Thomas Fehrle im Interview

Die Deutsche Oper Berlin in Charlottenburg ©Bettina Stöß

Neues Haus, neue Regeln – Deutsche Oper Berlin

Thomas Fehrle, Direktor der Deutschen Oper, erklärt uns im Interview, wie alte Themen auch heute noch brandaktuell sein können und warum die Liebe zu drei Orangen die Seele Berlins wiederspiegelt.

Die Deutsche Oper Berlin ist das größte der drei Opernhäuser in Berlin und eines der aussergewöhnlichsten Deutschlands.

Thomas Fehrle, Direktor der Deutschen Oper, erklärt uns im Interview, wie alte Themen auch heute noch brandaktuell sein können und warum die Liebe zu drei Orangen die Seele Berlins wiederspiegelt.

Seit 2011 sind Sie Geschäftsführender Direktor der Deutschen Oper Berlin. Was fasziniert Sie an kulturellen Veranstaltungen?
Das Einmalige an Theatervorstellungen jeglicher Art ist, dass sie live stattfinden. Dem Publikum im Zuschauerraum stehen zeitgleich lebendige Menschen auf der Bühne gegenüber, auch im Graben sitzen Musiker, die live ihre Instrumente spielen – und aus dieser Melange entsteht jedes Mal eine etwas andere Aufführung.

Foyer, Deutsche Oper
Berlin erleben in der Deutschen Oper Berlin ©Leo Seidel

Kein Abend ist exakt wie der andere, und daraus entsteht höchste Spannung und großes Vergnügen für mich.

Die Deutsche Oper gilt als die Modernste der drei Opern in Berlin. Woran wird das festgemacht?

Schon ihre Gründung durch Charlottenburger Bürger im Jahr 1912 war etwas Besonderes. Denn viele Opern sind – wie auch die Staatsoper – als Höfische Theater einer feudalen Tradition verpflichtet.

Hier ging es aber darum, ein bürgerliches Gegenmodell zu etablieren, das beste Bedingungen für die großen Opern Wagners und Verdis bieten sollte.

Theatersaal, Deutsche Oper Berlin
Architektonische Glanzleistung ©Leo Seidel

Nach dem Krieg wurde der Neubau der Deutschen Oper Berlin von Fritz Bornemann im Stil der damals revolutionären Nachkriegsmoderne gestaltet – mit bester Sicht und Akustik auf allen Plätzen! Das schafft einen idealen Rahmen für zeitgenössische Werke und Interpretationen von aktueller Relevanz, die sich an breit gefächerte Zuschauergruppen wenden. Die Deutsche Oper verfügt über ein außergewöhnlich breites Repertoire mit unterschiedlichen Regiehandschriften.

Sie haben auf Ihrer Homepage einen Blog integriert, indem Sie über aktuelle Stücke und Künstler berichten. Wollen Sie die Deutsche Oper so an den digitalen Lifestyle anpassen?
Ich glaube, da muss man gar nichts anpassen, sondern das sind heute die gerne genutzten Wege, sich über Veranstaltungen und ihre Hintergründe zu informieren. Und da wir nicht nur gedruckte Interviews, sondern auch lebendige Probeneindrücke von unseren Produktionen haben, ist es nur selbstverständlich, sie als Videos und Texte auf unserer Website zu präsentieren.

Welches Stück spiegelt am besten die Seele Berlins wieder und warum?
Ach, schwer zu sagen, das hängt sehr vom jeweiligen Blickwinkel ab. Aber ein gutes Beispiel ist Robert Carsens Inszenierung „Die Liebe zu den drei Orangen“.

Geschrieben von einem russischen Komponisten nach einer italienischen Vorlage, gesungen in französischer Sprache und uraufgeführt in den USA

ist Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ vermutlich das internationalste unter den Erfolgsstücken des Opernrepertoires. Die skurrile Geschichte um den liebeskranken Prinzen und seine Orangenprinzessin ist jedoch nicht nur eine Märchenoper, sondern auch ein Stück über das Theater selbst: der kanadische Starregisseur Robert Carsen zeigt eine zweistündige Tour de force durch die Berliner Theater- und Showgeschichte von Brecht bis Berlinale –

witzig, rasant, satirisch und garantiert unterhaltsam.

Foyer, Deutsche Oper
Tradition in modernen Räumen ©Bettina Stöß

Wie lassen sich alte Traditionen am besten mit modernen Neuerungen verbinden?
Die Uraufführung von Andrea Scartazzinis „Edward II.“ nimmt z.B. den alten Stoff um den umstrittenen mittelalterlichen König und erhebt seine Biografie nun zur großen Oper. Das neue Werk rückt die Beziehung von Edward II. zu Piers de Gaveston in den Mittelpunkt: Ein schwuler König erhebt seinen Freund aus Kindertagen zum Geliebten und zweitwichtigsten Mann im Lande. Die Ehe des Königs zerbricht, die Adligen und das Volk revoltieren, bis der König schließlich ermordet wird.

Es geht um einen Außenseiter, der seine Macht schamlos ausnutzt – da muss man nicht lange nachdenken, um die Bezüge zur Gegenwart zu sehen.

Und so geht es ganz oft im Musiktheater – alte Themen, die in lebendigen Interpretationen ganz aktuell sind! Da ist Theater wirklich unschlagbar drin.

Ihr Wunsch an Berlin?

Dass möglichst viele Menschen ihr Herz für neue Erfahrungen in der Kunst aufmachen

und tief greifende Erlebnisse in unserem Opernhaus, aber auch in anderen Theatern, Konzertsälen und Museen haben. Das bereichert sehr das eigene Lebensgefühl und schärft den Blick für Menschen, auch außerhalb der Kunsträume.

Intendant, Thomas Fehrle, Portrait
Geschäftsführender Direktor der Deutschen Oper Berlin: Thomas Fehrle ©Peter Badge

Über Thomas Fehrle
Thomas Fehrle wuchs in Hamburg auf und beendete 1989 sein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Lüneburg. Anschließend war er Trainee in der kaufmännischen Verwaltung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Von 1990 bis 1991 war er als Vertriebsleiter beim Trägerverein Kampnagel e. V. Hamburg tätig. Von 1992 bis zum Frühjahr 1994 leitete er die allgemeine Verwaltung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. 1994 ging er nach Stralsund/Greifswald, wo er als Intendant, Verwaltungsdirektor und Geschäftsführer des Vorpommerschen Theaters und Sinfonieorchesters arbeitete.

Seit 1998 war er Verwaltungsdirektor des Staatstheaters Braunschweig, ab 2004 zusätzlich stellvertretender Generalintendant des Staatstheaters. Thomas Fehrle ist Mitglied im Vorstand des Landesverbandes Nord des Deutschen Bühnenvereins und Beisitzer beim Bühnenschiedsgericht in Hamburg. Für das Staatstheater Braunschweig engagiert er sich außerdem als 2. Vorsitzender der Stiftung für das Staatstheater Braunschweig.

Seit 1. August 2011 ist Thomas Fehrle Geschäftsführender Direktor der Deutschen Oper Berlin.

 

Dieser Artikel erschien erstmals im eMagazin von AusserGewöhnlich Berlin in der Ausgabe 02/2017.

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