Ob leuchtend, serifenlos oder geschnörkelt: der Schrift sind keine Grenzen gesetzt.

Typografie hält stets den jeweiligen Zeitgeist einer Epoche fest. Sie gilt somit als essenzielles Kommunikationsmittel ©AusserGewöhnlich Berlin

Typografie als Zeitmaschine: das Buchstabenmuseum Berlin

Überwältigende Graffitis, urbane Kunst und einen außergewöhnlichen Wandel der Zeit. Das Buchstabenmuseum Berlin sammelt urbane Schriftzüge und bewahrt sie vor dem Vergessen. Leiterin Barbara Dechant im Interview.

Das Buchstabenmuseum ist weltweit das erste Museum, das Buchstaben aus dem öffentlichen Raum sammelt und ausstellt. Warum machen das ausgerechnet die Berliner?

Stimmt – wir sind das erste Museum weltweit mit dem Sammelschwerpunkt Buchstaben, Typografie bzw. Schrift aus dem öffentlichen Raum. Mittlerweile gibt es ähnliche Projekte auch in anderen Städten und Ländern. Grundsätzlich ist unsere Idee aber ortsunabhängig, also losgelöst von der Herkunft oder Kulturkreis.

„Uns geht es um die Rettung von Buchstaben, Bewahrung und der Erzählung ihrer Geschichten.“


Ich selbst komme aus Wien und habe dort bereits als Teenie die ersten Stadtschriften gesammelt. Als ich vor über 20 Jahren nach Berlin kam, gab es noch einige seltene DDR-Schriftzüge und natürlich auch viele andere Buchstaben. All diese wollten wir mit ihren spannenden Hintergrundgeschichten retten und bewahren: denn erst wenn man erfährt, was diese Lettern erlebt haben, entsteht die Faszination und man erkennt das Potential dieser typografischen Objekte.

Im S-Bahn-Bogen im Hansaviertel erstreckt sich das Buchstabenmuseum.

Nicht nur ein besonderer Ort für Grafiker. Typografie wirkt auf alle Menschen ©Buchstabenmuseum

Stadtschriften und Beschilderungen prägen eine Stadt auf feine und subtile Weise. Der Wandel Berlins in den letzten 20 Jahren ist enorm. Anhand der Schriftzüge lässt sich diese Entwicklung verfolgen.

Das Buchstabenmuseum bewahrt alte Schriftzüge als Kulturgut. Und trifft damit einen Nerv.

Das Buchstabenmuseum wurde bereits 2005 gegründet und zu dieser Zeit gab es in Berlin noch viele temporäre Zwischennutzungsmöglichkeiten. Unsere Standorte waren an sehr ungewöhnlichen Orten: Unsere Ausstellungsräume befanden sich z.B. in einem ehemaligen Beautysalon in einem Shopping-Center am Alexanderplatz oder in der Fleisch- und Frischeabteilung einer ehemaligen Kaufhalle an der Jannowitzbrücke.
Die Mischung aus diesen spannenden Orten mit unseren außergewöhnlichen Objekten wollten die Leute sehen.

Für wen ist die Ausstellung? Für Grafik- und Design-Liebhaber oder für den gemeinen Berliner?

Unsere Zielgruppe ist weit gefächert. Anfangs dachten wir aber tatsächlich, dass diese vor allem aus Menschen aus den kreativen Bereichen besteht.
Doch schon bald stellten wir fest, dass unsere Schriftzüge die Besucher/innen direkt und emotional »erwischen«.

Schrift wird oft nicht als Kunst wahrgenommen. Dennoch löst sie unbewusst vieles in Menschen aus ©AusserGewöhnlich Berlin

Wir haben beispielsweise Schriftzüge aus den 60er Jahren – handgeschrieben, schwungvoll mit leuchtenden Neonröhren. Besucher/innen, die in dieser Zeit groß geworden sind, verbinden ihre Jugend und die damaligen Erfahrungen damit. Sie stellen aber auch fest, dass durch das Verschwinden dieser Beschriftungen in der Stadt auch ihre Verbindung zu dem damalig Erlebten verloren gegangen ist. Unsere Buchstaben lassen diese Emotionen wiederaufleben.

„Oft sehe ich Menschen vor unseren Buchstaben stehen, die ein zartes, zufriedenes Lächeln auf den Lippen haben, wenn sie sich zurückerinnern. Das macht mich natürlich besonders glücklich!“


Typografie begeistert nicht nur Grafiker und Designer, sie hat Einfluss auf jeden Menschen.

Sie sagen, dass die Buchstaben einen Teil der Stadtgeschichte repräsentieren. Wie können Buchstaben Berliner Geschichte zeigen? Nennen Sie uns bitte Beispiele!

Viele Menschen, die zu uns ins Museum kommen, wollen auch das geteilte Berlin sowie den Unterschied von »Ost« und »West« kennen lernen.

Ein sehr simples Beispiel ist die Beschilderung der Berliner Verkehrsbetriebe (ÖPNV). Wir haben z.B. ein altes DDR-U-Bahn-Schild, aber auch ein aktuelles der heutigen BVG. Der gestalterische sowie technische Unterschied und die Weiterentwicklung sind dabei deutlich erkennbar.

 

E wie Entwicklung: Schrift in Berlin, so vielfältig wie die Stadt selbst.

Im Buchstabenmuseum wird dem Besucher die Diversität von Typografie vermittelt ©AusserGewöhnlich Berlin

Ein anderes Beispiel sind die Beschilderungen von Geschäften. Anhand dieser kann man die Entwicklung und Veränderung des Stadtbildes ablesen: früher stand über einem »Obst-und-Gemüse«-Laden eben »Obst & Gemüse«, also das, was man dort kaufen konnte. Danach wurde das Geschäft meist nach dem Besitzer benannt und so prang der Name über dem Eingang. Heutzutage ist es leider oft so, dass die Läden zu einem großen Konzern gehören und somit in jeder Stadt die selben Schriftzüge und Logos zu sehen sind.

„Die Individualität und Qualität der Region geht verloren, die Stadtzentren sehen zunehmend gleich aus.“


Daran erkennt man, wie stark Typografie Einfluss auf das Stadtbild nimmt und so Epochen und Modeströmungen erkennbar werden.
Zum Glück erleben wir gerade wieder eine Tendenz der »Diversität« und Wiederbelebung des Handwerks. Manufakturen und traditionelle, landestypische Dinge sind buchstäblich wieder angesagt.

Das Buchstabenmuseum greift die besondere Individualität alter Stadtbilder auf, und warnt somit vor einem Identitätsverlust der Städte.

Eine Zeitreise durch Berlin. Bestimmte typografische Elemente sind nicht mehr im Straßenbild zu sehen.

Auch wohl bekannte Orte ändern ständig ihr Gesicht. In dem Falle der charakteristische U-Bahnhof Alexanderplatz ©Buchstabenmuseum

Können Sie mir eine interessante über ein einen bestimmten Schriftzug erzählen, die typisch Berlin ist?

Ja, wir habe diesen tollen Ostberliner Schriftzug der Berliner TT-Bahnen [Anm.: Die VEB Berliner TT-Bahnen (BTTB) waren die »Märklin des Ostens«].
Es war eines der ersten Objekte, die wir in unsere Sammlung übernommen haben. Der Schriftzug hing über dem Eingang der Firma in der Storkower Straße im Prenzlauer Berg. Wie immer machten wir davor einen Begehungstermin, um abschätzen zu können, wie wir die Buchstaben am besten Demontieren und Transportieren.

Verschiedenste Schriften zeugen von vergangenen Zeiten.

Im Buchstabenmuseum werden urbane Schriften vergangener Zeiten gesammelt ©Buchstabenmuseum

Der Schriftzug hing in einer Höhe von über drei Metern und von unten sahen vor allem das Doppel-T recht massiv und schwer aus. Als wir dann aber »Auge-in-Auge« mit den Lettern standen, sahen wir, dass es keine dreidimensionalen, gebaute Buchstaben waren, sondern Kunststoffplatten, auf denen das Doppel-T mit sehr realistischem Schlagschatten gepinselt war. Der Kunststoff war bereits recht spröde und so haben wir die einzelnen Lettern mit einem kleinen Klacks direkt vom Vordach runter pflücken können.

„Ich liebe die Vielfältigkeit von Berlin. Die einzelnen Kieze sehen oft sehr unterschiedlich aus und man weiß oft gar nicht, in welcher Stadt oder in welchem Land man sich befindet.“


Sie sind in der Stadt unterwegs, um die Buchstaben einzusammeln. Sie kennen also viele verrückte Ecken in Berlin. Welche drei Orte sollte man im Sommer unbedingt besuchen?

Vor allem bevorzuge ich die typografisch unterschiedlichen Kieze: gerne reise ich in die Herzbergstraße ins »Dong Xuan Center« und tauche in die asiatisch-quitschebunte Plastikwelt ein. Zwischen handgeschriebenen Schriftzeichen und duftendem Glutamat findet man die kuriosesten Gegenstände, aber auch ungewöhnliche Situationen.

Schrift ist stets im Wandel, eben so wie die Metropolen der Welt.

Individualität bewahren! Das Buchstabenmuseum wirkt der Zunehmenden Angleichung der Städte entgegen. Typografie sei dafür essenziell ©AusserGewöhnlich Berlin

Bei schönem Wetter laden die vielen Parks ein: erst vor kurzem war ich wieder mal im Treptower Park und habe mir beim Sowjetischen Ehrendenkmal die eingemeißelten Texte von Stalin auf Deutsch und Russisch angesehen. Tatsächlich findet man dort seltene, typografische Feinheiten, aber auch kleine Fehler in den einzelnen Texttafeln.

Ansonsten empfehle ich natürlich unser Buchstabenmuseum in den S-Bahnbögen im Hansaviertel.
Wir hatten eine lange Anlaufphase, denn diverse Anträge und Genehmigungen mussten noch erledigt werden. Doch jetzt geht es buchstäblich wieder los!

Vielen Dank, liebe Frau Dechant!

Hier geht es zum Buchstabenmuseum.

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