Alexander Reinhardt von Airbus im Interview

Alexander Reinhardt, Vorstandsbeauftragter für Politik- und Regierungsangelegenheiten bei Airbus ©AusserGewöhnlich Berlin

Warum Soldaten zu den Grundbedürfnissen gehören – Airbus

Der Vorstandsbeauftragte für Politik- und Regierungsangelegenheiten von Airbus, Alexander Reinhardt, spricht mit uns über den Konzern als Netzwerkprojekt, die Gefahr militärischer Konflikte und ein geeintes Europa.

Fangen wir am Ende an: Du bist ein Münchner im Exil

Richtig.

Gibt es in Berlin Dinge, die Dir ganz besonders gut gefallen?

Ja, auf jeden Fall. In Berlin gibt es einfach nichts, was es nicht gibt.

Sowohl kulinarisch, als auch kulturell, nicht zu vergessen das Abendleben. Das alles ist schon sehr schön. Ich bin gerade mit meiner Familie in eine ruhigere Ecke gezogen, ins Grüne. So ist es für die Familie deutlich einfacher zu handhaben. Berlin hat also auch grüne und ruhige Wohnlagen zu bieten. Und Tegel natürlich; der Flughafen macht Berlin zu einer besonderen Metropole, weil man so schnell einchecken kann (lacht).

Im BER wurde gerade sogar Schimmel gefunden…

Das wird sowieso nichts mit dem neuen Flughafen (lacht). Das möchte doch anscheinend auch niemand; die Berliner wollen doch diesen neuen Flughafen gar nicht.


Was meinst Du – wird Tegel bleiben?

Ich denke, dass Tegel noch lange bestehen bleiben wird. Berlin kommt doch gar nicht ohne einen zweiten Flughafen aus. Schon jetzt ist der neue Flughafen zu klein… Da sollte man es handhaben wie in Paris, London oder New York: einen Flughafen für die nationalen und nahen europäischen Verbindungen, also für die Berliner und Geschäftsreisenden, und einen Flughafen für die Langstrecken-Verbindungen, das wäre dann Schönefeld.

Alexander Reinhardt von Airbus im Interview

Alexander Reinhardt in seinem Büro bei Airbus ©AusserGewöhnlich Berlin

Jetzt startet bald die ILA in Berlin. Warum hier? Ist dieser Ort denn passend zur derzeitigen Situation – flughafentechnisch gesehen?

Zum einen ist die ILA eine der ältesten Luftfahrtausstellungen weltweit – über 100 Jahre alt. Über Jahrzehnte fand die ILA aufgrund der deutschen Teilung in Hannover statt. Danach wurde sie natürlich wieder nach Berlin verlegt; daher findet sie traditionell in Schönefeld statt. Für die ILA ist es sogar gut, dass der BER noch nicht eröffnet wurde. So kann man viel leichter und besser Flugshows durchführen.

Was muss man auf der ILA unbedingt gesehen haben?

Da muss ich etwas Werbung in eigener Sache machen! Man muss auf jeden Fall den A350 von Airbus anschauen. Das ist der modernste Langstreckenflieger den es derzeit weltweit gibt.

Was ist denn am A350 so besonders?

Er ist sehr leise, der Komfort an Board ist besonders hoch. Die Fenster sind viel größer als gewohnt. Das macht das Fliegen zu einem ganz neuen Erlebnis.

Wie viele Menschen passen denn in dieses Flugzeug?

Rund 400 Passagiere.

400 Menschen? Das ist ja ein Dorf. Es gibt Dörfer in denen weniger Menschen wohnen…

Ja, das stimmt. Wir haben aber sogar Flugzeuge mit doppelt so viel Kapazität. In den A380 Langstreckenflieger von Airbus passen bis zu 800 Menschen hinein. Der A350 hat nur eine Ebene und ist somit ebenfalls ein sehr geräumiges Flugzeug.

Blick über das Regierungsviertel Berlin

Blick auf das kleine Regierungsviertel ©AusserGewöhnlich Berlin

Dann kann man darin natürlich auch essen und schlafen, oder?

Selbstverständlich, auf jeden Fall.

Wie lang ist die maximale Strecke, die der A350 am Stück zurücklegen kann?

Mit der neuen Reichweite schafft es der A350 fünfzehn Stunden in der Luft zu bleiben. Das bedeutet, man kann mit diesem Langstreckenflieger zum Beispiel nonstop von Deutschland nach Australien, oder auch von dort in die USA fliegen.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten eigentlich in einem Flugzeug wie dem A350?

Die Crew dieses Flugzeugs besteht inklusive Piloten aus knapp 20 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Für jemanden, der Airbus nicht kennt: was macht Airbus? Seit wann gibt es das Unternehmen? Wer ist der Inhaber?

Airbus gibt es bereits seit knapp 50 Jahren. Das Unternehmen ist mit Masse in Streubesitz.

Das heißt, das Unternehmen ist in den Händen von Aktionären und zu rund einem Viertel von drei Airbus -Heimatländern – Deutschland, Frankreich und Spanien. Das vierte Heimatland ist Großbritannien, aber die haben auf eigene Aktien verzichtet.

Airbus entwickelt und baut alles was fliegt:

Hubschrauber, kommerzielle Flugzeuge, Raumfahrt, zum Beispiel Ariane-Raketen und Satelliten. Auch Verteidigung und Sicherheit ist bei Airbus ein zentrales Thema, in Form von Transport- und Kampfflugzeugen, aber auch zunehmend digitalen Führungs- und Service-Systemen.


Darf Deutschland so etwas entwickeln?

Ja. Wenn Deutschland so etwas nicht selber könnte, müsste es diese Ressourcen auf dem Markt einkaufen. Und dann ist das Land natürlich auch abhängig von den Lieferanten; zum Beispiel, ob sie uns die volle Kapazität der Technologie liefern oder nicht.

Wenn Deutschland auch selbstständig handlungsfähig sein will, ist es gut beraten, eine eigene Industrie zu haben, die wiederum am besten im europäischen Verbund aufgehoben ist. Diesbezüglich ist Airbus die beste Wahl im europäischen Kontext.

Du kommst ursprünglich vom Militär, ist das richtig? Muss man Militär haben, ist das wirklich notwendig? Hätten wir nicht einfach nur Frieden, wenn es kein Militär gäbe?

Wenn sich alle daran halten würden, dann ja. Aber das ist ja leider nicht so und bei knapp 200 Ländern auf der Welt fallen mir jetzt spontan mindestens 60 bis 70 Länder ein, die alles andere als friedlich sind. Und solange das so ist, muss man sich zur Not wehren können.

Und zwar am besten so gut, dass andere Länder gar nicht auf die Idee kommen, den militärischen Konflikt zu suchen. Das hat zumindest in meiner bisherigen Lebenszeit von jetzt schon 50 Jahren funktioniert.

Ich glaube, wir hätten keine deutsche Wiedervereinigung erlebt, wenn wir nicht Stärke gezeigt hätten in Zeiten des Kalten Krieges.


Deshalb bin ich ein großer Verfechter der Abschreckung. Das heißt, möglichst große Stärke demonstrieren, um diese Stärke letztendlich gar nicht einsetzen zu müssen.

Wie stellt sich die jetzige Situation dar? Ist das noch eine sichere Welt, in der wir leben?

Nein, das ist eine sehr unsichere Welt, in der wir leben. Sie war, glaube ich, in der Zeit, in der ich jetzt auf diesem Planeten lebe, noch nie so unsicher wie jetzt.

Und die Gefahr militärischer Konflikte steigt leider an – und das sehr rapide.

Ich war vor einigen Wochen auf der Sicherheitskonferenz in München. Das war leider sehr ernüchternd, weil niemand wirklich überzeugende Ideen und Strategien aufgezeigt hat, wie man die Konfliktpotenziale reduzieren oder beherrschen kann.

Das kann schon Anlass zur Sorge geben. Und wenn man dann sieht, in welchem Zustand unsere Bundeswehr ist, dann sind wir im Moment sicher nicht in der Lage, aus einer Position der Stärke zu agieren.

Was kann der einfache Bürger machen?

Er oder sie könnte zuerst einmal den Grundwiderstand überwinden, alles was das Militär betrifft als schlecht anzusehen.
Wenn wir beispielsweise eine Aussage der Politik haben, die sagt, dass wir unsere Grenzen nicht schützen können, dann sollte das, glaube ich, den Bürgern Anlass zur Sorge geben.

Es ist vielleicht der Zeitpunkt gekommen, an dem wir ehrlich überlegen sollten, welche Grundbedürfnisse wir haben.


Berliner Grundwerte

Alexander Reinhardt über Grundwerte der Gesellschaft: Auch etwas für Berlin? ©AusserGewöhnlich Berlin

Wie in einer Maslowschen Bedürfnispyramide: dazu zählt als Basis doch auch die Sicherheit, oder?

Wir müssen ein gewisses Mindestmaß an Sicherheit für dieses Land als Gesellschaft positiv begleiten. Dazu gehört auch, dass die Tätigkeiten der Soldaten und Soldatinnen Wertschätzung erfahren. Dafür, dass diese Menschen dazu beitragen unser Land davor zu schützen, dass Konflikte zu uns kommen.

Ein schwieriges Thema – ich bin in meiner Meinung gespalten….

Es ist doch so: die Tatsache, dass wir überhaupt darüber diskutieren können, ob das Militär gut oder schlecht ist, kommt ja auch daher, dass wir eine sehr freie und offene Gesellschaft haben.

Ohne die Menschen im Militär, die bereit sind, diese Werte aufrecht zu erhalten und sich mit aller Kraft  dafür einzusetzen, könnten wir diese Gespräche gar nicht führen.
Das heißt, am Ende setzen sie sich auch für die ein, die gegen sie sind. Einfach, um diese Freiheit überhaupt zu ermöglichen.

Aber die Wertschätzung der Freiheit, die wir haben, kommt wahrscheinlich erst wieder, wenn man sie nicht mehr hat – dann ist es aber zu spät!


Deswegen finde ich ist es wichtig, dass man diese Vorsorge stetig trifft. Man schafft ja auch die Feuerwehr nicht ab, nur weil es mal zehn Jahre nicht gebrannt hat, oder?

Ein wirklich gutes Argument.
Haben wir Europäer überhaupt eine Chance gegenüber China, Russland, Amerika und den arabischen Staaten? Hat Europa seine Zukunft überhaupt noch in der Hand?

Im Moment steht Europa nicht an erster Stelle für die Zukunft, sondern andere Regionen, vor allem Asien. Das liegt daran, dass diese den neuen Technologien und auch Veränderungen wesentlich offener gegenüberstehen als wir.

Das wiederum hängt auch damit zusammen, dass sie wesentlich größere Bevölkerungszahlen haben als wir, und dass sie vor allem in den großen Ländern – China, Japan und auch Indien – homogener agieren als Europa.

Europa läuft Gefahr, sich viel zu stark zu verzetteln und nicht klar genug mit einer Sprache zu sprechen, sondern untereinander immer noch zu lange nach kleinsten gemeinsamen Nennern zu suchen.


Das führt dazu, dass wir uns zunehmend marginalisieren. Aber es wartet niemand auf uns. Wir kommen im Moment in eine Phase, wo wir sehr schnell aus der ersten Welt in eine zweite Liga abrutschen, im Vergleich zu den Regionen, in denen heute die Musik spielt.

Aber es ist gerade sehr viel Geld hier – also Deutschland ist nicht arm. In Berlin war noch nie so viel Geld im Umlauf wie zum jetzigen Zeitpunkt.

In Berlin, ja. Da wird derzeit viel investiert. Hoffentlich kommt dabei auch ein wirtschaftlich gestärktes Berlin heraus.

Ich habe nicht das Gefühl, dass wir da hinterherrennen.

Aber wenn man sich zum Beispiel anschaut, dass ein chinesischer Milliardär so nebenbei 10% an Daimler kauft, wie jetzt gerade geschehen, dann sieht man schon, wohin der Weg geht.

Wir müssen aufpassen, dass Europa seine Expertise erstens weiter in die Zukunft führt und zweitens weiter selber in den Händen hält.


Sonst werden wir genau die Lieferanten werden, die andere Länder über Jahrzehnte für uns waren. Wir entwickeln uns dann zu einer verlängerten Werkbank für Technologien, die woanders entstehen.

Europaangelegenheiten werden im Deutschen Bundestag besprochen

Blick aus dem Berliner Airbus Hub auf den Deutschen Bundestag ©AusserGewöhnlich Berlin

Und was können wir machen – oder was kann die Politik machen und die verschiedenen Länder innerhalb Europas, um endlich ein vereintes Europa zu werden? Liegt es nur an der Sprachbarriere?

Nein, das liegt natürlich auch an den Interessen der nationalen Regierungen, die ihre Souveränität behalten wollen und daran, dass die Interessen sehr unterschiedlich sind.

Und auch die unterschiedliche Taktung der Wahlen spielt eine Rolle. Je nachdem, welche Wahl in welchem europäischen Land stattfindet, gestaltet sich je nach Wahlsituation des Landes auch das politische Interesse sehr unterschiedlich.

Deswegen wird es weiter schwierig bleiben, ein einheitliches Bild herzustellen.
Wenn man sich mal Themen anschaut, die wirklich innereuropäisch geregelt werden müssen, dann ist es oft so, dass sich viele europäische Richtlinien mit Dingen beschäftigen, die jedes Land auch für sich selbst klären könnte.

Während umgekehrt wirklich wichtige große Themen wie die Verteidigung und Sicherheit erst an einem mühsamen Anfang stehen, europäisch verhandelt zu werden.

 

Das passiert, weil wir nach wie vor daran scheitern, für die gesamte Sache auf die nationalen Befindlichkeiten und Macht zu verzichten. Solange das so ist, bleibt es schwierig mit einem einheitlichen vereinten Europa.


Welche sind die „Vorzeigeländer“ in Europa, die am ehesten fähig sind, diese Einheit wirklich gelingen zu lassen?

Das sind heute im Angesicht von Brexit mehr denn je Frankreich und Deutschland. Die Deutschen waren aber durch eine nur geschäftsführende Regierung ein halbes Jahr blockiert (den Wahlkampf vorher, in dem auch nichts mehr ging, nicht eingerechnet). Nun muss zügig agiert werden, sonst wächst die Gefahr, dass die Franzosen, die im Moment sehr ernsthaft zusammen arbeiten wollen, die Lust wieder verlieren, weil wir einfach nicht rasch genug Entscheidungen in Deutschland treffen.

Airbus ist ein Beispiel für ein echt europäisches Netzwerkprojekt. Welche Grundwerte muss man leben, um ein so visionäres Projekt erfolgreich zu machen?

Man muss jeden Tag bereit sein, über die Grenzen hinweg ernsthaft zusammenzuarbeiten, und man muss den europäischen Gedanken auch wirklich in sich tragen.


Das geht natürlich bei so großen Projekten wie Flugzeugen besonders gut, weil man das allein gar nicht mehr umsetzen kann heutzutage. Und deswegen ist es eigentlich das perfekte Beispiel für europäische Integration.

Wir sagen gerne „Airbus is the part of Europe that works“ – und das ist auch wirklich so.

Wir arbeiten nicht in erster Linie politisch -, sondern unternehmerisch gesteuert. Das bedeutet, dass wir eben nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen müssen und dazu den kleinsten gemeinsamen Kompromiss, sondern dass wir die Thematik besprechen und dann werden Entscheidungen getroffen. Diese Entscheidung wird dann von allen mitgetragen.

Nur so kann das funktionieren und dahingehend ist Airbus schon wirklich ein Leuchtturm-Projekt für Europa, aber leider keines, das man ohne Weiteres in andere Branchen übertragen kann.

Man benötigt schon große Projekte, wie neue Flugzeugentwicklungen, um so etwas dann auch europäisch zu triggern.

Auf dem Schreibtisch von Alexander Reinhardt von Airbus zählt auch Innovation

Alexander Reinhardt von Airbus: manchmal muss man "out of the box" denken ©AusserGewöhnlich Berlin

Was ist das eigentlich für ein interessantes Objekt dort auf dem Regal?

Das ist ein „Dream Gate“. Auf der griechischen Insel Santorin gibt es  besondere Türen. Viele Häuser sind direkt an der Klippe. Die Eingangstüren sind am oberen Rand der Klippe, die eigentlichen Häuser darunter am Fels. So kann man, wenn die Tür geöffnet ist, direkt in den blauen Himmel, quasi in die Unendlichkeit schauen. Und eine Künstlerin aus Santorin hat daraus diese Dream Gates gemacht und gesagt: „Das kannst Du hinstellen wo Du willst. Du kannst durchgucken und siehst immer irgendwas, was Dich inspiriert“.

Das Objekt hier ist wie die Türen in Santorin, die mir immer sehr gut gefallen und mich inspiriert haben. Eine Erinnerung für mich, dass man einfach auch mal „out of the box“ denken sollte, und da hilft manchmal ein Blick durch so ein „Dream Gate“…

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