Die heiße Eisprinzessin von Kreuzberg

Christopher Jahns über Berliner, die ihre Arbeit wirklich lieben - und das in Eiscreme ausdrücken.

Christopher Jahns eisprinzessin

 

Sommer in Berlin – kann heiß werden. Dann ab um die Ecke: Bergmann-Kiez. Pünktlich zur Saison hat dort die „Eis-Manufaktur“ eröffnet. Manufaktur?

Das letzte Mal als ich in einer Manufaktur war, war das die Maybach-Manufaktur in Dresden. Der Name machte neugierig, also ging ich hin – und traute meinen Augen nicht. Da gab es nicht das übliche Erdbeer, Vanille, Zitrone im Zinkbottich, sondern Zuckerwatte-Eis für meine Tochter und für mich Caipirinha-Eis. Phantastisch. Noch phantastischer ist die Eisprinzessin.

Bei 32 Grad im Schatten, Sonntagsarbeit und einem tobenden Mob vor dem Tresen strahlte sie uns mit einem geradezu entrückten Lächeln an. Sie löffelte nicht die verschwitzter Strähne aus der Stirn pustend wie vergleichbares Personal in (nicht) vergleichbaren Einrichtungen ihr Eis bollenweise aus dem Zuber. Sie zelebrierte den blinkenden Portionierer wie Karajan schwingend jede einzelne Kugel als wäre es die Morgengabe der Götter. Es fühlt sich an wie der Ritterschlag der Queen, wenn sie dir die Tüte überreicht. Sie macht aus Eis ein Event. Ich hätte ihr für die zwei Portionen auch 20 Euro gegeben, so beglückt waren wir von ihrer Erscheinung.

Wie kriegt man so eine Prinzessin an den Tresen?

Menschenskind, wenn ein Automobilhersteller lauter solche Verkäufer hätte, gäbe es in zwei Jahren keine andere Automarke mehr. Es war an einem Sonntagmittag und ich fragte sie beim Gehen: „Wie lange müssen Sie heute?“ – „Bis zum Abend“, strahlte sie. Am Abend war es immer noch kesselheiß, also schauten wir aus reinem Selbsterhaltungstrieb nochmal vorbei. Wieder war eine monströse Schlange vor dem Laden und als wir uns anstellten, konnten wir kaum die kleine wirbelnde Gestalt ganz weit vorne ausmachen – aber sie winkte. Und lächelte uns zu. Uns! Kennedy hat damals nicht halb so viel Begeisterung unter Berlinern ausgelöst. Und das nach acht Stunden auf den Füßen (sie, nicht er).

Das ist unmenschlich, das ist übermenschlich. Das haut einen um. Wie wird man so ein Mensch?

Macht das die genetische Grundhaltung? Weint die auch mal? Oder flucht, wenn ihr der Boss’ne Doppelschicht aufdrückt?

Die Menge vor der Manufaktur erlebte nur die Wirkung der Prinzessin auf die Menge. Wirklich jede(r) ging mit einem seligen Lächeln vom Tresen. Aber wenn das schon auf uns Normalsterbliche, von der allmächtigen Sozialisation affektiv ums sozialverträgliche Mittelmaß eingepegelte Menschen so belebend wie eine Frischzellenkur wirkt – wie wirkt das erst auf jene, die direkt an der Quelle sitzt, auf die Frohnatur, auf Little Miss Sunshine selbst?

Ecstasy muss dagegen wie schales Blubberwasser wirken.

Leonardo da Vinci scheiterte am Perpetuum mobile – die Eisprinzessin hat’s entdeckt. Während wir anderen im Schatten unserer Seriosität stets nach sozial akzeptablen Ausreden suchen, um von der verordneten Sauerbiernorm auch nur ein Iota nach oben abzuweichen, ist sie grundlos, haltlos, ausnahmslos – und ausgerechnet auch noch bei der Arbeit! – ansteckend fröhlich. The only way to be. Freude braucht kein Antecedent. Freude ist die Vorbedingung der Freude.

Oder wie Mascha Kaléko sagte: „Ich freue mich, dass ich … Dass ich mich freu.“ Das ist verrückt? Nein, das ist Mut.

 

www.eismanufaktur.de

 

Den Mut wünsche ich uns,

Euer Christopher Jahns