Brenda Strohmaier über rauen Berliner Umgangston und Integrationsverweigerer

Wir erkunden zusammen mit Brenda Strohmaier das Wesen der Stadt und schauen, ob man „Berlin lernen“ kann.

 

Brenda Strohmaier - Foto- Reto Klar
Brenda Strohmaier hat das Wesen der Berliner untersucht (Foto: Reto Klar)

Und es werden immer mehr. Fast 45.000 Zuzüge konnte Berlin im letzten Jahr für sich verbuchen. Für viele ist das, nicht nur aufgrund des Wohnungsmarktes, ein wenig zu viel. Leidet die Berliner Identität darunter oder ist die ständige Bewegung in der Bevölkerung nicht längst Teil von ihr? Autorin Brenda Strohmaier hat sich wissenschaftlich mit dem Image der Hauptstadt beschäftigt und ein Buch mit dem Titel „Wie man lernt, Berliner zu sein“ geschrieben. AusserGewöhnlich Berlin hat sich mit ihr zu einem ausführlichen Gespräch getroffen. Nachdem es im ersten Teil um den Berliner Toleranz-Begriff ging, versuchen wir nun, das Wesen des Berliners ein Stück genauer zu erkunden.

 

Wie bewahrt man denn das Biotop Berlin vor den Zuzügen von außerhalb?

Da müssen wir alle dran arbeiten. Wenn ich meinen Freund frage: “Kann ich so auch rausgehen?” und ich seh’ irgendwie schlampig aus, dann meint er:

“Du musst! Du musst für Berlin kämpfen!”

Die Zuzüge sind ja keine neuzeitliche Erfindung. Es kamen drei Millionen Leute nach Berlin im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, in eine Stadt, die davor weniger als eine Millionen Einwohner hatte. Und sie wurden ja trotzdem alle, auf das, was schon da war, „eingeortet“. Das gilt auch für die Münchner, Schwaben und Engländer.

Schön zu sehen ist das in „The Bird“, dem vermutlich besten Burgerladen Berlins. Der Inhaber ist auf jeden Fall ein angelsächsischer Migrant und es gibt einen so unfassbaren Ton in dieser Speisekarte. “Why don’t you even try to eat this fucking burger with your hands?” “You know? Just don’t complain that we’re late. We’re just moving our asses as fast as we can!” Das ist so berlinisch! Woanders würde man wahrscheinlich nicht so eine Karte schreiben. Die sind mit ihrem Direktheits- und Unfreundlichkeitslevel definitiv auf Berliner Niveau.

Berlin hat seinen eigenen Umgangston (Foto: (CC BY-NC-SA 2.0) Roswitha Siedelberg)
Berlin hat seinen eigenen Umgangston (Foto: (CC BY-NC-SA 2.0) Roswitha Siedelberg)

Der Ton ist schon mal typisch für Berlin. Und was noch?

Neue Möglichkeiten zu erkunden und auszuleben – das gibt es hier mehr, als in anderen Städten. Weil es von Natur aus hier nicht viel gibt. In Berlin war ja früher nichts, nichts außer Sand. Und dann musste man sich schon irgendwas ausdenken, was man aus diesem Sand macht. Im Prinzip hatten wir das gleiche Problem wie Dubai heute, nur wir hatten noch nicht einmal Öl. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts muss man in Berlin echt durch Sand gewatet sein. Da hat man die Wohnungen auch noch mit Sand sauber gemacht. Der Sandwagen kam vorbei und man hat anschließend durchgefegt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Im ersten Reiseführer über Berlin steht auch eine wirklich große Verteidigungsrede gegen den Sand, der überall in den Wohnungen lag.

Und was ist eigentlich mit all den Menschen, die sich dem verweigern?

Das sind meiner Meinung nach Integrationsverweigerer, auch wenn das sicher im ersten Moment etwas hart klingt. Man darf aber auch nicht unterschätzen, wie stark die Struktur ist, in die man hier reingerät. Wer ein sehr empfindliches Gemüt hat, kann sich hier nicht besonders gut integrieren.

Dabei kommen doch meist alle her, weil es so viele Optionen gibt.

Stimmt. Wenn Leute über Berlin nachdenken, denken sie immer über Möglichkeiten nach. Die sagen nicht: „In Berlin ist es so und so.“ Sondern: „In Berlin kannst du das und das machen.“ Selbst der heterosexuelle Taxifahrer sagt: “Mensch, da kannst du schwul sein.” Auch wenn ihm das ja eigentlich auch ganz egal sein könnte. Berlin wird immer als Möglichkeitsraum wahrgenommen; ein Ort, in dem etwas sofort Realität werden kann, was aber noch gar nicht Realität ist. Ich nenne das gern Imaginär, ein Konzept, mit dem ich Städte grundsätzlich miteinander vergleichen kann. Das Imaginär ist so ein Begriff zwischen dem, was ist und was sein könnte.

Radfahren in Berlin
Berlin muss man entdecken, bevor man es versteht
(Original-Foto: (CC BY-NC-SA 2.0) Lieven SOETE )

Berlin ist sozusagen in den Köpfen der Leute ein Meer an Möglichkeiten?

Ja. Das ist aber nur dann ein Möglichkeitsraum für mich, wenn ich Leute kenne, die tatsächlich dahin gegangen sind. Und da ist etwas Spezielles, das mit Berlin passiert ist.

Der Traum ist Wirklichkeit geworden.

Für immer mehr Menschen, die ich kenne, gibt es hier inzwischen wirklich real umsetzbare Möglichkeiten. Das ist natürlich kein Traum im Sinne von: “Ich werd’ jetzt Millionär und ziehe auf die Karibikinsel.” Aber für all die Künstler in England oder Amerika ist das sehr greifbar. Die kennen hier idealerweise schon viele Freunde in Berlin und müssen sozusagen nur noch auf diesem Pfad hier anreisen. Dann ist das ein richtiges Imaginär, weil es eine umsetzbare Möglichkeit bedeutet.

Brenda Strohmaier weiß, wie man zum Berliner wird.
Brenda Strohmaier weiß, wie man zum Berliner wird.

Was ist das Wesen der Hauptstadt?

In ihrem Buch „Wie man lernt, Berliner zu sein“ (Erschienen 2014 im Campus Verlag) schließt Autorin Brenda Strohmaier diese Wissenslücke.

In unserer neuen Interview-Serie auf AusserGewöhnlich Berlin haben wir sie darüber befragt.

Mehr dazu findet ihr an dieser Stelle in den nächsten Wochen.

 

Brenda Strohmaier - Foto- Reto Klar
Brenda Strohmaier hat das Wesen der Berliner untersucht (Foto: Reto Klar)

Und es werden immer mehr. Fast 45.000 Zuzüge konnte Berlin im letzten Jahr für sich verbuchen. Für viele ist das, nicht nur aufgrund des Wohnungsmarktes, ein wenig zu viel. Leidet die Berliner Identität darunter oder ist die ständige Bewegung in der Bevölkerung nicht längst Teil von ihr? Autorin Brenda Strohmaier hat sich wissenschaftlich mit dem Image der Hauptstadt beschäftigt und ein Buch mit dem Titel „Wie man lernt, Berliner zu sein“ geschrieben. AusserGewöhnlich Berlin hat sich mit ihr zu einem ausführlichen Gespräch getroffen. Nachdem es im ersten Teil um den Berliner Toleranz-Begriff ging, versuchen wir nun, das Wesen des Berliners ein Stück genauer zu erkunden.

 

Wie bewahrt man denn das Biotop Berlin vor den Zuzügen von außerhalb?

Da müssen wir alle dran arbeiten. Wenn ich meinen Freund frage: “Kann ich so auch rausgehen?” und ich seh’ irgendwie schlampig aus, dann meint er:

“Du musst! Du musst für Berlin kämpfen!”

Die Zuzüge sind ja keine neuzeitliche Erfindung. Es kamen drei Millionen Leute nach Berlin im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, in eine Stadt, die davor weniger als eine Millionen Einwohner hatte. Und sie wurden ja trotzdem alle, auf das, was schon da war, „eingeortet“. Das gilt auch für die Münchner, Schwaben und Engländer.

Schön zu sehen ist das in „The Bird“, dem vermutlich besten Burgerladen Berlins. Der Inhaber ist auf jeden Fall ein angelsächsischer Migrant und es gibt einen so unfassbaren Ton in dieser Speisekarte. “Why don’t you even try to eat this fucking burger with your hands?” “You know? Just don’t complain that we’re late. We’re just moving our asses as fast as we can!” Das ist so berlinisch! Woanders würde man wahrscheinlich nicht so eine Karte schreiben. Die sind mit ihrem Direktheits- und Unfreundlichkeitslevel definitiv auf Berliner Niveau.

Berlin hat seinen eigenen Umgangston (Foto: (CC BY-NC-SA 2.0) Roswitha Siedelberg)
Berlin hat seinen eigenen Umgangston (Foto: (CC BY-NC-SA 2.0) Roswitha Siedelberg)

Der Ton ist schon mal typisch für Berlin. Und was noch?

Neue Möglichkeiten zu erkunden und auszuleben – das gibt es hier mehr, als in anderen Städten. Weil es von Natur aus hier nicht viel gibt. In Berlin war ja früher nichts, nichts außer Sand. Und dann musste man sich schon irgendwas ausdenken, was man aus diesem Sand macht. Im Prinzip hatten wir das gleiche Problem wie Dubai heute, nur wir hatten noch nicht einmal Öl. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts muss man in Berlin echt durch Sand gewatet sein. Da hat man die Wohnungen auch noch mit Sand sauber gemacht. Der Sandwagen kam vorbei und man hat anschließend durchgefegt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Im ersten Reiseführer über Berlin steht auch eine wirklich große Verteidigungsrede gegen den Sand, der überall in den Wohnungen lag.

Und was ist eigentlich mit all den Menschen, die sich dem verweigern?

Das sind meiner Meinung nach Integrationsverweigerer, auch wenn das sicher im ersten Moment etwas hart klingt. Man darf aber auch nicht unterschätzen, wie stark die Struktur ist, in die man hier reingerät. Wer ein sehr empfindliches Gemüt hat, kann sich hier nicht besonders gut integrieren.

Dabei kommen doch meist alle her, weil es so viele Optionen gibt.

Stimmt. Wenn Leute über Berlin nachdenken, denken sie immer über Möglichkeiten nach. Die sagen nicht: „In Berlin ist es so und so.“ Sondern: „In Berlin kannst du das und das machen.“ Selbst der heterosexuelle Taxifahrer sagt: “Mensch, da kannst du schwul sein.” Auch wenn ihm das ja eigentlich auch ganz egal sein könnte. Berlin wird immer als Möglichkeitsraum wahrgenommen; ein Ort, in dem etwas sofort Realität werden kann, was aber noch gar nicht Realität ist. Ich nenne das gern Imaginär, ein Konzept, mit dem ich Städte grundsätzlich miteinander vergleichen kann. Das Imaginär ist so ein Begriff zwischen dem, was ist und was sein könnte.

Radfahren in Berlin
Berlin muss man entdecken, bevor man es versteht
(Original-Foto: (CC BY-NC-SA 2.0) Lieven SOETE )

Berlin ist sozusagen in den Köpfen der Leute ein Meer an Möglichkeiten?

Ja. Das ist aber nur dann ein Möglichkeitsraum für mich, wenn ich Leute kenne, die tatsächlich dahin gegangen sind. Und da ist etwas Spezielles, das mit Berlin passiert ist.

Der Traum ist Wirklichkeit geworden.

Für immer mehr Menschen, die ich kenne, gibt es hier inzwischen wirklich real umsetzbare Möglichkeiten. Das ist natürlich kein Traum im Sinne von: “Ich werd’ jetzt Millionär und ziehe auf die Karibikinsel.” Aber für all die Künstler in England oder Amerika ist das sehr greifbar. Die kennen hier idealerweise schon viele Freunde in Berlin und müssen sozusagen nur noch auf diesem Pfad hier anreisen. Dann ist das ein richtiges Imaginär, weil es eine umsetzbare Möglichkeit bedeutet.

Brenda Strohmaier weiß, wie man zum Berliner wird.
Brenda Strohmaier weiß, wie man zum Berliner wird.

Was ist das Wesen der Hauptstadt?

In ihrem Buch „Wie man lernt, Berliner zu sein“ (Erschienen 2014 im Campus Verlag) schließt Autorin Brenda Strohmaier diese Wissenslücke.

In unserer neuen Interview-Serie auf AusserGewöhnlich Berlin haben wir sie darüber befragt.

Mehr dazu findet ihr an dieser Stelle in den nächsten Wochen.

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