Zu Besuch im DDR Museum Berlin

Gordon Freiherr von Godin vor dem DDR Museum Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Warum uns die DDR einen Schritt voraus war.

Der Direktor des DDR Museums, Gordon Freiherr von Godin, erzählt uns, was die DDR mit dem Westgeld gemacht hat und wie sich der Tourismus in Berlin verändern wird.

Haben Sie eine Beziehung zur DDR?

Meine Beziehung zur DDR ist, dass ich da groß geworden bin.

 Was denken Sie, ist ein Museum über einen vergangenen Staat überhaupt noch wichtig?

Korea hat eine Mauer, in Israel gibt es eine Mauer und Trump hat vor, eine Mauer zu Mexiko zu bauen. Das Thema Mauer und Teilung scheint nach wie vor relevant zu sein.


Nicht nur deshalb hat das DDR Museum Berlin auch heute noch eine große Relevanz.

Darstellungen in einem Museum zeigen ja grundsätzlich Vergangenes, wie wir im Heute und im Morgen leben wollen. Denn Gegenwart und Zukunft nehmen immer Bezug auf das, was auch vergangen ist.

Die deutsche Geschichte ist unglaublich vielschichtig mit ihren zwei Weltkriegen aus denen heraus letzten Endes nach der Gründung der BRD auch die Gründung der DDR hervorging. Das, also die Zeigeschichte von 1949 bis 1989, wird in unserem Alltags Museum erklärt. Themen wie Stasi oder Mauer werden anderen Museen der Stadt aufgegriffen, haben in unserer Ausstellung aber auch einen wichtigen Platz.

Das DDR Museum Berlin

Zu Besuch im DDR Museum Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Warum denn Alltagsmuseum?

In den meisten Museen werden Fakten dargestellt und der Alltag nicht so sehr beschrieben. An Objekten wird gezeigt, wann bestimmte Dinge stattgefunden haben. Oftmals sehr politische.

Das DDR Museum Berlin beschäftigt sich aufgrund der jungen Historie dieses Themas mit dem Alltag. Es gibt 5 Bereiche, in die das Museum unterteilt ist. Gerade eben sind wir im Bereich Öffentliches Leben. Hier geht es um Konsum und Berufe in der DDR. Man kann beispielsweise sehen wie viel ein Bauarbeiter verdient und ein Brot gekostet hat.

Im ersten Bereich des DDR Museum Berlins: Berufe

Frauen in der DDR ©AusserGewöhnlich Berlin

Wie viele Besucher kommen zu Ihnen?

Über eine halbe Million Besucher kommen im Durchschnitt jährlich ins DDR Museum Berlin.

Das sind zwischen 1400 und 1500 Besucher am, in er Ferienzeit manchmal aber auch bis zu 2.200 Besucher täglich.

 Woher bekommen Sie die ganzen Gegenstände und Objekte aus der DDR?

Zu 99 Prozent werden uns die Objekte gespendet. Wir rufen die Bevölkerung auf, Dinge zu spenden, vielleicht nochmal auf dem Dachboden zu schauen, was sich dort versteckt, oder Opa und Oma zu fragen. Ab und zu kaufen wir auch Bestände oder Sammlungen, wenn es um rare Spezialobjekte geht.

Was befindet sich im Kofferraum in der DDR?

Das DDR Museum Berlin hat ca. 300.000 Gegenstände im Repertoire ©AusserGewöhnlich Berlin

 Ist das Repertoire nicht irgendwann mal ausgereizt?

Wir haben einen Fundus von 300.000 Objekten im DDR Museum Berlin.

Aus dieser Sammlung bedienen wir uns. Es gibt immer ein Objekt des Monats. Das ist etwas, was unser Sammlungsleiter gerne verantwortet. Ansonsten ist es eine Dauerausstellung. Der erste Teil der Ausstellung ist jetzt im zwölften Jahr. Von daher werden wir den ersten Bereich in den kommenden zwei Jahren umbauen und neue Objekte aus dem Depot einbeziehen.

 Haben Sie ein Lieblingsobjekt im Museum?

Ja, das ist der Armee-Spind, weil er mich sehr an meine Zeit bei der NVA erinnert. Wir gehen mal rüber in den zweiten Bereich, den Bereich Partei und Staat. Dort steht er.

Ich selbst wurde im April 1989 in die NVA eingezogen und verbrachte dort 12 Monate, durch den Fall der Mauer 6 Monate kürzer als bis dahin üblich. Die Armeezeit war auch ein Teil meiner Jugend.

DDR Museum Berlin: Armee Spint zu NVA Zeiten

Gordon Freiher von Godin zeigt den Armee Spint im DDR Museum Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Machen Sie auch Führungen?

Ja, wir bieten im DDR Museum Berlin unterschiedliche Führungen an. Überblicksführungen, vertiefende Themenführungen wie z.B. zum Volksaufstand 1953, bis hin zu kombinierten Aussenführungen. Zum Thema Mauer gibt es auch Außenführungen an der Karl-Marx-Allee.

 

Lassen Sie uns einen kleinen Rundgang durch das DDR Museum Berlin machen.

Lenin Figur auf dem interaktiven Tisch im DDR Museum

Mit Lenin und dem interaktiven Tisch des DDR Museums Berlin durch die DDR ©AusserGewöhnlich Berlin

Was ist das?

Wir stehen hier an einem interaktiven Tisch, der extra für das DDR Museum Berlin entwickelt wurde. Besucher können klicken, historische Höhepunkte heraussuchen und zum Beispiel lesen, wie eine Flucht im Auto aussah. Bis zu acht Leute können sich parallel Informationen einholen. Das ist Edutainment für alle Altersklassen.

Mal wieder eine kleine Zeitreise in der DDR machen? Im DDR Museum geht das

Und plötzlich sind wir in der DDR ©AusserGewöhnlich Berlin

Wo sind wir jetzt? Das sieht aus wie eine Wohnung.

Wir sind im dritten Bereich, dem privaten Bereich.

Wir haben eine DDR Wohnung nachgebaut. Im Original waren die zwischen 74 und 86 m² groß. In unserer Wohnung wohnt eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern. Es gibt ein digitales Fenster und typische DDR Gegenstände, wie z.B. die Comic-Zeitschrift Mosaik.

Das digitale Fenster im DDR Museum Berlin

Blick in die DDR ©AusserGewöhnlich Berlin

Im Elternschlafzimmer geht es zum Beispiel um Themen wie Mode und Sexualität. Es gibt einen digitalen Spiegel, wo man sich davorstellen und seine eigenen Kleider wechseln kann.

Man kann alles öffnen und alles ist herauszufinden. Das macht unser Museum aus. Wir haben die Dinge versteckt, man soll entdecken und es gibt viele Spiele zur Wissensvermittlung.

Kochen in der DDR

Was hat man in der DDR so gegessen? ©AusserGewöhnlcih Berlin

Jetzt sind wir in der Küche. Hier gibt es einen interaktiver Kühlschrank. Man klickt und sieht zum Beispiel die Adipösität im Vergleich zwischen Ost und West. Es gibt auch einen Rezepte-Drucker. Hier kann man sich DDR-Rezepte raussuchen, drucken und zu Hause nachkochen. Kohlrouladen in saurer Sahne zum Beispiel.

Schöne Fliesen gab es in der DDR: Bad DDR Museum

Ein Bad zu DDR Zeiten ©AusserGewöhnlich Berlin

Welche drei Dinge muss man unbedingt über die DDR wissen?

Man sollte wissen, dass die DDR ein eigener, später souveräner Staat war, weil eine staatliche Anerkennung stattfand. Und man sollte die DDR sehen wie sie war: eine Diktatur, es wurden Menschen wegen ihrer politischen Meinungsäußerung eingesperrt – teils ohne konkrete Anklage, es gab keine Reisefreiheit und keine Freiheit des Denkens.

Die DDR Bürger haben kein Problem dami blank zu ziehen

Freie Körperkultur in der DDR ©AusserGewöhnlich Berlin

Nichtsdestotrotz war die Gesellschaft im Alltag ein lustiges Völkchen. Die Menschen haben sich beholfen. Sie sind im privaten Leben ausgebrochen und haben sich ihre Freiheiten gesucht, freie Körperkultur als Stichwort. Sie haben auch viele Feste gefeiert und es wurden sich viele Witze erzählt. Die Witzkultur war unheimlich präsent in der DDR. Politische Witze, wofür der eine oder andere sicherlich auch mal Probleme bekam. Aber das wurde gelebt. Das private Leben war sehr differenziert vom politischen Leben.

 

Freiheit in der DDR

FKK als Lebenseinstellung im DDR Museum Berlin©AusserGewöhnlich Berlin

Man sollte wissen, dass die DDR versucht hat, die Valuta (das Westgeld) aus der DDR Bevölkerung herauszuziehen und so hat sie den Menschen Spielgeld (sogenannte Forum Schecks) in die Hand gedrückt, um die Valuta dann für Staatseinkäufe weltweit zu nutzen. Das sind Sachen, die nicht jeder weiß, die man aber wissen kann.

 Sie kennen doch den Spruch: Früher war alles besser, gibt es Dinge die in der DDR besser waren?

Mit Sicherheit gab es Dinge, die früher besser waren. Ich muss schon sagen, dass der Mangel an bestimmten Konsumgütern, dazu beitrug, dass es eine unheimliche Flexibilität und einen großen Ideenreichtum gab, um an diese Dinge heranzukommen. Und so war der Austausch innerhalb von Kollegen, Familien oder unter Nachbarn sehr groß, damit man an diese Dinge herankam.

Nehmen wir an, Ihre Toilette war verstopft. Dann hat man den Handwerksbetrieb angerufen und der Handwerker hat Ihnen gesagt, dass in 12 Wochen ein Termin frei ist. Statt zu warten hat man sich beholfen und sich umgehört, wer helfen kann. Das alles führte zu einer unheimlichen Solidarisierung, die so heute nicht mehr existent ist.

Und diese Art Solidarität und Miteinander ist das, was unserer Gesellschaft heute vielleicht ein Stück weit fehlt.


Sie engagieren sich beim touristischen Verband Intoura. Wenn Sie einen Monat Regierender Bürgermeister von Berlin wären: Was würden Sie ändern, bzw. umsetzen?

Das ist in der Tat lustig. Ich bin ganz froh, dass ich es nicht bin.

Ich finde es ganz wichtig, dass sich die Politik um Strukturen kümmert und um die Kernthemen wie Sicherheit, Sauberkeit, Barrierefreiheit und Verkehr.

In der Stadt Berlin haben wir in diesen Bereichen noch viele Baustellen, vom BER mal ganz abgesehen.

Zum Beispiel dauern die Prozesse in Berlin ewig lange. Wenn Baustellen eingerichtet werden, dann stehen die teilweise Wochenlang leer, in denen nicht gebaut wird. Der Verkehr muss sich danach richten. Man wird quasi ohne Not behindert. Und dann wird gebaut und danach dauert es wieder mehrere Tage bis die Baustelle abgebaut wird, obwohl die Baustelle freigegeben ist und für den Bürger frei aussieht. Das muss sich doch z.B. ändern lassen als Bürgermeister.

Wohnzimmer: Rundgang durch die Wohnung im DDR Museum

Im Wohnzimmer des DDR Museums Berlin ©AusserGewöhnlich Berlin

Wie entwickelt sich der Tourismus in den nächsten Jahren in Berlin?

Der weltweite Tourismus hat steigende Zahlen und das hängt mit der Steigerung der Mittelklasse, speziell in Euopa, Asien und Südamerika, zusammen. Die sind finanziell und politisch befähigt, zu reisen. Das wird dazu beitragen, dass der Tourismus langfristig weiter steigen wird. Man muss sicherlich auch das ökologische Problem betrachten. Kreuzfahrtschiffe, Vielfliegerei usw., das tut unserer Umwelt nicht gut. Da wird man sich Gedanken machen müssen, trotzdem Tendenz ganz klar steigend.

Berlin ist eine tolle Stadt und wir haben die Chance, weiterhin viele Menschen hierher zu ziehen. Es ist eine recht dezentrale Stadt mit drei Zentren und bietet unheimlich viel Abwechselung, die der Tourist nutzen kann.


Wir haben gute Karten, wenn der BER wirklich mal fertig wird und die Zuganbindungen ausgebaut werden. Dann bekommen wir hoffentlich auch endlich den Verkehr von der Straße.

Berlin hat mittlerweile mehr als 150.000 Betten, weit mehr als andere Städte. Alles ist bereitet, damit die Stadt viele Besucher beherbergt.

 Gibt es ein Geheimtipp-Museum, das Sie empfehlen würden?

Berlin hat da echt eine Bandbreite. Ich empfehle das Computerspielemuseum auf der Frankfurter Allee. Ich finde auch den Berlin Story Bunker an der Stresemannstraße sehr interessant.

 Wollen Sie noch etwas erzählen?

Wir eröffnen am 04. August eine neue Ausstellung: nineties berlin. Wir schreiben ein Stück weit die Geschichte der DDR weiter und werden dem Besucher die Jahre von 1989 bis 1995 und den Mythos Berlin in Erinnerung rufen. Die Ausstellung wird in der Alten Münze stattfinden, wo 2004 der Produktionsbetrieb der Münzprägung eingestellt wurde. In den Produktionshallen wird die Ausstellung für ein halbes Jahr zu sehen sein.

 Vielen Dank für das Interview.

Hier geht es zum DDR Museum Berlin.

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