Catherine Lupis Thomas vor einer bunten Wand.

Sie hat jahrelang in London gelebt. Jetzt wohnt Catherine Lupis Thomas in Paris und Berlin. © Laurent Petit

Exklusiv in unserer Galerie: Urban Art Wunder Catherine Lupis Thomas

Wir holen die Pariser Künstlerin Catherine Lupis Thomas mit dem magischen Blick zu uns ins BIKINI.

Alles hinschmeißen. Koffer packen. Abhauen.
Ein neues Leben beginnen.

Mach neu, würde Peter Fox jetzt sagen.

So ein 180 Grad Richtungswechsel braucht vor allem eines: verdammt viel Mut.

Den hat Catherine Lupis Thomas.
Die Urban Art Künstlerin hat in ihrem Leben schon einige Male die Seile gekappt und einen Neuanfang gestartet.

Mit 19 hat sie ihr Studium abgebrochen, weil sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten hat. Sie hat die konservative französische Provinz verlassen und ist nach London abgehauen.

Das war in den frühen 80ern.

Heute lebt die Künstlerin in Berlin. Hier hat sie endlich gefunden, was sie jahrelang gesucht hat:
Die totale Gedankenfreiheit.

Wir holen das Pariser Urban Art Wunder Catherine Lupis Thomas zu uns in die Galerie von AusserGewöhnlich Berlin.
„LET’S START AGAIN“ feiert Vernissage am 31. Oktober in der Galerie von AusserGewöhnlich Berlin im BIKINI BERLIN.

 

Das Werk LUNA 5262 von Catherine Lupis Thomas.

Ihre Bilder sind Potpourris an Straßenfindlingen. © Catherine Lupis Thomas

„Artists are free to create. And recreate.“


Catherine Lupis Thomas dringt illegal in Fabrikruinen und bricht in leerstehende Gebäude ein.

Ihre Bilder sind Potpourris aus Straßenfindlingen.

Die Pariser Künstlerin schießt Fotos und füllt sie dann mit surrealen Fantasievorstellungen.
Dafür benutzt sie eine spezielle Technik namens Arrachage – sie sammelt Stücke von Plakaten, Postern und Paste Ups von der Straße ein und setzt sie collagenartig neu zusammen.

Na, neugierig, wie das aussieht? Schaut euch hier den Online Katalog mit allen Werken von Catherine an.

Im Interview sagt uns Catherine Lupis Thomas, wieso Berlin die beste Stadt für Künstler ist. Und sie verrät die 6 wichtigsten Tipps für angehende Künstler.

Catherine, welche Tipps gibst du angehenden Künstlern? Was ist wichtig? Was braucht es, um in der Kreativszene nicht unterzugehen?

  • Erstens: Gib nie auf, wenn du dir was in den Kopf gesetzt hast. Zieh es durch. Lass dich von Kritik nicht runterziehen.
  • Zweitens: Geh raus. Verbringe Zeit mit anderen Künstlern, mit Kreativität, mit einem Umfeld, das dich inspiriert.
  • Drittens: Bleib frei im Kopf.
  • Viertens: Hör nie auf, zu produzieren. Aber vergiss nicht, Sex zu haben.
  • Fünftes: Zeig deine Arbeit nicht in Pariser Galerien. Die sind Schrott.
  • Sechstens: Sei offen für Feedback aber vertrau nur deinem Instinkt.
Ein Porträt von Catherine Lupis Thomas vor einer Wand mit Plakaten.

Sie liebt es, zu staunen: Catherine Lupis Thomas. © Catherine Lupis Thomas

Wie viele andere Künstler bist du damals weg aus London. Lebst heute in Paris und Berlin. Was ist da in London passiert? Was hat die Kreativszene vertrieben?

London hatte nicht mehr den gleichen Vibe wie früher.
Die Stadt ist voller Energie, klar. Aber sie ist nicht mehr dieselbe.

Ich bin eine recht nostalgische Person. Das erklärt wohl auch, wieso meine Kunst so ist, wie sie ist.

Der Wechsel vom 20. Ins 21. Jahrhundert ist eine enorme Veränderung, was die Arbeit der Leute angeht.
Ich wurde in eine Generation hineingeboren, in denen die Menschen noch mit ihren Händen gearbeitet haben.
Mit ihrem Körper.

Ich bin in den 60ern zur Welt gekommen, hab als Kind diese heftige Freiheit der 70er gespürt.
Ich dachte da immer:

„Fuck ich will auch! Ich will auch erwachsen sein und da dabei sein!“


In den 80ern war ich dann alt genug. Da dauerte die große Freiheit noch ein paar Jahre an.
Bis dann die Rezession der 90er kam und sie weggewischt hat. Die Freiheit kam dann nie ganz zurück.

Ein Werk von Catherine Lupis Thomas, das in Elba entstanden ist.

In einem Sommer in Elba entstanden: Das Werk WHO WANT KUNST. © Catherine Lupis Thomas

Aber heute haben wir doch schon mehr Freiheiten als in den 70ern, findest Du nicht?

Ja, schon. Aber du wirst nie wieder dasselbe Gebäude aufbauen, wenn es mal abgerissen ist.
Aber vielleicht ein Neues.

Die Welt verändert sich gerade rasend schnell. Auch in Berlin.
Aber hier hat Kunst noch mehr Freiraum. Und alles hat Platz, auch Nostalgie.

Mit meiner Kunst versuche ich ein Stück weit, die Zeit anzuhalten. Diesen Wechsel einzufangen.
Ich mache heute Bilder von Gebäuden, die morgen schon nicht mehr stehen.

Es geht alles um den Übergang.

Konstruktion, Dekonstruktion.
Aufbauen, Niederreißen.

Jeder Künstler wird dir sagen:

„Kreation entsteht auf der Basis von Destruktion.“


Du musst erst mal was auseinandernehmen, um daraus was Neues machen zu können.
Auf einem brachen Land kann auch wieder was ganz Neues wachsen.

Das ist wie Berlin.
Berlin wurde zerstört. Und dann wieder neu erfunden.
Vor 30 Jahren wurde die Mauer niedergerissen. Seither ist viel passiert.

Catherine Lupis Thomas Werk: ARTISTS ARE FREE TO CREATE:

ARTISTS ARE FREE TO CREATE. Das Foto entstand in einem verfallenen Etablissement im Pariser Nobelviertel. © Catherine Lupis Thomas

Was ist die krasseste Veränderung, die in Berlin gerade vor sich geht?

Gerade ändern sich Teile der Stadt komplett. Die Leute müssen aus ihrem Kiez wegziehen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können.

Das sind immense wirtschaftliche Veränderungen, die gerade vor sich gehen.

Die Menschen müssen sich anpassen, um nicht unterzugehen.

Du brauchst Geld. Du musst einen Job haben.

Und in die große Maschinerie der Arbeitswelt einsteigen.
Diese große Maschine verschluckt die Menschen und frisst alle Kreativität weg.

Können Künstler die Maschinerie der Arbeitswelt stoppen?

Naja, stoppen kannst du sie nicht. Aber um ganz ehrlich zu sein:
Ja, mit Kunst kann man den Menschen klar machen, was sie verlieren, wenn sie sich dem ganzen Wahnsinn vollständig hingeben.
Mit Kunst kann man die Menschen überrumpeln. Sie aus der Alltags-Blindheit rausholen. Zum Nachdenken bringen.

Kinder können das am besten, weil sie noch nicht in dieser Maschine drin sind.
Die sehen die großen Dinge meist ganz klar und direkt.

Sie bringen es auf den Punkt.

Ich will mit meiner Kunst an diesen kindlichen Blick auf die Realität ran.
Direkt. Frei. Und mit ganz viel Humor.

Meine Kunst ist wie ein Kind, das zu einem Erwachsenen über das Leben spricht.

Ich sage immer:

„I have nothing to say. Only things to shout.“


Eine Arrachage von einem Foto von Catherine Lupis Thomas und dem Nordbahnhof.

"I have nothing to say. Only things to shout." - Catherine Lupis Thomas. © Catherine Lupis Thomas

Würdest du sagen, es dreht sich alles um die Entscheidung zwischen Sicherheit und Freiheit?

Klar. Am Ende musst du immer abwägen: Willst du Sicherheit? Oder Freiheit?

Ich habe meine Entscheidung getroffen.

Ich bin in einer sehr traditionellen Familie großgeworden. Meine Eltern kamen aus Italien.
Meine Mutter war total abhängig von meinem Vater.
Sie wollte arbeiten.
Aber mein Vater hätte niemals zugelassen, dass sie arbeitet.
Er hatte eine sehr konservative Vorstellung vom Leben.

Ich wusste schnell:

„Ich muss frei sein. Und um frei sein zu können, muss ich arbeiten.“


Um mich von meiner Familie befreien zu können, ging ich dann einfach.

Ich habe in London als Au-Pair angefangen.
Putzen. Babysitten.
Ich habe jede Arbeit gemacht, die ich kriegen konnte.

Dann bin ich hinter dem Verkaufstresen eines Londoner Modegeschäfts gelandet.
Da bin ich geblieben.
Ich bin reingewachsen. Habe mich hochgearbeitet.

Da habe ich auch gelernt, mit Farben zu sprechen.

Quadrate. Formen. Farben.

Es ging ja darum, die Kleider farblich zu ordnen, dafür zu sorgen, dass es ästhetisch aussieht.

Catherine Lupis Thomas verwendet verschiedene Techniken für ihre Bilder.

Sprühfarbe, Leim, Kohlestifte, Acryl. Catherine verwendet jeglichste Utensilien für ihre Collagen. © Catherine Lupis Thomas

Hast du die Freiheit, von der damals alle gesprochen haben, gespürt, als du nach London gezogen bist?

Zuerst nicht. Irgendwie war ich wie in Watte gepackt.

Ich war traumatisiert. Konnte nichts fühlen. Das dauerte sicher anderthalb Jahre.

Ich hatte ja nichts mehr, hab alle Seile gekappt. Ich musste mich erstmal wieder zusammenbauen.

Und zuallererst musste ich herausfinden, wer ich eigentlich war. Ich hatte bis dahin noch keine eigene Existenz. War nur Tochter dieser einen bestimmten Familie.

Aber da ich mich von meiner Familie extrahiert habe, plötzlich für mich allein gestanden bin – weg von meiner Heimat, weg von meinem Land – musste ich wirklich herausfinden, wer ich war.
Und was ich wollte vom Leben.

Das war hart.

Aber es hat meinen Geist frei gemacht.

Ich kann mich heute in jeder Umgebung wohl und glücklich fühlen, egal wo ich bin.

Ich habe keine Angst davor, neu anzufangen.

Das sieht man auch in meiner Arbeit. Nimm ein verfallenes, modriges Haus. Ich kann darin Stunden verbringen (lacht). Ich kann überall sein mit fast nichts.

Catherine Lupis Thomas fotografiert Szenen in der Straße und baut darauf ihre Kunst auf.

Basis: Ein Foto einer Badewanne in den Straßen von Dresden ist der Start für das Werk WHAT THE FUCK. © Catherine Lupis Thomas

Fast nichts? Was gibt es denn, was du immer dabeihaben musst?

Kleidung.

Meine Kunst.

Meine Werkzeuge.
Besonders meine Schere. Ich habe eine alte Schere, die liebe ich. Die würde ich um keinen Preis der Welt hergeben.

Was macht das Leben als Künstler aus?

Künstler sind alle immer irgendwie verzweifelt.

Aber sie sind glücklich, weil sie ihrem inneren Drang, etwas zu erschaffen, folgen.

Und genau darum geht´s.

Das ist wie ein Motor, ein Triebwerk in dir drin.

Und das muss halt einfach machen, was erschaffen, was rauslassen.

Ist diese Maschine in jedem drin? Oder ist das so ein Künstlerding?

Ich bin überzeugt, dass alle Menschen diesen Motor in sich drin haben.

Aber nur die wenigsten haben den Mut, ihn auch zu benutzen.

Und als Künstler brauchst du halt den Mut, alles andere aufzugeben. Hinter dir zu lassen. Etwas Neues zu erschaffen.

Da musst du dich dann halt auch damit abfinden können, am Rande der Gesellschaft zu leben.

Weil: Beides geht nicht.

Das habe ich oft genug probiert.

Ich habe eine Zeit lang Dekorationsjobs gemacht, weil ich das Geld gebraucht habe.

Aber um wirklich richtig frei zu sein im Kopf und etwas erschaffen zu können, brauchst du den Fokus. Musst dich voll dem Schaffensprozess hingeben.
Tag und Nacht. Bis du alles um dich rum vergisst.

Das nennt man bei uns in Frankreich „Abnegation.“


WHAT THE FUCK: Ein Bild von Catherine Lupis Thomas.

Die finale Version: Dalí, ein springendes Mädchen und eine Badewanne. Das Bild WHAT THE FUCK ist ein Aufschrei. „Desperate for Love. And ready for it.“ © Catherine Lupis Thomas

Man sieht in deinen Bildern Straßen, Häuser, Gebäude. Menschen und surrealistischen Elemente. Was inspiriert dich denn am meisten?
Momente? Dinge, die du siehst? Gefühle?

Menschen sind faszinierend, klar. Aber am meisten inspirieren mich Gebäude.

Den größten Teil des Tages verbringe ich damit, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren und nach leerstehenden, alten, verfallenen oder zum Abriss freigegebenen Gebäuden zu suchen. Einzubrechen.

Bin ich mal drin, kann ich da Stunden verbringen. Ich kann den Geist der Vergangenheit spüren.
Ich kann Beine die Treppe hochhuschen sehen. Menschen die Zeitung lesen. Kochen oder tanzen.

Mein Vater hat auf dem Bau gearbeitet. Hat mit seinen eigenen Händen Häuser gebaut.

Ich war oft auf Baustellen und habe zugeschaut.

Ich kenne den Prozess, die verschiedenen Techniken, erinnere mich an den Geruch von Beton.
Wahrscheinlich kommt daher meine etwas schräge Obsession für Baustellen und Gebäuden.

Catherine Lupis Thomas bricht in leerstehende Häuser ein, schießt Fotos, sammelt Plakatfetzen von der Straße und fügt alles zu einem Kunstwerk zusammen.
Hier seht ihr Schritt für Schritt, wie ein Bild von Catherine entsteht.

Stadium 1 einer Collage von Catherine Lupis Thomas: Die Basis.

Die Basis einer Arrachage-Collage von Catherine Lupis Thomas.

Stadium 1: Als Basis der Collage wird ein Foto verwendet. Motiv: Eine Wand aus Wellblechplatten. © Catherine Lupis Thomas

Stadium 2 einer Collage von Catherine Lupis Thomas: Der Arrachage-Fokus.

Stadium 2 eines Arrachage- Bilds von Catherine Lupis Thomas.

Stadium 2: Catherine arbeitet mit einer speziellen Arrachage Technik: Sie sammelt Plakatfetzen von der Straße und setzt sie auf ihren Bildern neu zusammen. © Catherine Lupis Thomas

Stadium 3 einer Collage von Catherine Lupis Thomas: Die Farbkomposition.

Fortschrittsbild: Stadium 3 einer Collage von Catherine Lupis Thomas.

Stadium 3: Die Collage ist ein langer Prozess: Immer wieder wird ausprobiert, verändert, neu zusammengesetzt. © Catherine Lupis Thomas

Stadium 4 einer Collage von Catherine Lupis Thomas: Das Typografie-Element.

Stadium 4: Fortschrittsbild einer Collage von Catherine Lupis Thomas

Stadium 4: Catherine arbeitet viel mit Schrift- und Typografie-Elementen. © Catherine Lupis Thomas

Stadium 5 einer Collage von Catherine Lupis Thomas: Die finale Version.

Fortschrittsbild einer Collage von Catherine Lupis Thomas. Hier: die finale Version.

Stadium 5: Die finale Version der Collage. © Catherine Lupis Thomas

Catherine Lupis Thomas baut aus Schutt und Asche Monumente der Freiheit.
Und zeigt uns ihre magische Sicht auf die Welt.
Sie ist Freigeist – und damit typisch Berlin.

Vor dreissig Jahren fiel die Mauer. Berlin wurde zerstört. Und hat sich aus den Ruinen selbst wieder erhoben. Neu erfunden.

Neustart. Neubeginn.

Egal wie hart die Zeiten sind: Berlin lässt sich nicht unterkriegen.

LET´S START AGAIN!

Beitrag von unserer Gastautorin Malin Kristina Hunziker.

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