Chamäleontheater, Hendrick Frobel

Hendrik Frobel, Geschäftsführer vom Chamäleon Theater. (c) AusserGewöhnlich Berlin

Zirkus ist zeitgenössisch – Chamäleon Theater

Was macht Live-Unterhaltung heutzutage eigentlich aus? Hendrik Frobel, Geschäftsführer des Chamäleon Theaters, im Interview.

Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Wie kann Live-Unterhaltung da noch bestehen?

Ja, alles wird digitaler. Ich glaube jedoch, dass genau darin die große Chance für Live-Unterhaltung besteht. Alle Informationen sind dauerhaft verfügbar. Wir schauen Pay-TV statt Fernsehen. Was jedoch kein Medium schafft, ist die Menschen auf eine Weise zu berühren, wie es das Live-Entertainment vermag. Natürlich gibt es auch hier gute und schlechte Qualität. Ich sehe auch immer wieder Kulturformate, die mich nicht berühren und bewegen. Diese Programme werden es zukünftig schwer haben.

Wenn es eine Show jedoch schafft, die Menschen im tiefsten Inneren anzusprechen, sie zum Lachen oder Weinen zu bringen, ist das ein großer Unterschied zu den digitalen Medien.

Ich erinnere mich an eine Radio-Redakteurin, die uns vor ein paar Jahren besucht hat. Sie hatte den Auftrag von ihrem Chef bekommen und überhaupt keine Lust darauf, sich eine Show bei uns anzusehen. Nicht gerade die idealen Voraussetzungen, um einen Medienvertreter zu überzeugen. Die Show, die sie damals gesehen hat, handelte von tiefer Freundschaft und immensem Vertrauen. Während der Vorstellung hat sie geweint. Am folgenden Tag erhielten wir eine lange Email von ihr mit wunderbaren Worten. Einige Tage später hatte sie sich bei ihrem Chef durchgesetzt und war fast 30 Minuten im Radio zu hören. Sie berichtete von ihren Erfahrungen, wie tiefgreifend und bewegend der Abend für sie war. Das alles weit weg von den offiziellen Pressetexten und Showinformationen, dafür absolut individuell, authentisch und ehrlich. Solche Momente schätze ich in unserer Branche sehr.

Perspektivisch wird es natürlich spannend, wohin sich die digitalen Medien entwickeln. Immer mehr IT-Firmen nehmen sich des Themas Virtual Reality an. Das kann womöglich eine Veränderung hervorrufen. Vielleicht wird das digitale Erlebnis irgendwann viel intensiver sein, als es das heute bereits ist. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass das Gesamterlebnis auch weiterhin stärker wirken wird. Wenn ich ausgehe, bin ich in der Regel in Begleitung.

Man erlebt einen lauen Sommerabend mit allen Sinnen: isst, trinkt, spürt den milden Wind auf seiner Haut, genießt eine Show… Dieses Gesamtpaket ist nur schwer digital zu imitieren.

Reifenakrobatik bei einer Show. (c) Sean Young
Reifenakrobatik bei einer Show. (c) Sean Young

Die Mitternachtsshow…

…ist in der Chamäleon Geschichte natürlich absolut legendär. In der „Alles-ist-möglich-Zeit“ kurz nach dem Mauerfall wurde das Theater von ein paar Künstlern gegründet – oder besser gesagt besetzt. Die Eigentumsverhältnisse waren nicht geklärt und man wollte einfach Programm machen. In dieser Zeit sind auch die Mitternachtsshows entstanden. Eine freie Bühne für alle Künstler. Jeder durfte sich zeigen und präsentieren. Im Hof konnte man sogar noch an einem Glücksrad den Preis seines Tickets drehen.

In den vergangenen 24 Jahren hat sich das Chamäleon Theater verändert und den Wandel unseres Genres, des Neuen Zirkus, in der Branche maßgeblich mitbestimmt. Auf unserer Bühne zeigen wir an sieben Tagen der Woche etwas, das in keinem anderen Haus in Deutschland – ja gar in Europa zu sehen ist.

Wir sind weiterhin die Bühne für den künstlerischen Freigeist und wollen das Unerwartete zeigen. Darüber hinaus sind uns die Wurzeln des Theaters äußerst wichtig. Vor einigen Jahren haben wir in Anlehnung an die Mitternachtsshow ein Format mit dem Titel „Off-Night“ ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um ein Konzept, bei dem wir die Bühne für einen Abend in die Hände eines Regisseurs geben, der sich mit einer eigenen Inszenierungsidee präsentieren kann. Der Regisseur darf daraufhin alle Künstler aussuchen, arbeitet mit ihnen und präsentiert zum Schluss eine Show, bei der (fast) alles erlaubt ist. Das Ganze findet in einem geschlossenen Kreis statt. Nur Künstler, Produzenten, Kreative und Vertreter der Branche haben Zutritt. Eine Art Klassen- oder Netzwerktreffen des Neuen Zirkus. Dieses Format hat sich großartig entwickelt und erfreut sich großer Beliebtheit. Die Vorstellungen, die ein Mal pro Quartal stattfinden, sind regelmäßig ausgebucht und die Liste der Regieanwärter ist lang.

Was macht heutzutage eine gelungene Bühnenshow aus?

Diese Frage beantwortet letztlich jeder Gast für sich selbst. Damit sind wir wieder bei dem Thema des emotionalen Erreichens unseres Publikums. Hier braucht jeder etwas anders. Der Eine geht in den Lack- und Leder-Club, der Andere zum Ballett. Im Chamäleon Theater haben wir uns dafür entschieden, ganzheitliche Inszenierungen aus dem Bereich des Neuen Zirkus zu zeigen – eine Kunstform, die abseits von Zelt und Manege mit genreübergreifenden Performances täglich aufs Neue begeistert.

Neben artistischer Tradition bedient sich der Neue Zirkus an Arbeitsweisen und Techniken aus allen Bereichen der darstellenden Kunst und begibt sich damit in das Spannungsfeld zwischen Akrobatik, Tanz, Schauspiel, Musik, Videokunst und vielem mehr. Frei nach dem Motto „Alles kann, nichts muss“ entstehen so wundervolle Produktionen voll Leidenschaft, Genuss, Humor, Empathie und Nähe, die berühren und nicht selten noch lange nachwirken. Das halten wir für einen rundum gelungenen und besonderen Kulturabend.

Performance im Chamäleon Theater. (c) Lutske Veenstra
Performance im Chamäleon Theater. (c) Lutske Veenstra

Kann das nächtliche Kulturprogramm in Berlin mit anderen Weltstädten wie London oder New York mithalten?

Auf jeden Fall. In Berlin finden pro Tag 3.500 Veranstaltungen statt (ja, Sie haben richtig gehört). Darunter fallen zwar auch Dauerausstellungen, Museen und ähnliche, dennoch ist das eine ganze Menge. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Berlin sogar noch mehr Programm braucht und das Potential hat weiter zu wachsen und auf vielen Ebenen erfolgreicher werden kann. Dafür sind jedoch (vor allem) zwei Dinge notwendig:

Erstens: Berlin muss aufhören, anderen Städten wie London, Paris oder New York nacheifern zu wollen.

Wie definieren wir überhaupt unseren Erfolg? Im Tourismusbereich wird dieser z.B. ausschließlich unter Zuhilfenahme von Übernachtungszahlen definiert. Da hat Berlin im Jahr 2015 das erste Mal die 30 Mio. Marke geknackt. Super! Auf jeden Fall ein großer Erfolg. Das sagt jedoch nicht darüber aus, ob die Menschen in Berlin auch eine gute Zeit hatten, was sie gemacht haben und was ihnen von Berlin in Erinnerung bleibt. Diese Überlegungen verfolgen wir u.a. mit dem Interessensverband INTOURA, bei dem ich den Vorsitz habe. Wir konzentrieren uns darauf, zu zeigen, dass die Berlin-Besucher nicht aufgrund der Hotels in unsere Stadt kommen. Sie wollen das Lebensgefühl, die Attraktionen der Stadt erleben. Daher ist eine Übernachtungszahl als Benchmark für den Erfolg etwas schwierig.

Zweitens habe ich das Gefühl, dass viele Kulturbetreiber äußerst skeptisch in Bezug auf die Mitbewerberschaft sind. Wie ich eingangs sagte, hat Berlin das Zeug dazu, weiter zu wachsen und zusätzliche, tolle Programmideen hervorzubringen. Erfolgreich werden wir nur gemeinsam sein.

Ein ablehnendes Verhalten gegenüber anderen Einrichtungen ist daher wenig zielführend. Wir haben uns z.B. zu diesem Zweck im East End – dem Berliner Theaterviertel zusammengeschlossen. Darin vertreten sind der Admiralspalast, die Distel, der Friedrichstadt-Palast, der Quatsch Comedy Club und das Chamäleon Theater. Wir führen regelmäßig Veranstaltungen zusammen durch, planen Marketingmaßnahmen und tauschen uns auch inhaltlich mit einander aus. Ein großer Gewinn für alle Beteiligten. Davon sollte es mehr geben.

Tickets und Programminfo gibt’s auf der offiziellen Website: https://chamaeleonberlin.com/de

Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Wie kann Live-Unterhaltung da noch bestehen?

Ja, alles wird digitaler. Ich glaube jedoch, dass genau darin die große Chance für Live-Unterhaltung besteht. Alle Informationen sind dauerhaft verfügbar. Wir schauen Pay-TV statt Fernsehen. Was jedoch kein Medium schafft, ist die Menschen auf eine Weise zu berühren, wie es das Live-Entertainment vermag. Natürlich gibt es auch hier gute und schlechte Qualität. Ich sehe auch immer wieder Kulturformate, die mich nicht berühren und bewegen. Diese Programme werden es zukünftig schwer haben.

Wenn es eine Show jedoch schafft, die Menschen im tiefsten Inneren anzusprechen, sie zum Lachen oder Weinen zu bringen, ist das ein großer Unterschied zu den digitalen Medien.

Ich erinnere mich an eine Radio-Redakteurin, die uns vor ein paar Jahren besucht hat. Sie hatte den Auftrag von ihrem Chef bekommen und überhaupt keine Lust darauf, sich eine Show bei uns anzusehen. Nicht gerade die idealen Voraussetzungen, um einen Medienvertreter zu überzeugen. Die Show, die sie damals gesehen hat, handelte von tiefer Freundschaft und immensem Vertrauen. Während der Vorstellung hat sie geweint. Am folgenden Tag erhielten wir eine lange Email von ihr mit wunderbaren Worten. Einige Tage später hatte sie sich bei ihrem Chef durchgesetzt und war fast 30 Minuten im Radio zu hören. Sie berichtete von ihren Erfahrungen, wie tiefgreifend und bewegend der Abend für sie war. Das alles weit weg von den offiziellen Pressetexten und Showinformationen, dafür absolut individuell, authentisch und ehrlich. Solche Momente schätze ich in unserer Branche sehr.

Perspektivisch wird es natürlich spannend, wohin sich die digitalen Medien entwickeln. Immer mehr IT-Firmen nehmen sich des Themas Virtual Reality an. Das kann womöglich eine Veränderung hervorrufen. Vielleicht wird das digitale Erlebnis irgendwann viel intensiver sein, als es das heute bereits ist. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass das Gesamterlebnis auch weiterhin stärker wirken wird. Wenn ich ausgehe, bin ich in der Regel in Begleitung.

Man erlebt einen lauen Sommerabend mit allen Sinnen: isst, trinkt, spürt den milden Wind auf seiner Haut, genießt eine Show… Dieses Gesamtpaket ist nur schwer digital zu imitieren.

Reifenakrobatik bei einer Show. (c) Sean Young
Reifenakrobatik bei einer Show. (c) Sean Young

Die Mitternachtsshow…

…ist in der Chamäleon Geschichte natürlich absolut legendär. In der „Alles-ist-möglich-Zeit“ kurz nach dem Mauerfall wurde das Theater von ein paar Künstlern gegründet – oder besser gesagt besetzt. Die Eigentumsverhältnisse waren nicht geklärt und man wollte einfach Programm machen. In dieser Zeit sind auch die Mitternachtsshows entstanden. Eine freie Bühne für alle Künstler. Jeder durfte sich zeigen und präsentieren. Im Hof konnte man sogar noch an einem Glücksrad den Preis seines Tickets drehen.

In den vergangenen 24 Jahren hat sich das Chamäleon Theater verändert und den Wandel unseres Genres, des Neuen Zirkus, in der Branche maßgeblich mitbestimmt. Auf unserer Bühne zeigen wir an sieben Tagen der Woche etwas, das in keinem anderen Haus in Deutschland – ja gar in Europa zu sehen ist.

Wir sind weiterhin die Bühne für den künstlerischen Freigeist und wollen das Unerwartete zeigen. Darüber hinaus sind uns die Wurzeln des Theaters äußerst wichtig. Vor einigen Jahren haben wir in Anlehnung an die Mitternachtsshow ein Format mit dem Titel „Off-Night“ ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um ein Konzept, bei dem wir die Bühne für einen Abend in die Hände eines Regisseurs geben, der sich mit einer eigenen Inszenierungsidee präsentieren kann. Der Regisseur darf daraufhin alle Künstler aussuchen, arbeitet mit ihnen und präsentiert zum Schluss eine Show, bei der (fast) alles erlaubt ist. Das Ganze findet in einem geschlossenen Kreis statt. Nur Künstler, Produzenten, Kreative und Vertreter der Branche haben Zutritt. Eine Art Klassen- oder Netzwerktreffen des Neuen Zirkus. Dieses Format hat sich großartig entwickelt und erfreut sich großer Beliebtheit. Die Vorstellungen, die ein Mal pro Quartal stattfinden, sind regelmäßig ausgebucht und die Liste der Regieanwärter ist lang.

Was macht heutzutage eine gelungene Bühnenshow aus?

Diese Frage beantwortet letztlich jeder Gast für sich selbst. Damit sind wir wieder bei dem Thema des emotionalen Erreichens unseres Publikums. Hier braucht jeder etwas anders. Der Eine geht in den Lack- und Leder-Club, der Andere zum Ballett. Im Chamäleon Theater haben wir uns dafür entschieden, ganzheitliche Inszenierungen aus dem Bereich des Neuen Zirkus zu zeigen – eine Kunstform, die abseits von Zelt und Manege mit genreübergreifenden Performances täglich aufs Neue begeistert.

Neben artistischer Tradition bedient sich der Neue Zirkus an Arbeitsweisen und Techniken aus allen Bereichen der darstellenden Kunst und begibt sich damit in das Spannungsfeld zwischen Akrobatik, Tanz, Schauspiel, Musik, Videokunst und vielem mehr. Frei nach dem Motto „Alles kann, nichts muss“ entstehen so wundervolle Produktionen voll Leidenschaft, Genuss, Humor, Empathie und Nähe, die berühren und nicht selten noch lange nachwirken. Das halten wir für einen rundum gelungenen und besonderen Kulturabend.

Performance im Chamäleon Theater. (c) Lutske Veenstra
Performance im Chamäleon Theater. (c) Lutske Veenstra

Kann das nächtliche Kulturprogramm in Berlin mit anderen Weltstädten wie London oder New York mithalten?

Auf jeden Fall. In Berlin finden pro Tag 3.500 Veranstaltungen statt (ja, Sie haben richtig gehört). Darunter fallen zwar auch Dauerausstellungen, Museen und ähnliche, dennoch ist das eine ganze Menge. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Berlin sogar noch mehr Programm braucht und das Potential hat weiter zu wachsen und auf vielen Ebenen erfolgreicher werden kann. Dafür sind jedoch (vor allem) zwei Dinge notwendig:

Erstens: Berlin muss aufhören, anderen Städten wie London, Paris oder New York nacheifern zu wollen.

Wie definieren wir überhaupt unseren Erfolg? Im Tourismusbereich wird dieser z.B. ausschließlich unter Zuhilfenahme von Übernachtungszahlen definiert. Da hat Berlin im Jahr 2015 das erste Mal die 30 Mio. Marke geknackt. Super! Auf jeden Fall ein großer Erfolg. Das sagt jedoch nicht darüber aus, ob die Menschen in Berlin auch eine gute Zeit hatten, was sie gemacht haben und was ihnen von Berlin in Erinnerung bleibt. Diese Überlegungen verfolgen wir u.a. mit dem Interessensverband INTOURA, bei dem ich den Vorsitz habe. Wir konzentrieren uns darauf, zu zeigen, dass die Berlin-Besucher nicht aufgrund der Hotels in unsere Stadt kommen. Sie wollen das Lebensgefühl, die Attraktionen der Stadt erleben. Daher ist eine Übernachtungszahl als Benchmark für den Erfolg etwas schwierig.

Zweitens habe ich das Gefühl, dass viele Kulturbetreiber äußerst skeptisch in Bezug auf die Mitbewerberschaft sind. Wie ich eingangs sagte, hat Berlin das Zeug dazu, weiter zu wachsen und zusätzliche, tolle Programmideen hervorzubringen. Erfolgreich werden wir nur gemeinsam sein.

Ein ablehnendes Verhalten gegenüber anderen Einrichtungen ist daher wenig zielführend. Wir haben uns z.B. zu diesem Zweck im East End – dem Berliner Theaterviertel zusammengeschlossen. Darin vertreten sind der Admiralspalast, die Distel, der Friedrichstadt-Palast, der Quatsch Comedy Club und das Chamäleon Theater. Wir führen regelmäßig Veranstaltungen zusammen durch, planen Marketingmaßnahmen und tauschen uns auch inhaltlich mit einander aus. Ein großer Gewinn für alle Beteiligten. Davon sollte es mehr geben.

Tickets und Programminfo gibt’s auf der offiziellen Website: https://chamaeleonberlin.com/de

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