Denis Leo Hegic gibt eine Führung bei Monumenta Leipzig

Denis Leo Hegic, Kurator von Monumenta Leipzig ©AusserGewöhnlich Berlin

Warum Selbstdarstellung irgendwie dreckig sexy ist – Berlin Art Week

Kurator Denis Leo Hegic (Monumenta Leipzig) erzählt über die Leistungsschau der Etablierten und was man auf der Berlin Art Week nicht verpassen sollte

  • Berlin gilt weltweit als einer der wichtigsten und innovativsten Standorte im Bereich der Kunstproduktion: Es leben über 6000 bildende Künstlerinnen und Künstler in der Stadt und es werden über 300 Galerien für zeitgenössische Kunst betrieben.
  • Der Drang zur Selbstdarstellung und die ganze Verlogenheit des glitzernden who-is who Kunstmarktes hat auch eine dreckige Sexyness an sich.
  • Vier Berlin-Tipps: Für die one-to-one Erfahrung die Studios von Marina Zumi und Hans-Peter Adamski. Und für die baller-dich-weg-total-experience die Sammlungen von Julia Stoschek und Erika Hoffmann.
In den Alten Pittlerwerken in Leipzig gibt es das Street Art festival Monumenta Leipzig

HNRX bei Monumenta Leipzig ©AusserGewöhnlich Berlin

Du bist Kurator und hast schon viele Städte von ihrer Kunst-Seite erlebt: Was ist das Besondere an Berlin?

Dass die Utopien noch nicht weggezogen sind.

Welche Rolle spielt Berlin auf dem europäischen Kunstmarkt?

 Berlin gilt weltweit als einer der wichtigsten und innovativsten Standorte im Bereich der Kunstproduktion und hat sich auch dank der hohen Galeriedichte und den jährlich stattfindenden Formaten wie die Berlin Art Week zu einer der bedeutendsten Drehscheiben des Kunstmarktes in Europa entwickelt.

Und wie sieht das im internationalen Vergleich aus? Können wir bei den Großen mitspielen?

Berlin ist schon lange als globale Kunstmetropole, mit einem reichen Kunst- und Kulturangebot, etabliert.

Der Drang zur Selbstdarstellung und die ganze Verlogenheit des glitzernden who-is who Kunstmarktes hat aber tatsächlich auch eine dreckige Sexyness an sich.


Jeder Topf findet seinen Deckel. So auch die Berlin Art Week. Ich empfinde das ganze Roter-Teppich-Gehabe und die schwarzen Roben der Kuratoren als notwendiges Affentheater. Aber lasst uns bitte trotzdem nicht die Kunst vergessen und die Tatsache, dass einige der besten Künstler der Gegenwart auf der Art Week gezeigt werden.

Was sollte man unbedingt bei der Berlin Art Week sehen?

Sehen und gesehen werden bei:

  • Agnieszka Polska im Hamburger Bahnhof
  • Julian Charrière in der Berlinischen Galerie
  • EMOP Opening Days des European Month of Photography Berlin
Denis Leo Hegic, Kurator

Künstlerin Carolina Amaya (hinten) und die Kuratoren Michelle Houston und Denis Leo Hegic ©Jasa Osa

Was sind die drei Kunstorte, die man in Berlin unbedingt gesehen haben muss?

Dürfen´s wenigstens vier sein?

Für die one-to-one Erfahrung die Studios von Marina Zumi und Hans-Peter Adamski. Und für die baller-dich-weg-total-experience die Sammlungen von Julia Stoschek und Erika Hoffmann.

Welche Kunst kann auch weg?

Keine. Kunst entsteht durch den Einfluss von Musen und wir, die Sterblichen, werden wohl kaum besser als Götter urteilen können.


Ist Kunst eine Bereicherung für Berlin? Wenn ja, warum?

Ja, das ist es.

Der Berliner Galeriemarkt befindet sich seit Jahren in einem beachtlichen Wachstum und der Kunstmarkt ist ein bedeutender Standort- und Wirtschaftsfaktor für die Hauptstadt.

Selbständige Künstler, Galerien, Kunsthändler und Auktionshäuser – an die 2900 Unternehmen im Kunstbereich – schaffen über 6800 Jobs und erwirtschaften über 610 Millionen Euro Umsatz jährlich. Die Bandbreite reicht von Online-Portalen über kleine Galerien bis zu international renommierten Häusern.

Gleichzeitig ist Berlin einer der wichtigsten Orte, an denen Kunst tatsächlich “gemacht” wird.

Es leben über 6000 bildende Künstlerinnen und Künstler in der Stadt und es werden über 300 Galerien für zeitgenössische Kunst betrieben.


Ist dann der Kunstmarkt nicht völlig übersättigt?

Nein. Die Anzahl ist nicht als Übersättigung zu bewerten, sondern als Hinweis für die Erfolgschancen und die Attraktivität, die Berlin als Kunsthandel-Standort bietet.

So konnte die Galerieszene in Berlin ihre Umsätze in den letzten drei Jahren um rund 100 Mio. Euro auf 335 Mio. Euro erhöhen.

Rund 54 % der deutschlandweiten Einzelhandelsumsätze mit Kunstgegenständen und rund 17% der Umsätze bei den bildenden Künstlern werden inzwischen in Berlin erwirtschaftet.

Der Künstler Ingo Robin bei Monumenta Leipzig

Ingo Robin bei Monumenta Leipzig ©AusserGewöhnlich Berlin

Was würdest Du einem jungen Künstler empfehlen, der berühmt werden will: ist das Werk wichtiger oder die Beziehungen?

Wenn sich Kunst durch Ego definiert, hört sie auf zu existieren.

Diese ganz hohe Kunst ist gerade bei Theaterschauspielern das absolute Meisterwerk. Auf der Bühne zu stehen ist eine körperliche Arbeit, die die gesamte physische und geistige Energie einfordert. Da fällt es manchmal leicht zu denken „wow, die sind begeistert von MIR“.

Dabei hört die beeindruckende Performance genau in dem Augenblick auf, wo die Kunst personalisiert wird und das „mir“ ins Spiel kommt.

Mich beeindrucken nach wie vor am meisten Street Art Künstler, die bevorzugen, anonym zu arbeiten. Da ist die Kunst absolut von der Persönlichkeit entkoppelt.

Fazit: wenn du berühmter Künstler sein möchtest, fang erst mal mit der Kunst an. Sonst wirst du nur berühmt.


Vielen Dank für das Interview, lieber Denis Leo Hegic.

Berlin Art Week

26 – 30 September 2018

Es gibt zahlreiche Ausstellungen, Preisverleihungen und ein fettes Programm.

HIER geht’s zum Programm.

Passend zur Berlin Art Week: Kennt ihr schon die Streetart Map Berlin?

Berlin ist ein Mekka für die Kunst und Kulturszene. Aber nicht nur Ausstellungen zeigen Kunst. Sondern auch die Straßen selbst.

Die Streetart Map Berlin zeigt dir 46 Berliner Murals anhand des Berliner U- und S-Bahnnetzes, von verschiedensten lokalen und internationalen Künstlern, übersichtlich an. Quasi eine kostenlose Streetart-Führung direkt durch Berlin. Und das mit den Öffis. Die Berliner lieben eben ihre Öffis. Und Streetart.

kostenlose Streetart Touren mit der Streetart Map Berlin

Die Streetart Map Berlin

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