Dirk Müller Remus über Auticon im Interview

Geschäftsführer von Auticon: Dirk Müller-Remus ©AusserGewöhnlich Berlin

Handicap mit Mehrwert – auticon

Dirk Müller-Remus spricht über die Hintergründe von Auticon, seine Erfahrungen und wie ein Handicap zu einem echten Mehrwert werden kann.

Mindestens 80% aller Autisten sind arbeitslos – trotz akademischer Abschlüsse, besonderer Fähigkeiten und gutem Fachwissen. Sie finden keine Arbeit, weil sie nicht so mit Menschen können. Soziale Defizite als Jobkiller.

Der AusserGewöhnliche Berliner Dirk Müller-Remus wollte das ändern. Heute leitet er „auticon“ – ein sehr erfolgreiches Unternehmen aus Berlin, dessen IT-Consultants ausschließlich Menschen im Autismus-Spektrum sind.

Im Interview spricht er über seine Hintergründe, Erfahrungen und wie ein  Handicap zu einem echten Mehrwert werden kann.

Wie entstand die Idee zu auticon?

Nachdem 2007 eines meiner vier Kinder im Alter von 14 Jahren mit dem Asperger-Syndrom (mildere Form von Autismus) diagnostiziert wurde, begann ich mich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen. Der entscheidende Moment war aber der Besuch einer Selbsthilfegruppe. An diesem Tag im Frühjahr 2008 ging es um das Thema „Autismus und Arbeit“. Die anwesenden 25 Autisten im Alter zwischen 25 und 50 Jahren berichteten nacheinander über ihre ganz persönlichen Erfahrungen und ihren Werdegang im Berufsleben.

Am Ende dieser Runde war klar, dass allesamt arbeitslos waren, obwohl sie eine gute Schulbildung und teilweise akademische Abschlüsse vorweisen konnten.

Es lag schlichtweg nicht an mangelndem Fachwissen, sondern an den Autismus-typischen Problemen in der sozialen Interaktion und Kommunikation. Sie verstehen oftmals nonverbale Signale nicht, verstehen Gesagtes wortwörtlich und kommen mit als selbstverständlich vorausgesetzten sozialen Regeln nicht klar. Zudem fällt es ihnen schwer, sich in einen Gesprächspartner hineinzuversetzen. Außerdem können sie sich nicht positiv „verkaufen“, z.B. in Bewerbungsgesprächen. Das alles führt dazu, dass mindestens 80% aller Autisten arbeitslos sind.

Nachdem mir das alles bewusst wurde, entschloss ich mich, diese Situation zu verändern.

Bereits einige Monate später im Juli 2008 entstand die Grundidee zu auticon, bis zur Gründung dauerte es dann aber doch noch bis zum November 2011.

Autisten sind ehrlich

Autisten sind gnadenlos ehrlich ©AusserGewöhnlich Berlin

In einer digitalen Welt, wo Menschen immer weniger real miteinander kommunizieren: inwiefern ist Autismus noch ein Handicap?
Tatsächlich kommt den Autisten eine Kommunikation über digitale Medien zugute. Generell kommunizieren sie in der Regel schriftlich deutlich besser, als verbal. Dennoch lauern auch hier einige Fallstricke. Beispielsweise sehen wir manchmal, dass Autisten sich unglaublich schwer damit tun, offizielle E-Mails zu formulieren. Alleine schon die Anrede kann in größeren Unternehmen zu einem echten Problem werden. Schreibt man „Sehr geehrter“ oder „Lieber“ oder „Hallo“ und adressiert man den Nachnamen (mit Titel, ohne Titel?) oder reicht der Vorname?
Dies alles kann in zusammengewürfelten Projektteams einfacher werden, weil man sich dort der Einfachheit halber meistens duzt.

Spezialinteressen von Autisten
intrinsisches Qualitätsbewusstsein ©AusserGewöhnlich Berlin

Welche Begabungen können Menschen mit Autismus am Arbeitsplatz besonders gut entfalten?
Zunächst einmal haben insbesondere so genannte Asperger-Autisten ein bis zwei Spezialinteressen, das heißt, auf diesen Gebieten verfügen sie über ein umfangreiches und tiefes Fachwissen.

Bei auticon sollte eine Leidenschaft für IT vorliegen.

Auf Basis dieses Spezialwissens überzeugen Autisten mit einer ausgeprägten logisch-analytischen Denkweise und verknüpfen diese mit einer besonderen Befähigung zur Mustererkennung. Diese Stärke wird insbesondere bei großen Datenmengen relevant, wenn es darum geht, hintergründige Muster zu erkennen und davon ausgehend sinnvolle Schlussfolgerungen zu ziehen.

Autisten verfügen zudem über ein intrinsisches Qualitätsbewusstsein, das heißt, sie suchen nicht unbedingt nach Fehlern, sie sehen sie unmittelbar.

Das ist natürlich sehr gut in allen betrieblichen Bereichen nutzbar, wo es generell um Qualitätsmanagement im weitesten Sinne geht.
Und schließlich sind Autisten gnadenlos ehrlich. Das ist natürlich im betrieblichen Alltag nicht immer ganz unproblematisch, aber es vereinfacht die Kommunikation enorm und macht unsere Mitarbeiter unbestechlich. Alle diese Stärken und Fähigkeiten können Autisten zu wertvollen Mitarbeitern auf dem ersten Arbeitsmarkt machen.

Wie kann man in Zukunft Menschen mit Autismus mehr und besser fördern?
Menschen im Autismus-Spektrum weisen besondere Stärken auf, die für potenzielle Arbeitgeber sehr interessant sein können. Da Autisten in der Regel kaum Erfahrungen im Berufsleben vorweisen können, fehlt es ihnen insbesondere an einem Verständnis für die sozialen und methodischen Anforderungen in der Arbeitswelt. Hier sehe ich einen Ansatz, diese Kompetenzen Autismus-spezifisch gezielt zu fördern, um Autisten besser auf das Arbeitsleben vorzubereiten. Wenn es dann noch gelingt, Unternehmen den besonderen Mehrwert von Autisten zu erläutern, sollte es möglich sein, viel mehr Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft zu schaffen.

 

Über Dirk Müller-Remus
Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik in Frankfurt am Main startete Dirk Müller-Remus bei Siemens als Software-Entwickler und Projektmanager.  Nach fünf Jahren wechselte er zu DeTeWe / Mitel und verantwortete über zwölf Jahre hinweg unterschiedliche Management-Positionen als Mitglied der Geschäftsleitung. Bei dem Medizintechnik-Startup NovaVision war er danach sieben Jahre als Geschäftsführer tätig. Während dieser Zeit wurde im Jahr 2007 bei einem seiner Kinder das Asperger-Syndrom (eine mildere Form von Autismus) diagnostiziert. Das völlig verzerrte Bild von Autisten und ihre desolate Situation im Arbeitsleben (80% sind ohne Arbeit) führte in 2008 zu der auticon-Geschäftsidee.
auticon wurde im November 2011 gegründet, beschäftigt per 07/2017 insgesamt 103 Mitarbeiter (darunter 72 im Autismus-Spektrum) an 6 Niederlassungen in Deutschland und eröffnete in 2016 Standorte in London und Paris.

Dieser Artikel wurde erstmals im eMagazin von AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 12/2016 veröffentlicht.

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