Berliner Unfreundlichkeit

Die Berliner Unfreundlichkeit in einem Blick.

Gewöhnliche Berliner neigen zur Unfreundlichkeit. AusserGewöhnliche Berliner sind offen.

Berliner sind eigentlich gar nicht unfreundlich. Sie verzichten nur auf zwischenmenschliche Basiskomponenten: Als ich im Kiosk sah, wie der Kunde vor mir sein Kleingeld zum Bezahlen zusammensuchte, dachte ich, die Dame an der Kasse habe kein Wechselgeld. Also kramte ich hektisch in meiner Tasche und überreichte ihr, als ich dran war, stolz eine Handvoll Münzen, exakt passend. Die Resonanz der Dame: „Sajen se ma, will ma heute jeda mit seim Kleinjeld zuscheissn?“ 

Wenn Du erleben willst, wie freundlich und hilfsbereit Berliner wirklich sind, musst Du sie in echten Krisensituationen erleben: Im April 1945 beim Einmarsch der Roten Armee, zum Beispiel, oder am 9.November 1989, als die Mauer fiel. Oder falls Du einen Herzinfarkt auf offener Strasse bekommst. Da erlebst Du Berlins Herzlichkeit. 

In allen anderen, alltäglichen Situationen verzichtet Berlin auf oberflächliche Freundlichkeit. Wir erwachen erst in Extremsituationen, da werden wir dann umgänglich.

Alltag ödet uns an, und das lassen wir unser Umfeld auch spüren.

Man kann also nicht wirklich sagen, dass Berliner unfreundlich sind. Sie sind eher direkt. Und sie erwarten auch Direktheit. Wenn Du den zwischenmenschlichen Umgang mit zu viel Worten ausschmückst, lassen sie Dich wissen, dass sie dafür keine Zeit haben. Man kann also sagen, Berliner komprimieren ihre Konversationen. Zwischenmenschliches wird in dieser Stadt gezipt.

Insofern ist Berlin eine sehr moderne Stadt, bereit für die online-Welt, auch ohne kostenloses city-WLAN für alle. Ein kurzer Alltags-Kontakt zu Berlinern ist weniger ein persönliches Gespräch, sondern mehr eine Art Direktnachricht, nur offline. 

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Berliner Wortaustausch ist an facebook, sms und Whatsapp orientiert: Ohne Begrüßung, ohne Bitte und Danke, mit sehr, sehr neuer Rechtschreibung.

Und Berliner sagen immer, wie sie sich fühlen: Ein Freund hatte Gäste aus Freiburg zu Besuch. Sie wollten am Morgen in der Bäckerei Brot kaufen und begrüssten den Bäcker mit einem „Wunderschönen Guten Morgen!“. Der Bäcker antwortete: „Wat soll´n an diesm Morjen schön sejn`?“

Aber dafür kann Berlin auch immer gut einstecken.

Ein mitgehörtes Gespräch am BVG-Schalter Wittenbergplatz: 

Der dicke Mitarbeiter der BVG: „Könn wa nicht machn, is nich mein Bereich, interessiert ma nich. Da denk ick jar nich dran.“

Die Kundin: „Sollten Sie aber mal.“

BVG-Mann: „Wat?“

Kundin: „Denken. Wussten Sie, dass Denken die meisten Kalorien verbraucht? Würde Ihnen gut tun!“

BVG-Mann: „Meinse?“

Danach lief das Gespräch freundlich weiter.

No bad feelings.

Du musst eben nur hart genug sein, um an den weichen Kern zu kommen.

Dass Berlin als unfreundlich wahrgenommen wird, hat zwei Gründe:

Berlin war und ist Weltstadt,

Berlin hat (bisher) noch nie sein Geld mit Freundlichkeit verdient.

Neben diesen beiden Hauptgründen der Berliner Unfreundlichkeit gibt es noch einige kleinere, die aber meist entweder mit der S-Bahn, dem Wetter oder der Parkplatzsuche zu tun haben.

Grund 1: Berlin ist Weltstadt

Wer jemals in New York, Paris oder Istanbul war, weiss: Je größer der Menschenhaufen, desto mehr nerven sich alle. Ist Dir schonmal aufgefallen, dass man sich in kleinen Dörfern auf der Strasse begrüsst? Das liegt daran, dass man

einander kennt,

sich freut, einander zu sehen

es sich so gehört und sich alle an die Regeln halten.

In Weltstädten kennt man die Leute nicht, denen man dauernd begegnet und will sie auch nicht kennen lernen. Man freut sich auch nicht mehr, wenn man mehr als 10.000 Menschen am Tag begegnet. Vor allem nicht, wenn diese immer direkt vor einem an der Ampel oder auf der Rolltreppe stehen. Und an die Regeln hält man sich in grossen Städten sowieso kaum. Wer jemals versucht hat, in Rom in den Kreisverkehr gelassen zu werden, weiss, was ich meine.

Berlin hat irgendwann in den Jahren zwischen 1870 und 1890 die Mio.-Einwohnergrenze geknackt. Seit der grossen Stadtteil-Reform 1920, bei der bisher eigenständige Städte wie Charlottenburg, Reinickendorf oder Neukölln eingegliedert wurden, war Berlin eine der größten Städte der Welt. Zeitweilig rangierte Berlin nach New York und London an 3.Stelle der globalen Megacities.

So etwas verdirbt den Charakter nachhaltig.

Inzwischen ist Berlin mit seinen etwas über 3 Millionen Einwohnern nur noch Kreisliga, selbst mittlere Städte in China haben mehr Bewohner als wir.

Aber die Grundeinstellung als Weltstadt, die ham wa noch. 

Und obwohl in Berlin der Verkehr viel angenehmer ist als in London, Beijing oder Bangkok, obwohl es hier inzwischen viel ruhiger zugeht als in Mexico City, HongKong oder Paris – wenigstens unsere ungeduldige Art haben wir uns bewahrt.

   

Grund 2: Berlin hat (bisher) noch nie sein Geld mit Freundlichkeit verdient.

Es ist eine komplett neue Erfahrung für Berlin, dass so viele Gäste in die Stadt kommen. Ca. 13 Millionen Menschen strömen im Moment jedes Jahr nach Berlin. Dass diese Entwicklung völlig überraschend kam, sieht man daran, dass der neu geplante Flughafen BER schon vor der Eröffnung zu klein war: Geplant waren 27 Mio. Fluggäste pro Jahr, in 2020 werden es aber bereits ca. 35 Mio. sein.

Hast- Du Dich jemals gefragt, warum ausgerechnet im armen Berlin Bürgerbewegungen gegen Touristen entstehen, die es sonst ja fast nirgendwo auf der Welt gibt? Im Kreuzberger Wrangelkiez entstand 2011 eine Protestgruppe, die den Tourismus aus der Gegend drängen möchte. Und das in einem Stadtteil, der ca. 25% Arbeitslosigkeit hat.

Woran liegt das?

Heute arbeiten ca. 230.000 Menschen direkt im Berliner Tourismus. 

Früher gab es solche Zahlen nur aus der Industrie und Verwaltung. 

Diese Stadt hatte ihr Geld bis 1945 mit der Produktion von Turbinen, Eisenbahnen, Elektrogeräten oder Textilien verdient. Und mit der Verwaltung einer reichen, wachsenden Großstadt, die auch noch die Hauptstadt eines ganzen Reiches war.

Nach dem Krieg musste man sich daran gewöhnen, dass man nun viel kleinere Schrippen backen musste. Auf einmal gab es weder im West- noch im Ostteil nennenswerte Industrie, und auch das Reich war weg. 

Es blieb eine ziemlich grosse Verwaltung, die aus der Provinz finanziert wurde – im Osten wie Westen.

Und diese Mentalität hat sich konserviert: Berlin hat danach gerichtet, was übrig blieb: Beamte.

Und so hat diese Stadt nie wirklich gelernt, dass man freundlich sein sollte. Warum auch?

Das Geld kommt sowieso von oben.

Aber Du kannst beruhigt sein: Immer mehr Berliner entdecken, wie gut es für´s Geschäft ist, wenn man lächelt. Und auch, falls sie es doch nicht lernen sollten: Dank der Krise im Süden der EU kommen ja immer mehr Italiener, Spanier und Griechen nach Berlin. Die kennen sich mit Freundlichkeit aus.

Gewöhnliche Berliner verstehen einfach noch nicht, dass man direkt und offen sein kann, ohne dabei unfreundlich zu sein. AusserGewöhnliche Berliner sagen offen, was sie denken, und kommunizieren direkt und ohne Schnörkel. 

Aber sie haben dabei gute Laune.

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 P.s.: Nachtrag: Heute am Eingang eines Bürohauses. Im Vorbeigehen höre ich den Sicherheitsmann rülpsen. Ich drehe mich um und frage: „Haben Sie gerade gerülpst?“ Er. „Nein, ich habe gerade gefurzt.“

7 Kommentare zu “Berliner Unfreundlichkeit

  1. Hm, was ist mit dem preußischen Erbe des Militarismus, der Monarchie und Kriegslüsternheit? Berliner neigen zum Kommunizieren im Kommandoton und das klingt nunmal nicht freundlich.

  2. Ich hasse und verachte Berlin für seine Unfreundlichkeit. Hier machte es kein Spaß zu leben. Ich bin vor 1,5 Jahren hierher gezogen wegen meiner Karriere. Freundlich, offen, gut gelaunt und traf auf…ewig miesgelaunte, ruppige Berliner. Ich hab hier viel Geld gemacht, ja karrieretechnisch hat Berlin mir sehr geholfen, aber menschlich? Wer Gefühle hat und gerne mit Menschen zu tun hat, offen und freundlich ist geht in dieser Stadt ein. Mittlerweile lebe ich nicht mehr in Berlin. Karriere immer noch top und endlich NETTE Menschen. Berlina könn sich ihre Schnoddrigkeit sonstwo hinsteckn.

      1. An die „Dame“ Jane
        Wenn man so karrieresüchtig ist, dann muss man alle Nachteile in Kauf nehmen – viel ‚Spass‘ für das weitere Leben und kotz mal weiter lustig um dich rum und fühle die Verachtung eines alten Berliners für dich und deinesgleichen !

  3. Der Artikel beinhaltet leider einige Falschaussagen.
    Es ist immer wieder eine grundfalsche Annahme der Berliner
    , dass je größer die Standt ist, so unfreundlicher die Menschen sind.
    Ich bin wirklich schon viel in der Welt rumgekommen.
    New York ist eine der freundlichsten Städte die ich kenne.
    Sie rennen zwar alle geschäftig rum, aber wenn Du einen New Yorker fragst,
    dann bleibt er stehen und antwortet so ausführlich wie möglich auf deine Frage.
    Ich war nun schon 6 mal in New York und ich bin nirgendwo angeschnautzt worden,
    noch nicht einmal bei der berühmtberüchtigten Immigration.
    Und New York ist dreimal so gruß wie Berlin.

  4. Die schwachsinnigste Aussage, die ich je gehört habe: „Wir sind nicht unfreundlich, wir sind nur direkt.“ Natürlich will keiner zugeben, dass er unfreundlich ist. Vor allem nicht, wenn man sein Geld mit den Zuwendungen anderer verdient. Nette Ausrede, aber Berliner SIND unfreundlich.

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