Christian Boros

Christian Boros

Wenn Kunst auf Corona trifft

Kunst und Corona: Unglück oder Chance? Alexander S. Wolf hat mit dem Unternehmer und Kunstsammler Christian Boros gesprochen.

 

 

Corona und die Kunst: Eine Zeit, die Kunst und Kreativität auf die Probe stellt. Doch Krise heißt nicht für alle Krise. Krisen eröffnen Möglichkeiten, Dinge zu tun, die im Normalzustand undenkbar erscheinen. Wie eine Online-Ausstellung im Berghain zu organisieren. Das hat Christian Boros gemacht und uns beim ersten AusserGewöhnlichen Zoom Salon davon erzählt. Christian Boros ist Berliner Unternehmer und Kunstsammler.

Alexander S. Wolf: Heute ist bei uns ein Ehrengast, Christian Boros.

Christian Boros: Hallo…

Alexander S. Wolf: Wir sehen uns gerade das 1. Mal – digital. Das ist so ein typischen Corona Treffen, was wir da gerade machen.

Christian Boros: (lacht)

Alexander S. Wolf: Okay und das reicht in Wien auch nicht einmal für….

Tristan Horx: Nein, also bitte! Da darfst du noch niemanden siezen.

Alexander S. Wolf: Du warst zuerst Unternehmer und bist dann in die Kunst gegangen, oder? Kannst du uns bitte kurz erzählen, was dein Werdegang ist?

Christian Boros: Gern. Ich habe mich mit 21 Jahren selbständig gemacht. Also vor vielen, vielen Jahren. Ich habe mich aber immer für Kunst interessiert, weil ich das Gefühl hatte, dass man von Künstler am meisten lernen kann. Mehr als von allen anderen. Weil Künstler sich trauen, ihrem Ich zu folgen. Künstler, die ein Bild signieren, stehen für Autorenschaft. Künstler haben keinen Chef, sondern sie stehen morgens auf und folgen einer Berufung, woher das wunderbare deutsche Wort Beruf auch kommt. Sie folgen Ihrer Berufung und machen das was sie tun müssen. Völlig unabhängig von irgendwelchen Sachzwängen, von Marktforschung, von Konsensentscheidungen. Also eine absolute selbst referenzielle Ich-Entscheidung. Und das fand ich immer so faszinierend, dass ich als Unternehmer gelernt hab, mich zu trauen, meinen Weg zu gehen. Heute, nach vielen, vielen Jahren, haben meine Frau und ich eine Stiftung gegründet. Wir unterstützen Künstler, weil wir glauben, dass Kunst das größte Lernpotenzial für die Gesellschaft und für neues Unternehmertum sein kann.

Alexander S. Wolf: Allgemein sieht man das in Deutschland eher als Beleidigung, wenn man sagt: du bist ein Künstler. Ein Künstler ist ein Typ, der von Staatsknete abhängig ist oder am Alexanderplatz mit einem Becher Musik macht. Künstler ist kein Unternehmer im normalen Berufsalltag in Deutschland. Und jetzt sagst du, das sei ganz anders…

Christian Boros: Künstler sind die Ur-unternehmer, denn Künstler stehen morgens auf und unternehmen etwas, und das ohne ein Erweisung zu bekommen, sondern wirklich aus einer inneren Überzeugung. Ohne, dass es jetzt pathetisch klingen soll: das Schöpferische, das ja in Künstlern ist, hat ja etwas mit dem Schöpfer zu tun.

„Eine gottähnliche Begabung, etwas Kreatives, Schöpferisches zu tun, ist das höchste Gut, was wir Menschen haben. Und daran glaube ich.“


Ich glaube, dass ein Künstler-Dasein nicht einfach NICE TO HAVE ist. Sondern es ist prototypisch für das, was uns als Mensch auszeichnet. Dass wir etwas gestalten können und nicht nur Opfer von Dingen sind, sondern Täter werden.

Alexander S. Wolf: Das hieße ja aber im Umkehrschluss, dass die Lockdowns, die als erstes die Kulturszene betroffen haben, genau die Wurzel abhacken, die wir jetzt brauchen, um aus der Krise stark hervor zu gehen.

Christian Boros: Ja, deshalb haben wir auch ein Projekt mit dem Berghain umgesetzt. Die New York Times und The Guardian waren die Ersten, die darüber berichteten. Seltsamerweise nicht in Deutschland, sondern im Ausland wurde es zuerst rezipiert. … Ich bin überzeugt davon, dass Künstler mit ihrer Sensibilität, ihrer wirklichen Feinnervigkeit, eine nahezu seherische Qualität haben, Gedankenmodelle zu entwickeln, wie man das Morgen gestalten kann.

Alexander S. Wolf: Und was habt ihr nun konkret gemacht?

Christian Boros

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Christian Boros: Naja, es gibt ja Dinge, die gehen im normalen Leben nicht. Zum Beispiel: am Berghain an der Tür stehen und klingeln und reinkommen. Die Berghain-Tür gilt als die härteste Tür der Welt und wir kennen alle die Geschichten, dass Madonna und George Clooney nicht reinkamen. Wir haben in der Corona-Zeit einfach mit dem Berghain gesprochen und die Tür für alle aufgemacht. Ich, glaube, wir haben damit 3 Wochen nach dem Shutdown im März angefangen. Wir haben eine Ausstellung gemacht mit 118 Künstlern. Um einfach Gedanken und Lernmodelle zu präsentieren und für alle zu öffnen. Denn wir glauben, dass diese Gedankenmodelle in Form von Malerei und Skulpturen oder Videos durchaus Anstöße geben können.

Alexander S. Wolf: Und war die Ausstellung erfolgreich? Wie viele Leute haben sie bis jetzt besucht?

Christian Boros: In den ersten Minuten ist sofort der Server zusammengebrochen. Denn ähnlich wie man früher vor dem Berghain physisch stundenlang in der Schlange stand, waren tausend Menschen vor ihrem Rechner und wollten Slots buchen, um da reinzukommen. Wegen Hygienevorschriften konnte immer nur eine begrenzte Anzahl von Menschen, ins Berghain kommen – das war sofort ausgebucht. Es war ein sensationeller Erfolg und ein Social Media Tsunami. Es wurde gestritten: braucht man das, was kann man davon lernen? Ich glaube, das Unverständnis bei Kunst, also das Nicht-Verstehen ist die größte Disziplin. Ein Nicht-Verstehen der Dinge heißt, man kommt an eigene Grenzen. Und diese Grenzen zu verschieben ist eine intellektuelle Hochleistung.

Alexander S. Wolf: Wir lernen gerade mehrere Dinge aus Christians Initiative. Erstens: Werbung lügt immer, er sagt zwar, jeder darf rein, aber jetzt stehst du halt online in der Schlange vor dem Berghain. Aber, immerhin online ist nicht kalt und es regnet nicht. Das zweite ist: Krisen geben die Möglichkeit, Unmögliches möglich zu machen. Das heißt, Krise ist nicht für alle Krise. Für einige, die künstlerisch denken, ist das die Möglichkeit, endlich Dinge zu machen, die sonst in normalen Zeiten nicht möglich wären. Und ich finde, das ist die wichtigste Message. Vielleicht könntest du noch den Leuten etwas auf dem Weg geben. Du hast bereits das Unmögliche möglich gemacht und bist viel weiter als manche andere. Was würdest du für ein Rat geben?

Christian Boros: Da würde ich am Liebsten einen der Heroen des letzten Jahrhunderts zitieren. Joseph Beuys sagte diesen einen Satz, den kaum jemand verstanden hat. Er sagte: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Und alle lachten und dachten, das sei Humbug. Er meinte nicht, dass jeder Mensch ein Maler ist oder die Fähigkeiten hat, eine Skulptur zu machen oder so etwas, sondern: in jedem Menschen steckt ein schöpferischer Geist. Ein göttlicher Funke, etwas zu kreieren! Das Potenzial zu haben und zu finden und einen Appell damit zu senden. Ich traue mich, Ich zu sagen und Autor eines Gedankens zu sein. Sich trauen, seinen Weg zu gehen! Jeder Mensch ist Künstler. Jeder Mensch hat schöpferisches Potenzial, das genutzt werden sollte!

Alexander S. Wolf: Ich fasse zusammen: Wenn Leute euch sagen es geht nicht, glaubt diesen Leuten nicht. Vielleicht geht das eine nicht, na, dann geht halt das andere. Lasst euch den göttlichen Funken, den Christan gerade beschworen hat, nicht auslöschen von irgendwelchen Menschen, die es nicht besser wissen. Apropos, gemütliches Wohnzimmer: Christian – Danke dir für deine Zeit, die du dir genommen hast für uns! Vielen Dank!

 

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