ICC Außenansicht

Seit Dezember 2015 dient das ICC als Notunterkunft ©AusserGewöhnlich Berlin

Politische Mäuselöcher – Flüchtlinge im ICC

Bei einem Salon von Aussergewöhnlich Berlin spricht Alexander Wolf mit Jenny Rumohr, Leiterin der Notunterkunft im ICC, über Lobbyarbeit, Mäuse im ICC und Integration.

Was genau betreibt ihr im ICC?

Wir sind eine Notunterkunft und betreiben für die Stadt Berlin ein Camp mit einer Kapazität für 560 Menschen. Das Camp ist vom Aufbau her relativ simpel gestrickt: „trocken, warm, satt“. Eigentlich sollen die Menschen nicht länger als drei bis sechs Monate in den Notunterkünften bleiben, aber wie wir es von Berlin kennen, dauert das schon ein bisschen länger.

Die eine oder andere Familie lebt schon seit über anderthalb Jahren im ICC.

Jenny Rumohr bei einem Salon von AusserGewöhnlich Berlin

Jenny Rumohr, Malteser Hilfsdienst gGmbH und Leiterin der Notunterkunft im ICC ©AusserGewöhnlich Berlin

Viele werden mir zustimmen, dass „trocken, warm, satt“ schnell nicht mehr genug ist. Deshalb haben wir mit 30 Mitarbeitern ein Betreuungskonzept aufgestellt, und das in einem Haus, was seit 40 Jahren in Betrieb ist und seit drei Jahren mehr oder weniger stillliegt.

Wo mal der Strom ausfällt, mal der Aufzug nicht funktioniert oder wir einen Rohrbruch haben, der bis unter die Autobahn geht.


Salon im ICC

Aussergewöhnlich Berlin bei einem Saloon im ICC Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Zusätzlich leben hier momentan 250 Flüchtlinge mit einer schlechte Bleibeperspektive. Flüchtlinge mit einer guten Bleibeperspektive kommen im Umland von Berlin unter, während sich Flüchtlinge mit einer schlechten Bleibeperspektive in Berliner Notunterkünften aufhalten. Wir haben mit der Betreuung sehr viel zu tun. Von der Hausaufgabenhilfe bis hin zum Ballettunterricht hat unser Ehrenamt viel anzubieten.

ICC Notunterkunft

In der Notunterkunft im ICC versorgen die Malteser Geflüchtete ©AusserGewöhnlich Berlin

Und was müsste die Gesellschaft machen, damit die Integration besser funktioniert?

Über die Hilfsbereitschaft der Gesellschaft können wir uns nicht beklagen. Wir hatten von Oktober bis März eine wahnsinnige Hilfewelle. Über 1000 Menschen sind ehrenamtlich zur Messehalle und in das ICC gekommen, obwohl das hier wirklich kein einladendes Gebäude ist. Dort, wo die Flüchtlinge leben, gibt es keine Fenster. Das heißt es gibt kein Tageslicht und nur künstliche Belüftung.

Notunterkunft im ICC

Blick aus der Notunterkunft im ICC ©AusserGewöhnlich Berlin

Man geht als Fußgänger nicht spontan an die Eingangstür des ICC und fragt: „Hi, was passiert hier überhaupt?“.

Ich glaube, dass 80% der Berliner gar nicht wissen, dass außer vielleicht Mäusen, irgendjemand im ICC lebt. Das größere Problem unserer Gesellschaft ist, dass die Menschen nicht aufeinander zugehen. Auch die politischen Rahmenbedingungen sind dementsprechend gestrickt: Es gibt Strukturen, welche Menschen auffangen und integrieren sollen. Jedoch führen diese Strukturen dazu, dass sich Grüppchen bilden, die unter sich bleiben. Das macht es den Geflüchteten ziemlich schwer, neue Menschen kennen zu lernen.

Sachen im ICC

Sachen für Geflüchtete im ICC ©AusserGewöhnlich Berlin

Eigentlich hatten Sie sich bei den Maltesern für Lobbyarbeit beworben. Aber aus dem Bewerbungsgespräch sind Sie mit der Leitung für ein Flüchtlingslager gekommen! Wenn Sie jetzt Lobbyistin wären und jemand sagt: „Entwirf uns jetzt ein Gesetz für Integration.“ Was müssten wir jetzt tun?

Integration ist für mich ein 4-Generationen-Thema, das 10 – 30 Jahre dauert. Das Problem ist aber, dass wir gerade eine verlorene Generation haben: Menschen, die 35 Jahre alt sind und niemals schnell genug Deutsch lernen werden, um sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt integrieren zu können.

Fußabdruck ICC Notunterkunft

Erwachsene und auch Kinder leben im ICC ©AusserGewöhnlich Berlin

Was wir aber haben, und wo ich unser Potential sehe, ist eine Generation voller Kinder. Kinder, die hier in die Schule gehen, schon Deutsch sprechen und voll motiviert sind. Momentan sind die Strukturen, um das Potential der Kinder auszubauen, noch verbesserungswürdig.

Es gibt Willkommensklassen, wo die Flüchtlingskinder alle auf einem Haufen sind und gar keine Chance haben deutsche Kinder kennen zulernen, um sich auch integrieren zu können. Und genau da würde ich ansetzen.


Spielzeug im ICC

Spielzeug in der Berliner Notunterkunft im ICC ©AusserGewöhnlich Berlin

Deshalb ist euer Modell der Integrationslotsen ein Schritt in die richtige Richtung?
Genau. Wir haben bundesweit ein Patenschaftsprogramm aufgestellt, bei dem Integrationslotsen Geflüchteten helfen. Sie können sich selbst überlegen, in welchem Rahmen.
Das können kleine oder große Sachen sein. Zum Beispiel gibt man einmal im Monat Deutsch-Nachhilfe oder man hilft einer syrischen Familie dabei, eine bezahlbare Wohnung in Berlin zu finden.

Um Freundschaften schließen zu können, sollte schon von Anfang an eine Grundsympathie zwischen beiden Parteien bestehen. Deshalb achten wir darauf, dass sich die Integrationslotsen bei der ersten Begegnung genug Zeit nehmen, ihren anvertrauten Flüchtling kennen zulernen.

Basteln in Notunterkünften im ICC

Jenny Rumohr: Ich würde in Willkommensklassen ansetzen ©AusserGewöhnlich Berlin

Wenn Sie mehr über die Malteser und das ICC erfahren möchten, lesen Sie HIER.

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