die grausamsten und beispiellosesten Verbrechen der Menschheitsgeschichte von deutschen „Ariern“ begangen wurden.

Deutsche haben Mütter mit ihrem Baby auf dem Arm ins Gas geschickt oder nackt beim Appell in der Kälte erfrieren lassen. Die Nazis und wir Nachfahren können froh sein, dass es damals keine Farbaufnahmen und Handyvideos gab, denn das wären die grausamsten Aufnahmen der Welt. Wir Deutschen wollen, dass die Welt differenziert auf uns blickt. Auch ich möchte, dass ich als 1964er Jahrgang nicht mit den Nazi-Verbrechern in einen Topf geworfen werde.

Aber dann können Afghanen oder Afrikaner es wohl auch erwarten, dass wir sie nicht für die Taten von Wenigen in Sippenhaft nehmen und pauschal verurteilen.

Was hat die Initiative mit dem Friedrichstadt-Palast als Location zu tun?

Max Reinhardt, Erik Charell und Hans Poelzig, die 1919 die Bühnengeschichte des Friedrichstadt-Palastes begründeten, waren später als Juden, Homosexuelle und ‚entartete‘ Künstler allesamt Verfolgte der Nationalsozialisten.

Unter dem Namen „Theater des Volkes“ war der Friedrichstadt-Palast die größte NS-Propagandabühne des Dritten Reiches.

FSP_palast-berlin_09-2016_web WP
Der Friedrichstadt-Palast kämpft für Vielfalt, Freiheit und Demokratie ©Soenne

Bis 1990 war der Friedrichstadt-Palast das Vorzeigeunterhaltungstheater der DDR. Wir haben also zwei Mal gesehen, dass Freiheit und Demokratie nicht einfach ‚da‘ sind, sondern über Nacht verloren sein können.

Vor dem Hintergrund unserer Geschichte stehen wir daher als Friedrichstadt-Palast bewusst und kämpferisch ein für Vielfalt, Freiheit und Demokratie.

Brauchen Berliner mehr Respekt, oder warum startet die Initiative in der Hauptstadt?

Nicht pauschal zu sein, heißt auch, nicht Berliner*innen über einen Kamm zu scheren. Aber so verdammt tolerant und cool wie Berlin glaubt zu sein, ist es auch nicht, insbesondere nicht an den Rändern der Stadt. Populisten gibt es mit fast gleichen Stimmanteilen bei Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, in Berliner Randbezirken und meiner alten Heimat Baden-Württemberg.

Die Initiative starten wir hier, weil der Friedrichstadt-Palast in Berlin ist und Berlin gerade international für etwas steht – als Reichshauptstadt des Holocaust und als Zentrum einzigartiger Aggression und wahnhafter Überlegenheitsgelüste. Ich habe meine Großeltern immer vorwurfsvoll gefragt, mein Gott, was habt Ihr Pfeifen denn ab 1933 dagegen gemacht. Und was mache ich? Ich mache ein Fähnchen mit einem Spruch. Klingt ausbaufähig, aber es haben sich eben doch wunderbare Menschen angeschlossen und damit wird es mit Leben und Wert erfüllt.

Das Böse gewinnt nicht, weil es stärker ist, sondern nur, wenn das Gute vor sich hindöst und sich nicht in den Weg stellt.

Bereits vor den ‚Colours of Respect‘ wurde am Haus die ‚Pinke Liste‘ installiert. Was hat es mit ihr auf sich?

Wir sind tolerant, aber gegenüber Intoleranz sind wir intolerant.

Zuschauerraum, Palast
Der Saal des Friedrichstadt-Palastes ©Marco Winiarski

Seit 2014 werden zu Premieren des Palastes keine Botschafter*innen mehr aus Ländern eingeladen, die von Staats wegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminieren. Das werden wir auch in Zukunft so handhaben und beobachten. Auf unserer ‚Pinken Liste‘ standen in 2016 erschreckende 76 Staaten. Es ist niemandem zuzumuten, mit Menschen im gleichen Raum zu feiern, die Staaten repräsentieren, in denen Menschen hingerichtet, verstümmelt, gedemütigt oder eingesperrt würden oder unter Strafandrohung nicht öffentlich über ihre normale, aber nicht mehrheitliche, sexuelle Orientierung sprechen oder diese nicht zeigen dürfen.

Wie würden Sie den Friedrichstadt-Palast einem Touristen / Berliner beschreiben?

Wir gestalten modernes Show-Entertainment in enormen Dimensionen. Wenn ich eine Schublade wählen soll, würde ich unsere Arbeit als populäre Kultur bezeichnen. Es ist eine moderne Art der Erzählung, die uns abhebt von dem, was bisher sogenannte E-Kultur ist.

Wir erzählen schneller und mit modernsten Mitteln. Wir zelebrieren bewusst das Positive und die Schönheit.

In zehn Jahren soll der Besuch des Friedrichstadt-Palastes für jeden Berlin-Besucher, auch für internationale Gäste, ein Muss sein. Gerade bei der internationalen Bekanntheit haben wir noch viel Luft nach oben, obwohl man kein Deutsch sprechen muss, um unsere Grand Shows zu genießen. Aber die New York Times ist schon mal von den Socken und empfiehlt uns als ‚Must-See‘ für jeden Berlin-Besuch. Auch der doch eher kritische Lonely Planet schwärmt vom ‚Glamour à la Las Vegas‘.

Welche Superlative beschreiben Euch?

The One - Grand Show, Friedrichstadt Palast in Berlin
THE ONE Grand Show im Friedrichstadt-Palast in Berlin ©Tobias Schwarz

Über 100 Künstler*innen auf der größten Theaterbühne der Welt. Mehr geht weltweit im Ensuite-Theaterbetrieb nicht, höchstens mal bei Eröffnungsfeiern zu Olympia. Außerdem hat der Friedrichstadt-Palast das größte Kinder- und Jugendensemble Europas. Unsere Grand Shows sind hochmodern in ihrer Ästhetik und mit den allerneuesten Hightech-Effekten ausgestattet.

Was macht die Magie der Shows und den Friedrichstadt-Palast als Location aus?

Verschwenderische Pracht, hochkomplex und hochprofessionell umgesetzt in allen Bereichen, die ein Kunsterlebnis ausmachen:

Musik, Tanz und Artistik, Bühnenbild und Kostüme, Beleuchtung und Ton. Der Palast ist die meistbesuchte Bühne Berlins und das gewaltige Gebäude ist der letzte große Prachtbau, der in der DDR errichtet wurde.

Und eine besondere Magie hat doch auch dies:

Egal, welche Hautfarbe Du hast, an welchen Gott Du glaubst oder ob Du nicht glaubst, ob Du eine Behinderung hast oder nicht, ob Du oder Deine Eltern in Deutschland geboren wurden oder nicht, ob Du reich bist oder nicht – herzlich willkommen Im Palast!

Berndt Schmidt, Portrait
Intendant, Geschäftsführer und Produzent des Friedrichstadt-Palast: Dr. Berndt Schmidt ©Patrick Gutsche

Über Dr. Berndt Schmidt

Der Intendant, Geschäftsführer und Produzent des Friedrichstadt-Palastes studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der UniversitätAugsburg, wo er 1993 mit Auszeichnung promovierte.

Nach seinem Einstieg bei der Bertelsmann AG in New York wurde er in Frankfurt am Main stellvertretender Geschäftsführer von Logic Records, einem erfolgreichen Dance-Musiklabel der Bertelsmann Music Group, und Geschäftsführer von dessen Auslandsbeteiligungen in New York und London.

Nach weiteren Managementstationen im Musik- und Filmbereich wechselte der Kulturmanager in die besondere Welt des Theaters: 2002 als Generalbevollmächtigter des Musicals ‚Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies‘ in Füssen und 2004 als Regional-Geschäftsführer Süd für die beiden Musicalhäuser Apollound Palladium-Theater in Stuttgart, die von der Stage Entertainment betrieben werden.

Seit dem 1. November 2007 ist er Intendant und Geschäftsführer des Friedrichstadt-Palastes in Berlin.

Berndt Schmidt ist außerdem verantwortlicher Produzent der Kindershows und Grand Shows des Hauses.

Jede von Berndt Schmidt seit 2008 am Haus produzierte Grand Show (Qi, Yma, SHOW ME, THE WYLD) war bisher erfolgreicher als die Vorgängerproduktion. Während Qi noch 23 Millionen Euro Kartenumsatz machte und 541.000 Gäste erreichte, waren es bei der letzten Produktion bereits 40,8 Millionen Euro Umsatz und 776.000 Gäste.

Für seine fünfte große Produktion konnte er Jean Paul Gaultier als Kostümdesigner gewinnen und gab ein Produktionsbudget von über 11 Millionen Euro frei. Das macht die THE ONE Grand Show erneut zur teuersten Ensuite-Showproduktion in Europa.

Dieses Interview erschien erstmals im eMagazin von AusserGewöhnlich Berlin der Ausgabe 02/2017.

Der AusserGewöhnliche Friedrichstadt-Palast ist die größte Theaterbühne der Welt und mit 700.000 Besuchern jährlich die meistbesuchte Bühne Berlins.

Die Gründer des Friedrichtstadt-Palastes wurden in der NS-Zeit aufgrund ihrer jüdischen Abstammung und ihrer Sexualität verfolgt. Diese Zeit zählt zu den grausamsten Jahren in der Geschichte. Und dennoch werden heute Vorurteile und Hasstiraden ohne Scham im Internet gepostet.

Vor diesem Hintergrund spricht Dr. Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palasts, mit uns über Vielfalt, Freiheit und Demokratie und über seine Initiative „Respect each other“.

Was ist das Ziel der Initiative „Respect each other“?

Wir leben in Zeiten, in denen dumpfe Emotionen wieder hoffähig werden, wo aus Berechnung gelogen wird und Menschen mit ähnlichen Merkmalen in einen Topf geworfen werden, nur weil 0,001 Prozent von ihnen etwas Schlimmes verbrochen haben. Und diese besorgten Hassbürger ernten dafür auch noch Kopfnicken.

Initiative "Respect eacht other", Friedrichstadt-Palast
Die Initiative „Respect each other“ vor dem Friedrichstadt-Palast ©Pedro Becerra

Noch vor wenigen Jahren wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, platte Selbstverständlichkeiten wie ‚Respect each other‘ auf bunte Fahnen zu schreiben.

Aber als vor etwa drei Jahren jeden Montag über die Reinhardtstraße – Reinhardt war jüdischer Theaterunternehmer – antiisraelische und im Kern antisemitische Demonstrationen bei uns am Haus vorbei kamen, auf ihrem Weg zur von Nazis geschändeten Synagoge in der Oranienburger Straße, da spürte ich erste Anzeichen, dass sich was dreht.

Seitdem scheißt ein nationaler und auch internationaler Mob die sozialen Medien voll.

Früher haben sie sich versteckt oder hinter vorgehaltener Hand getuschelt, weil das gesellschaftlicher Selbstmord gewesen wäre. Heute posten sie unter vollem Namen und mit Angabe ihres Arbeitgebers derart pauschale Vorurteile und Hasstiraden, dass einem als geschichtsbewusstem Menschen ganz anders wird.

Wir sind Zeitzeugen davon, wie gerade mühsam errichtete zivilisatorische Dämme brechen.

Ich bin überzeugt davon, dass die Jahre ab 2013 in die Geschichte eingehen.

Nach den antisemitischen Demonstrationen wurde ich Mitglied im Forum gegen Antisemitismus und für Demokratie. Aber nach den populistischen Wahlerfolgen in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Polen, Ungarn und USA war mir das ein bisschen wenig.

Der Friedrichstadt-Palast ist auch nach Gästen die größte Bühne Berlins. Wir sind ein Volkstheater im besten Sinne. Zu uns kommen alle Alters-, Gesellschafts- und Bildungsschichten. Ohne den Zeigefinger zu heben und ohne beispielsweise pauschal alle AfD-Politiker*innen und Wähler*innen in die Nazi-Ecke stellen zu wollen, bitten wir die 700.000 Gäste, die zu uns kommen, um gegenseitigen Respekt, um differenziertes Argumentieren, um Faktentreue.

Wenn Männer ihre Ehefrau auf der Straße bei lebendigem Leib anzünden und töten, im Auto hinter sich her schleifen oder eine junge Studentin vergewaltigen und töten, dann sind das widerliche Taten von widerlichen Menschen, denen das Gesetz mit seiner ganzen Härte in die Fresse springen muss. Aber weil diese Menschen zufällig keine „Arier“ sind, heißt es nicht, dass alle Menschen, die aus diesen Herkunftsländern kommen oder Flüchtlinge sind, solche Tiere sind.

Unsere deutschen Abendland- und Kulturverteidiger sollten immer dran denken, dass die grausamsten und beispiellosesten Verbrechen der Menschheitsgeschichte von deutschen „Ariern“ begangen wurden.

Deutsche haben Mütter mit ihrem Baby auf dem Arm ins Gas geschickt oder nackt beim Appell in der Kälte erfrieren lassen. Die Nazis und wir Nachfahren können froh sein, dass es damals keine Farbaufnahmen und Handyvideos gab, denn das wären die grausamsten Aufnahmen der Welt. Wir Deutschen wollen, dass die Welt differenziert auf uns blickt. Auch ich möchte, dass ich als 1964er Jahrgang nicht mit den Nazi-Verbrechern in einen Topf geworfen werde.

Aber dann können Afghanen oder Afrikaner es wohl auch erwarten, dass wir sie nicht für die Taten von Wenigen in Sippenhaft nehmen und pauschal verurteilen.

Was hat die Initiative mit dem Friedrichstadt-Palast als Location zu tun?

Max Reinhardt, Erik Charell und Hans Poelzig, die 1919 die Bühnengeschichte des Friedrichstadt-Palastes begründeten, waren später als Juden, Homosexuelle und ‚entartete‘ Künstler allesamt Verfolgte der Nationalsozialisten.

Unter dem Namen „Theater des Volkes“ war der Friedrichstadt-Palast die größte NS-Propagandabühne des Dritten Reiches.

FSP_palast-berlin_09-2016_web WP
Der Friedrichstadt-Palast kämpft für Vielfalt, Freiheit und Demokratie ©Soenne

Bis 1990 war der Friedrichstadt-Palast das Vorzeigeunterhaltungstheater der DDR. Wir haben also zwei Mal gesehen, dass Freiheit und Demokratie nicht einfach ‚da‘ sind, sondern über Nacht verloren sein können.

Vor dem Hintergrund unserer Geschichte stehen wir daher als Friedrichstadt-Palast bewusst und kämpferisch ein für Vielfalt, Freiheit und Demokratie.

Brauchen Berliner mehr Respekt, oder warum startet die Initiative in der Hauptstadt?

Nicht pauschal zu sein, heißt auch, nicht Berliner*innen über einen Kamm zu scheren. Aber so verdammt tolerant und cool wie Berlin glaubt zu sein, ist es auch nicht, insbesondere nicht an den Rändern der Stadt. Populisten gibt es mit fast gleichen Stimmanteilen bei Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, in Berliner Randbezirken und meiner alten Heimat Baden-Württemberg.

Die Initiative starten wir hier, weil der Friedrichstadt-Palast in Berlin ist und Berlin gerade international für etwas steht – als Reichshauptstadt des Holocaust und als Zentrum einzigartiger Aggression und wahnhafter Überlegenheitsgelüste. Ich habe meine Großeltern immer vorwurfsvoll gefragt, mein Gott, was habt Ihr Pfeifen denn ab 1933 dagegen gemacht. Und was mache ich? Ich mache ein Fähnchen mit einem Spruch. Klingt ausbaufähig, aber es haben sich eben doch wunderbare Menschen angeschlossen und damit wird es mit Leben und Wert erfüllt.

Das Böse gewinnt nicht, weil es stärker ist, sondern nur, wenn das Gute vor sich hindöst und sich nicht in den Weg stellt.

Bereits vor den ‚Colours of Respect‘ wurde am Haus die ‚Pinke Liste‘ installiert. Was hat es mit ihr auf sich?

Wir sind tolerant, aber gegenüber Intoleranz sind wir intolerant.

Zuschauerraum, Palast
Der Saal des Friedrichstadt-Palastes ©Marco Winiarski

Seit 2014 werden zu Premieren des Palastes keine Botschafter*innen mehr aus Ländern eingeladen, die von Staats wegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminieren. Das werden wir auch in Zukunft so handhaben und beobachten. Auf unserer ‚Pinken Liste‘ standen in 2016 erschreckende 76 Staaten. Es ist niemandem zuzumuten, mit Menschen im gleichen Raum zu feiern, die Staaten repräsentieren, in denen Menschen hingerichtet, verstümmelt, gedemütigt oder eingesperrt würden oder unter Strafandrohung nicht öffentlich über ihre normale, aber nicht mehrheitliche, sexuelle Orientierung sprechen oder diese nicht zeigen dürfen.

Wie würden Sie den Friedrichstadt-Palast einem Touristen / Berliner beschreiben?

Wir gestalten modernes Show-Entertainment in enormen Dimensionen. Wenn ich eine Schublade wählen soll, würde ich unsere Arbeit als populäre Kultur bezeichnen. Es ist eine moderne Art der Erzählung, die uns abhebt von dem, was bisher sogenannte E-Kultur ist.

Wir erzählen schneller und mit modernsten Mitteln. Wir zelebrieren bewusst das Positive und die Schönheit.

In zehn Jahren soll der Besuch des Friedrichstadt-Palastes für jeden Berlin-Besucher, auch für internationale Gäste, ein Muss sein. Gerade bei der internationalen Bekanntheit haben wir noch viel Luft nach oben, obwohl man kein Deutsch sprechen muss, um unsere Grand Shows zu genießen. Aber die New York Times ist schon mal von den Socken und empfiehlt uns als ‚Must-See‘ für jeden Berlin-Besuch. Auch der doch eher kritische Lonely Planet schwärmt vom ‚Glamour à la Las Vegas‘.

Welche Superlative beschreiben Euch?

The One - Grand Show, Friedrichstadt Palast in Berlin
THE ONE Grand Show im Friedrichstadt-Palast in Berlin ©Tobias Schwarz

Über 100 Künstler*innen auf der größten Theaterbühne der Welt. Mehr geht weltweit im Ensuite-Theaterbetrieb nicht, höchstens mal bei Eröffnungsfeiern zu Olympia. Außerdem hat der Friedrichstadt-Palast das größte Kinder- und Jugendensemble Europas. Unsere Grand Shows sind hochmodern in ihrer Ästhetik und mit den allerneuesten Hightech-Effekten ausgestattet.

Was macht die Magie der Shows und den Friedrichstadt-Palast als Location aus?

Verschwenderische Pracht, hochkomplex und hochprofessionell umgesetzt in allen Bereichen, die ein Kunsterlebnis ausmachen:

Musik, Tanz und Artistik, Bühnenbild und Kostüme, Beleuchtung und Ton. Der Palast ist die meistbesuchte Bühne Berlins und das gewaltige Gebäude ist der letzte große Prachtbau, der in der DDR errichtet wurde.

Und eine besondere Magie hat doch auch dies:

Egal, welche Hautfarbe Du hast, an welchen Gott Du glaubst oder ob Du nicht glaubst, ob Du eine Behinderung hast oder nicht, ob Du oder Deine Eltern in Deutschland geboren wurden oder nicht, ob Du reich bist oder nicht – herzlich willkommen Im Palast!

Berndt Schmidt, Portrait
Intendant, Geschäftsführer und Produzent des Friedrichstadt-Palast: Dr. Berndt Schmidt ©Patrick Gutsche

Über Dr. Berndt Schmidt

Der Intendant, Geschäftsführer und Produzent des Friedrichstadt-Palastes studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der UniversitätAugsburg, wo er 1993 mit Auszeichnung promovierte.

Nach seinem Einstieg bei der Bertelsmann AG in New York wurde er in Frankfurt am Main stellvertretender Geschäftsführer von Logic Records, einem erfolgreichen Dance-Musiklabel der Bertelsmann Music Group, und Geschäftsführer von dessen Auslandsbeteiligungen in New York und London.

Nach weiteren Managementstationen im Musik- und Filmbereich wechselte der Kulturmanager in die besondere Welt des Theaters: 2002 als Generalbevollmächtigter des Musicals ‚Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies‘ in Füssen und 2004 als Regional-Geschäftsführer Süd für die beiden Musicalhäuser Apollound Palladium-Theater in Stuttgart, die von der Stage Entertainment betrieben werden.

Seit dem 1. November 2007 ist er Intendant und Geschäftsführer des Friedrichstadt-Palastes in Berlin.

Berndt Schmidt ist außerdem verantwortlicher Produzent der Kindershows und Grand Shows des Hauses.

Jede von Berndt Schmidt seit 2008 am Haus produzierte Grand Show (Qi, Yma, SHOW ME, THE WYLD) war bisher erfolgreicher als die Vorgängerproduktion. Während Qi noch 23 Millionen Euro Kartenumsatz machte und 541.000 Gäste erreichte, waren es bei der letzten Produktion bereits 40,8 Millionen Euro Umsatz und 776.000 Gäste.

Für seine fünfte große Produktion konnte er Jean Paul Gaultier als Kostümdesigner gewinnen und gab ein Produktionsbudget von über 11 Millionen Euro frei. Das macht die THE ONE Grand Show erneut zur teuersten Ensuite-Showproduktion in Europa.

Dieses Interview erschien erstmals im eMagazin von AusserGewöhnlich Berlin der Ausgabe 02/2017.

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